27.08.2025: Prolog
Alles ist angerichtet. Champions-League-Qualifikation im Flutlicht des Franz-Horr-Stadions. Der Andrang ist an diesem Mittwochabend so groß, dass an den zwei Eingängen noch dutzende Fans in der Schlange stehen, als die slowenische Schiedsrichterin die Partie anpfeift. Zu Gast sind die schottischen Rekordmeisterinnen. 2.240 Zuschauer*innen unterstützen die Frauen der Wiener Austria gegen Glasgow City, sie können ein souveränes 2:0 bejubeln. Das Team ist in der Qualifikation eine Runde weiter, die Fans auf der Nordtribüne klatschen und singen.
Die Nordtribüne des Horr-Stadions bietet aber nicht nur dem Publikum Platz. Seit dem Umbau des Stadions ist in ihrem Bauch die Geschäftsstelle des Klubs untergebracht, in den Stunden vor der Partie ist dort die Hölle los. Um 13.50 Uhr hat die Austria eine Presseaussendung verschickt. Sie ist mit den Worten überschrieben: „Jürgen Werner legt Funktion als Sport-Vorstand zurück.“
Bei vielen Fans war Werner verhasst, die Rückendeckung der Funktionäre hat er offenbar vermisst. Der Rücktritt ist das nächste Kapitel einer turbulenten Geschichte. Vor zwölf Jahren haben die Männer den letzten Meistertitel gewonnen, vor sieben hat die Austria ihr rundum erneuertes Stadion eröffnet, da hat es ein Frauenteam unter diesem Namen noch gar nicht gegeben. Dann zwang ein Schuldenberg den Klub fast in die Knie. Er ließ sich mit windigen Partnern ein und musste von Investoren um Werner gerettet werden. Die Austria stolperte und fiel, doch irgendwie schaffte sie es immer wieder auf die Beine. Der Klub verpasste sich ein neues Image, im Vorjahr holte die Mannschaft beinahe den Titel, das Stadion war so voll wie nie, die Osttribüne so laut wie schon lange nicht. Die turbulente Geschichte ist noch nicht zu Ende, aber schon jetzt ein Drama in zwölf Akten.
29.05.2013: Das Unwetter von Wien
Auf der blauen Laufbahn im Ernst-Happel-Stadion steht das Wasser, es regnet und regnet. Die Bedingungen für das bevorstehende Cupfinale sind nicht einfach und schon gar nicht frühsommerlich, doch die beiden Mannschaften haben jeden Grund zur Freude. Der FC Pasching hat als Regionalligist sensationell den Einzug in dieses Spiel geschafft und im Semifinale Red Bull Salzburg geschlagen. Die Austria hingegen hat vor zwei Tagen am Rathausplatz mit 10.000 Fans den ersten Meistertitel seit 2006 gefeiert. Alle Granden sind da gewesen: Bürgermeister und Edelfan Michael Häupl, Präsident Wolfgang Katzian und Jahrhundertfußballer Herbert Prohaska. Kapitän Manuel Ortlechner hat auf der Bühne noch einmal den Meisterteller präsentiert.
Der Erfolg ist unerwartet. Vor der Saison ist Vereinslegende Peter Stöger vom Nachzügler Wiener Neustadt als Trainer gekommen. Gemeinsam mit seinem Assistenten Manfred Schmid hat er die Austria zu einer Einheit geformt – auf dem Feld und in der Kabine. Für Individualisten wie Roland Linz und Dare Vrsic ist kein Platz mehr. Für Tore sorgt ein anderer: Philipp Hosiner, lauf- und abschlussstark, wird mit 32 Treffern Torschützenkönig. Eigenbauspieler wie Alexander Gorgon, Heinz Lindner und Markus Suttner sind Stützen des Teams, Legionäre wie Tomas Jun und Kaja Rogulj spielen groß auf. „Mir wurde noch nie in meinem Leben so viel Sympathie von Fans und von einer Mannschaft entgegengebracht“, hat Stöger auf der Meisterfeier gesagt. Mit einem Rekord von 82 Punkten aus 36 Spielen und nur vier Niederlagen holt die Mannschaft den Titel. Die enormen Zahlungen für die Punkteprämien bereiten Wirtschaftsvorstand Markus Kraetschmer kein Kopfzerbrechen, wie er der Krone sagt, immerhin hätten sich durch die gestiegenen Ticketverkäufe und das Merchandising auch die Einnahmen erhöht.
Ein neuer Fanartikel ist heute auch beim Cupfinale im Prater zu sehen. Die gelben T-Shirts mit der kleinen Meisterschale leuchten. Doch die meisten davon verschwinden wegen des Regens schon bald unter Jacken und violetten Schals. Fast werden die nach vier Minuten jubelnd in die Luft gerissen – aber Paschings Tormann Hans-Peter Berger wehrt einen Freistoß von Gorgon via Torstange ab. Danach scheint der Austria die Luft auszugehen, sie agiert behäbig und müde. Und der FC Pasching zeigt, dass er kein normaler Regionalligist ist, acht Spieler in der Startelf haben Bundesliga-Erfahrung. Eine Kooperation mit Red Bull Salzburg macht es möglich. In der 47. Minute erzielt Daniel Sobkova das 1:0 für die Oberösterreicher. Die Austria kann nicht nachziehen – Pasching wird Cupsieger, der Meister ist blamiert. „Sie wollten den Sieg mehr“, gibt Kapitän Ortlechner zu.
Nach der Meisterfeier hat Stöger gesagt: „Ich kann alle Konkurrenten beruhigen: Das wird in dieser Art und Weise wahrscheinlich nicht zu wiederholen sein.“ Aber es gelingt der Austria, die Meistermannschaft zusammenzuhalten. Nur ihren Trainer verliert sie nach wochenlangen Verhandlungen an den 1. FC Köln, er nimmt seinen Assistenten Schmid mit. Stögers Nachfolger kommt vom WAC und heißt Nenad Bjelica. Im August macht er das verlorene Cupfinale endgültig vergessen: Die Austria qualifiziert sich dank eines Heimsiegs über Dinamo Zagreb im Play-off für die Champions League, zum ersten Mal seit 20 Jahren.