„History is made by those who show up“, Geschichte wird von denen geschrieben, die da sind. Ob diese Worte von John F. Kennedy stammen oder doch nur vom Drehbuchschreiber von „The West Wing“ ist nicht ganz klar. Gemeint war damit sicher kein deutscher Bundesligist, doch auch darauf passt das Zitat. Im Herbst können die rund 220.000 Mitglieder des BVB einen neuen Präsidenten wählen. Wirklich abstimmen und damit entscheiden wird nur ein Bruchteil. Die, die da sind.
Die Wahl beschert dem Verein ein Frühsommerdrama. Ende Mai erklärte Präsident Reinhold Lunow, er wolle nach drei Jahren wieder kandidieren. Das sei das gute Recht von Herrn Lunow, sagte Hans-Joachim Watzke, der starke Mann des BVB. Und weil er das überhaupt sagte, klang es wie das Gegenteil. Was Watzke nicht sagte, aber Bild und Süddeutsche Zeitung für ihn ausbuchstabierten: Eigentlich will ich! Wenige Menschen haben sich so um einen Klub verdient gemacht wie Watzke um Borussia Dortmund in seinen 20 Jahren als Geschäftsführer. Im Jänner 2024 kündigte er an, sich im Herbst 2025 zurückzuziehen. Zwischen den Zeilen habe er damals den Wunsch nach der Präsidentschaft deponiert und, so schreibt die Bild, 2022 bereits das Versprechen von Lunow erhalten, ihm dann Platz zu machen.
Wie viele deutsche Bundesligisten steht der BVB auf zwei Säulen: Es gibt das millionenschwere Fußballunternehmen der GmbH & Co. KGaA, die den Profibetrieb führt und ihren Aktionären Rechenschaft schuldet. Und es gibt den Ballspielverein Borussia 09 e. V. Dortmund, der seinen Mitgliedern Rechenschaft schuldet. Der Verein verfügt über einen Bruchteil des Etats der Kapitalgesellschaft, doch dank der 50+1-Regel kontrolliert er die GmbH. Um sportliche Entscheidungen geht es dabei nicht, um die großen Linien sehr wohl. Um diese Linien sorgt sich Lunow. „Der BVB darf niemals seine Identität verlieren“, schrieb er zu seiner Kandidatur. Und: „Wirtschaftliche Stabilität und gesellschaftliche Verantwortung gehören untrennbar zusammen.“ Er hat die Juristin Sabine Aldermann als Schatzmeisterin nominiert und Jakob Scholz als Vizepräsident. Scholz kommt aus der aktiven Fanszene und leitet die Fan- und Förderabteilung, die weitaus größte Sektion des Vereins. Das hat Gewicht. Sollten Watzke und Lunow gegeneinander kandidieren, würde Watzke vielleicht verlieren.
Im Gegensatz zum, von der Bild kolportierten, Postenschacher wäre das ein normaler demokratischer Vorgang. Doch weil Lunow und Scholz unter anderem das Sponsoring mit dem Rüstungsunternehmen Rheinmetall kritisiert haben, wird ein Drohszenario gezeichnet. Ungenannte Personen im Klub, so schreibt die Süddeutsche, sorgen sich, der BVB könne einen ähnlichen Weg gehen wie der HSV, Hertha und Schalke. Gemeint ist wohl, durch zu großen Einfluss der Fans absteigen. Mit Fakten hat dieses Geraune nichts zu tun, mit Panikmache viel. Die Bedeutung von 50+1 und die Idee des Mitgliedervereins werden gern kleingeredet, und zwar so lange, bis sich abzeichnet, dass Fans in wichtige Ämter gelangen könnten. Dann ist jede Mitgliederversammlung ein Schritt Richtung Abgrund. Aber wer Demokratie will, darf sie nicht verächtlich machen, sobald sie von Fans eines Fußballklubs ausgeübt wird.