„Mit Shon Weissman nehmen wir einen absoluten Top-Stürmer unter Vertrag. Shon ist hochmotiviert, sehr ehrgeizig und hat richtig Lust, in der Bundesliga erneut für Furore zu sorgen“, sagte Christoph Schößwendter, der Sportchef von Blau-Weiß Linz, im ersten Statement zur Neuverpflichtung des Bundesligisten. Die Ereignisse gaben ihm Recht. Weissman stand fünf Tage nach seiner Vertragsunterzeichnung beim Heimspiel gegen den GAK Mitte September in der Startelf. Er traf in der 24. Minute zum 1:0 und in der 48. zum 3:0-Endstand und wurde von Mitspielern wie Fans gefeiert. Es war der erste Sieg für die Linzer in dieser Saison.
Ohne Protest
Da hatte der Verein bereits eine zweite Mitteilung veröffentlicht, die sich mit Weissmans Social-Media-Auftritt befasste. Er habe nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 Beiträge gelikt und kommentiert, wie er es heute nicht mehr tun würde, steht darin. „Shon Weissman kannte einige der Opfer persönlich. Nach diesem Massaker war er entsprechend besonders emotional.“ Diese Umstände seien aus Österreich nur schwer vorstellbar. Das „Stahlstadt Kollektiv“ als Dachverband der blau-weißen Fanszene schrieb in einem Statement, man werde keine Protestaktionen setzen und sei zur Causa im Austausch mit dem Verein. „Wir werden keinesfalls zulassen, dass ein politischer Konflikt, der unfassbar großes Leid verursacht hat, in unserem Fanblock ausgetragen wird.“ Der Verein hat recht: Wer in einem westeuropäischen Land lebt und nicht aus einem Kriegsgebiet dorthin geflüchtet ist, kann das Leid der Menschen in Israel und im Gaza-Streifen nicht nachvollziehen und sollte vielleicht nicht über unmittelbare Reaktionen urteilen, selbst wenn sie, wie im Fall Weissman, rassistisch sind. Auch der Wunsch des „Stahlstadt Kollektiv“, einen Konflikt, der so sehr polarisiert wie der Krieg in Gaza, von der Freizeitbeschäftigung Fußball fernzuhalten, ist nur zu verständlich. Aber kann das aufgehen?
GEPLATZTER TRANSFER
Anfang August war Weissman noch vor dem Wechsel zum deutschen Zweitligisten Fortuna Düsseldorf gestanden. Den Medizincheck soll er schon bestanden haben, dann teilte der Klub mit, man habe sich nach intensiver Beschäftigung mit dem Spieler gegen eine Verpflichtung entschieden. Offenbar hatten die Verantwortlichen – vor allem auf Druck aus der Fanszene – weitere Recherchen zu Weissmans öffentlichen Äußerungen zum Nahostkonflikt betrieben.
Sie zeichnen ein klares Bild. „Lange vor dem 7. Oktober – und auch danach – hat Weissman pauschalisierende, verhetzende Äußerungen über arabische Bürger Israels gepostet“, schrieb Uzi Dann in der israelischen Tageszeitung Haaretz. „Grob gesprochen, ist er ein Anhänger von Itamar Ben-Gvir und dessen Lager – und das schon seit geraumer Zeit.“ Der Rechtsextremist Ben-Gvir ist Minister für Nationale Sicherheit, Mitte September schlug die EU-Kommission den Mitgliedsstaaten Sanktionen gegen ihn vor. Die FAZ und die Jüdische Allgemeine veröffentlichten ähnliche Einschätzungen zu Weissmans politischer Haltung.
