Für Torfrau Mariya Denyshchych, ihre Mitspielerinnen und die Betreuer*innen ist der Krieg zur Normalität geworden. Ihr Klub heißt Metalist 1925 und kommt aus Charkiw, im Vorjahr sind sie Vizemeisterinnen geworden, aktuell führen sie die Tabelle in der Ukraine an. Heimspiele trägt Metalist in Schtschaslywe, einem Vorort von Kiew, aus, die meisten Ligapartien beginnen um die Mittagszeit. „Es gibt eine ganze Reihe neuer Regeln“, sagt Denyshchych. „Bevor ein Spiel beginnt, muss jemand überprüfen, ob wir einen Schutzkeller in der Nähe haben. Wenn dann der Luftalarm geht, laufen wir in den Schutzkeller und warten, bis Entwarnung kommt. Manchmal gibt es zwei-, dreimal während eines Spiels Alarm.“
Ende August spielt Metalist aber nicht in der Ukraine, sondern in Stockholm. In einem Miniturnier mit den Gastgeberinnen des Hammarby IF, Manchester United und PSV geht es um den Einzug ins Play-off zur Champions League. Es wäre die erste Europacupteilnahme für die Ukrainerinnen, das Team existiert erst seit zwei Jahren unter diesem Namen. Im ersten Spiel geht es für sie gegen die Schwedinnen, die 2023 die Meisterschaft und in der Vorsaison den Cup gewonnen haben und die Favoritinnen sind. Stürmerin Ellen Wangerheim und Abwehrspielerin Smilla Holmberg stehen auf den Notizblöcken europäischer Scouts, auf der Bank sitzt die Norwegerin Cathinka Tandberg, die nur zwei Wochen nach Ende des Miniturniers zu Tottenham Hotspur wechseln wird.
Trommeln und Rufe
Um kurz vor 19 Uhr betreten die Teams den Rasen der Stockholmsarena: die Spielerinnen von Hammarby in gelben Trikots und grünen Hosen – die elf Ukrainerinnen tragen ihre Nationalflagge über den Schultern. Die Fans von Hammarby singen ihre größten Hits, und zumindest der Lärmpegel ist wesentlich höher, als man es bei 3.000 Zuschauer*innen erwarten würde. Hammarby hat eine aktive Fanszene, die das Team mit Trommeln, Blockfahnen und Gesängen unterstützt. Sie steht direkt hinter dem Tor. Auf einer Längstribüne sitzt eine kleine Gruppe ukrainischer Fans, unter ihnen ist Olena. Sie lebt seit ein paar Jahren mit ihren drei Söhnen in Schweden, sie sind gemeinsam mit einem befreundeten Ehepaar zum Spiel gekommen. Die drei Buben wechseln mit dem Anpfiff in die erste Reihe und rufen mit Trotz und Stolz: „Metalist! Metalist!“
„Fußball ist eine Menge Organisation für uns. Das Reisen auch“, sagt Torfrau Denyshchych im Gespräch mit dem ballesterer nach dem Match. Das Team ist in einem Mittelklassehotel in der Nähe des Messegeländes am Stadtrand untergebracht. Den Kontakt zur Spielerin hat der Pressesprecher des Klubs, Pavlo Posokhow, hergestellt. Er konnte nicht mit dem Team nach Schweden. Alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren sind aufgrund des geltenden Kriegsrechts verpflichtet, im Land zu bleiben, da sie für den Militärdienst einberufen werden können. Der letzte Krieg in Stockholm ist über 300 Jahre her. Für die Ukrainerinnen ist er Alltag. „Du weißt nicht, ob du aufwachen wirst oder nicht. Dann kommt der Morgen, du stehst auf und gehst zur Arbeit, niemand fragt dich, ob du gut geschlafen hast, weil alle wissen, dass du es nicht getan hast“, sagt Denyshchych.
