Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, so lautet eine Redewendung – die nicht zwangsläufig negativ gemeint ist. Viel Licht strahlt die WM 2026 allerdings im Moment nicht aus. Im Land des größten Gastgebers versetzen paramilitärische Einheiten Menschen in Angst und Schrecken, während Präsident Donald Trump damit droht, Verbündete anzugreifen. Beim schreckstarren Blick auf die neuesten Nachrichten aus dem Weißen Haus gerät leicht aus dem Fokus, was im Land eines anderen WM-Teilnehmers geschieht – und was der Fußball damit zu tun hat.
Im Iran hat das Regime während der ersten Wochen des Jahres mutmaßlich ein Massaker an der Bevölkerung verübt und tausende protestierende Menschen getötet. Gesicherte Informationen sind aufgrund der Internetsperre kaum verfügbar, laut Medienberichten sind jedoch mindestens drei Fußballer unter den Opfern: Mojtaba Torshiz, der früher für Tractor SC aus Täbris auflief, der 17-jährige Nachwuchsspieler Rebin Moradi und Tormann und Trainer Amir Mohammad Kouhkan. Omid Ravankhah, Trainer des U23-Nationalteams, soll im Jänner bei der Einreise von Sicherheitsleuten befragt, sein Pass dann konfisziert worden sein. Er hatte während der U23-Asienmeisterschaft in Saudi-Arabien gesagt, dass er die Proteste unterstütze. Aus hoffentlich sicherer Entfernung tat das auch Mehdi Taremi, der Kapitän des iranischen Nationalteams, der für Olympiakos Piräus spielt. Er traf im Jänner in der Liga gegen Atromitos Athen –ohne zu jubeln. „Ich kann meine Tore nicht feiern“, sagte er anschließend, „aus Solidarität mit den Menschen im Iran und dem, was sie durchmachen.“
Fußball ist eine große Sache im Iran – und eine politische, die ins Rampenlicht gehört. Seit Jahrzehnten kämpfen Fans und Aktivist*innen gegen das Stadionverbot für Frauen, viele von ihnen wurden während der „Grünen Revolte“ 2009 verhaftet. Mit den Protesten 2022 unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit“ trat eine neue Generation auf, die auch bei der WM in Katar sichtbar war. Iranische Fans –viele aus dem Exil angereist – protestierten auf den Straßen von Doha und im Stadion, wo sie von Stewards und der katarischen Polizei schikaniert wurden. Das iranische Nationalteam verweigerte beim ersten Gruppenspiel das Singen der Hymne. Diese Geste wiederholte das U23-Team von Trainer Ravankhah heuer bei der Asienmeisterschaft.
Welche Konsequenzen das für die Spieler hat, ist von einem Schreibtisch in Westeuropa nicht auszumachen. Eins ist jedoch sicher. Von einer Organisation können weder sie und ihr Coach, noch die Angehörigen der getöteten Fußballer und die weiblichen Fans im Iran Unterstützung erwarten: von der FIFA. Wären Gleichberechtigung, Antidiskriminierung und der Einsatz für Menschenrechte für den Weltverband unter Präsident Gianni Infantino etwas anderes als leere Worthülsen, könnte er sich für die Sicherheit der U23-Spieler einsetzen. Er könnte vom iranischen Regime Rechenschaft über getötete Fußballer verlangen und der Oppositionsbewegung bei der WM eine Bühne geben, unterstützt von der ältesten Demokratie der Welt. Doch die US-Regierung verbietet iranischen Fans die Einreise – und ist damit der beste Verbündete für Teheran.