Mein Freund heißt Zdravko Grgic. Er stammt aus Teslic aus dem Norden von Bosnien und Herzegowina. Er unterhält sich gerne darüber, mit wem er verwandt und bekannt sein könnte, um sich daran zu freuen, wie groß seine Verwandtschaft und Bekanntschaft ist. In solchen Gesprächen konfrontiere ich ihn mit den verschiedenen Fußballern mit seinem Nachnamen.
Leon Grgic vom SK Sturm ist einer davon. Im August berichteten Medien über seine Entscheidung, für die kroatische und nicht für die österreichische Nationalmannschaft zu spielen. Beide Verbände hatten sich darum bemüht, den Stürmer für sich zu gewinnen. Er besitzt beide Staatsbürgerschaften, durchlief aber alle Jugendnationalteams des ÖFB. In einer Aussendung sprach er von einer schwierigen Entscheidung, aber von einer seines Herzens. Er bat darum, die Entscheidung zu akzeptieren und die Beschimpfungen und Bedrohungen gegenüber ihm und seiner Familie einzustellen.
Peinlich, dass ein 19-jähriger Kicker, der sich nichts zuschulden hat kommen lassen, in Österreich um so etwas bitten muss. Gerade erst hat er die Entscheidung getroffen, bis 2027 bei seinem Klub zu bleiben und nicht ins Ausland zu wechseln. Jetzt ist er nicht mehr nur Talent, sondern Einserstürmer der Tore liefern muss. Hunderte Meinungen von Vater, Berater, Verein und Fans prasseln auf ihn ein. In solchen Momenten haben schon viele die Nerven verloren, die Balance zwischen Ehrgeiz und Überschätzung nicht gefunden. Sie ist notwendig, um langfristig erfolgreich zu sein. Allen Patrioten, die Kostenrechnungen für den österreichischen Fußball aufstellen, sei gesagt: Das größte Investment in die Karriere von Leon Grgic haben seine Familie und Sturm getätigt. Seine Entscheidung, für Kroatien zu spielen, ist mutig, weil sportlich herausfordernd.
Als Kind bosnischer Kroaten, das in Österreich geboren und aufgewachsen ist, hat er eine dreifache Identität: Bosnier-Kroate-Österreicher. Das Alltagsleben mit all seinen Unwägbarkeiten erlebt man hauptsächlich in Österreich. Kroatien und Bosnien meist nur vermittelt von den Eltern, Freunden, Medien und durch Urlaubsaufenthalte. Da neigen nicht wenige Kroaten zur Glorifizierung ihrer Abstammung – unterstützt dadurch, dass der kroatische Staat seine Vergangenheit nicht aufarbeitet. Ob das bei Leon Grgic der Fall ist, wissen wir nicht, und er muss es uns auch nicht sagen.
Vielleicht entschied er sich auch aus Dankbarkeit gegenüber Eltern und Großeltern für Kroatien. Und nicht für Österreich, wo viele Menschen mit kroatischem Hintergrund hart arbeiten müssen, um sich und ihren Kindern etwas aufzubauen. Wo sie, wenn es blöd kommt, immer noch „die Jugos“ sind und es bis in alle Ewigkeit bleiben. Außer sie können gut kicken oder erbringen sonstige Höchstleistungen. Dann sollen sie gefälligst dankbar sein und für Österreich spielen. Heimat fühlt sich anders an.
Lassen wir Grgic in Ruhe Fußball spielen. Nur eines bleibt offen. Ob er mit meinem Freund Zdravko verwandt ist. Von Teslic nach Kotor Varos, dem Heimatort von Leons Vater, ist es durch den Wald nur eine Stunde mit dem Fahrrad, sagt Zdravko.