Das Spiel wird angepfiffen, und bereits nach fünf Minuten erzielt Wangerheim das 1:0 für Hammarby. Die Schwedinnen starten gewohnt aggressiv und setzen die Gäste enorm unter Druck. In der ersten Halbzeit klären die Ukrainerinnen viermal auf der Linie. Aber in der 22. Minute gleicht Mittelfeldspielerin Wiktorija Hiryn überraschend aus. Und zehn Minuten nach der Pause ist die 39-jährige Kapitänin Daryna Apanaschtschenko zur Stelle und bringt Metalist 1925 sensationell in Führung. Zum ersten Mal werden die schwedischen Fans hinter dem Tor leise.
Herzensentscheidung
Denyshchych sitzt auf der Bank. Die 24-Jährige ist ausgebildete Sportlehrerin, vor Kriegsbeginn hat sie bei Schachtar Donezk gespielt. Ein paar Monate danach hat sie die Ukraine verlassen und ist nach Deutschland gegangen. Im Interview spricht sie ruhig und gefasst. Ihr ist wichtig zu betonen, dass sie keinen einzigen Tag auf staatliche Unterstützung angewiesen war. Sie habe in einer Buchdruckerei gearbeitet, in Tag- und Nachtschichten und nach einer Weile auch Fußball für den FC Ergolding in Bayern gespielt. Sie habe keine Ausrüstung gehabt, man habe ihr alles besorgt, sagt sie. Mit ihrem Torwarttrainer und einigen Spielerinnen ist sie nach wie vor in Kontakt. Sie redet mit Wärme über diese Zeit, in Deutschland ist sie dennoch nicht geblieben. „Es ist ein schönes Land mit sehr freundlichen Menschen“, sagt sie. „Meine Mentalität ist die Ukraine, ist Kiew. Es war eine Herzensentscheidung. In der Ukraine spüre ich, dass ich lebe.“ Nach ihrer Rückkehr heuerte sie bei Metalist an. Der Klub entstand im Juli 2023 aus der ruhenden, aber früher sehr erfolgreichen Frauensektion von Schytlobud-1. Zehnmal gewann das Team aus Charkiw die Meisterschaft, so oft wie kein anderer Klub. Apanaschtschenko spielte schon von 2018 bis 2022 für das Team, bis der Ligabetrieb mit Kriegsbeginn zunächst eingestellt wurde.
Die Ruhe im Hammarby-Sektor währt nur kurz. Innerhalb von neun Minuten wird aus dem 1:2 ein 4:2 für die Gastgeberinnen, Metalist 1925 scheint geschlagen zu sein. Doch dann unterläuft Hammarbys Innenverteidigerin Emilie Bragstad ein Eigentor, und in der 90. Minute gleicht Veronika Andrukhiw aus. 4:4. Und als alle schon mit einer Verlängerung rechnen, köpft die eingewechselte Norwegerin Tandberg in der dritten Minute der Nachspielzeit das 5:4. Am frühen Samstagnachmittag ist der Bewerb für Metalist 1925 zu Ende. Das Team verliert 0:2 gegen den PSV Eindhoven. Aus der ersten Teilnahme an der Champions League in der Geschichte des Klubs wird nichts. Das Miniturnier gewinnt Manchester United, die Engländerinnen schlagen am Samstag Hammarby mit 1:0.
„Für uns war es wichtig, unseren Charakter zu zeigen und den Charakter der Ukraine“, sagt Denyshchych. „Wir spielen nicht nur für einen Klub. Wir repräsentieren auch unser Land.“ Die 24-Jährige gehört einer Generation an, die, wie auch immer der Krieg in der Ukraine ausgehen wird, von diesen Jahren für immer geprägt sein wird. Sie alle kennen jemanden, der wie Denyshchychs Bruder an der Front war, dort ist oder nicht mehr von dort zurückgekommen ist. Für die Torfrau und ihre Mitspielerinnen beginnt einen Tag später die lange Rückreise. Ein Flug nach Warschau und dann eine lange Busfahrt nach Kiew. Neunzehn Stunden werden sie unterwegs sein.