Für die Fortuna dürfte die Entscheidung keine leichte gewesen sein. Der Klub wurde danach in Medien und von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf des Antisemitismus bezichtigt. Vereinsvertreter stellten klar, dass es nicht um Weissmans Herkunft und seinen Glauben gehe, sondern um seine öffentlich getätigten Äußerungen, die im Widerspruch zur Satzung von Fortuna stünden. Die Satzung besagt, dass der Verein rassistischen und diskriminierenden Verhaltensweisen aktiv entgegentritt. Ganz ähnlich klingt das Leitbild von Blau-Weiß: Der Klub lehnt Antisemitismus, Rassismus, Diskriminierung und jede Form von Gewalt ab. Von Weissmans direkt nach dem 7. Oktober geäußertem Wunsch, 200-Tonnen-Bomben auf Gaza zu werfen, distanzieren sich die Linzer. Die Unterstützung für Ben-Gvir und weitere Social-Media-Aktivitäten erwähnt der Klub nicht. Blau-Weiß-Fan Timon hat für die aktuelle Folge seines „Stoistodt Ambiente“-Podcast die Details zusammengetragen und dem Verein zukommen lassen. Weissmans Äußerungen würden nicht mit dem Leitbild von Blau-Weiß zusammenpassen, sagt er im Podcast. „Um vielleicht nicht abzusteigen, werfen wir unsere Prinzipien über Bord.“
BALANCEAKT
Im Spannungsfeld zwischen sportlichen Ambitionen und politischen Werten befinden sich auch die Mitglieder des „Stahlstadt Kollektiv“, sagt dessen Sprecher Gregor Schinko im ballesterer-Gespräch. „Es gibt viele unterschiedliche Positionen – von Personen, für die der Transfer ein komplettes No-Go ist, zu anderen, die unbedingt weiter Bundesliga spielen wollen und sich darüber freuen.“ Derzeit arbeitet der Fandachverband gemeinsam mit dem Verein an einer tieferen Verankerung des Leitbilds – sichtbar im Stadion und als Passus in Spielerverträgen. „Wir wollen in die Zukunft schauen und verhindern, dass so eine Situation noch einmal entsteht“, sagt Schinko. Auf eine ballesterer-Anfrage antwortete Blau-Weiß Linz lediglich mit dem bereits veröffentlichten Statement und ignorierte die Frage zu den weiteren Postings ebenso wie die zu einer etwaigen Rücksprache mit Fortuna Düsseldorf. Mehrfach beruft sich der Klub auf seine Werte, fast so, als seien sie der Grund und nicht eine mögliche Hürde für die Verpflichtung. Ganz ähnlich reagierte Geschäftsführer Christoph Peschek im Sky-Interview vor dem Spiel gegen den GAK. Auf den Hinweis des Moderators zu den Postings vor dem 7. Oktober ging Peschek nicht ein. Der Nahostkonflikt sei komplex, Blau-Weiß stehe für klare Werte, Weissman bereue seine Kommentare vom Oktober 2023.
Blau-Weiß Linz macht es sich zu einfach, wenn der Klub sich wiederholt nur auf das bezieht, was Weissman in jenen Tagen gepostet hat. Dem Verein bleibt jedoch nicht viel anderes übrig, denn nur dazu hat Weissman Stellung bezogen. Auf X schrieb er nach dem geplatzten Wechsel nach Düsseldorf: „Ich lasse mich nicht als Person darstellen, die Hass verbreitet, nur wegen drei Likes und einem Kommentar, die direkt gelöscht wurden.“ Zu früheren und späteren Social-Media-Aktivitäten sowie seinen Sympathiebekundungen für Ben-Gvir hat Weissman sich nicht geäußert. Die Postings sind gelöscht, sein Instagram-Profil ist nicht mehr öffentlich. Auf die Frage nach möglichen Imageschäden für seinen Verein sagte Peschek bei Sky: „Die überwiegende Mehrheit sieht Weissmans hohe sportliche Fähigkeiten.“ Blau-Weiß hätte sich auch ganz auf diese Position zurückziehen und außersportliche Themen ignorieren können.
Doch der Verein hat sich für eine Gratwanderung entschieden: Er hebt sein Leitbild hervor und blendet aus, dass Weissmans Haltung damit wohl nicht vereinbar ist. Bisher geht diese Strategie auf. Auf die sportlichen Fähigkeiten Weissmans muss der Klub nach dessen Verletzung im Linzer Derby hingegen kurzzeitig verzichten.
Mitarbeit: Fabian Beer