„Es gibt eine Rückbesinnung auf den Amateurfußball.“
Im Herzen der Stadt
„Wie kann man in Hamburg wohnen und nicht zu Altona 93 gehen?“ – Der Fragesteller ist schon leicht angetrunken und aufgrund des Spielstands zusätzlich euphorisiert. Sein Verein, der VfB Oldenburg, ist bei Altona 93 gerade 2:1 in Führung gegangen. Es ist der dritte Spieltag in der viertklassigen Regionalliga Nord, und tatsächlich lässt sich kaum vorstellen, wo Fußball an diesem Sonntagnachmittag viel schöner sein könnte: Sonne, gute Stimmung und ein traditionsreiches Stadion.
Der Altonaer Fußball-Club von 1893 spielt im gleichnamigen Bezirk in einer beliebten Wohngegend, rund um das Stadion leben viele Jungfamilien und Studenten. In 20 Minuten kann man von hier zur Elbe spazieren, im Sand sitzen und Hafenkräne und Containerschiffe beobachten. An der schmalen Straße vor dem Stadion parken heute zwei Reisebusse, mit denen die VfB-Fans angereist sind. Vor dem Klubheim ist der Bierausschank geöffnet, Heim- und Gästefans stehen trinkend beisammen, aus den Boxen tönt Punk und Ska. Nebenan liegt eine Wohnanlage, der Friedrich-Ebert-Hof, ein sozialdemokratischer Gemeindebau der 1920er Jahre aus rotem Backstein. Die Nachbarn sind von den Begleiterscheinungen des Spieltags nicht immer begeistert, doch der Klub ist schon viel länger hier als sie.
Ganz nah dran
Altona feierte seine größten Erfolge vor dem Ersten Weltkrieg. Die Adolf-Jäger-Kampfbahn – benannt nach dem berühmtesten Spieler des Klubs – wurde 1908 eröffnet. Das Alter sieht man der Anlage an. Die Sitzschalen der Haupttribüne sind Erbstücke aus dem Volksparkstadion des HSV, auf der Gegengerade stehen die Zuschauer auf Steinstufen, hinter dem Tor auf einem kleinen Erdwall. Das ist der „Zeckenhügel“, wo Punks vom nahegelegenen Wagenplatz während des Spiels die Anzeigetafel und Altonas Image als linker Klub bedienen. Doch das Publikum ist gemischt, manche Zuschauer kommen im Buggy, andere mit dem Rollator. 1.396 sind es am Ende. Eine respektable Zahl für diese Liga, aber weit entfernt von den Zehntausenden, die Woche für Woche den Weg ans Millerntor zu St. Pauli oder in den Volkspark zum HSV finden. Nachdem die Spieler das Feld verlassen haben, nehmen Kinder den Rasen in Beschlag, schießen auf das Tor und fallen über den Ball. Es ist die Amateurliga. Näher kommt man an den Fußball nicht heran.
In 443 Vereinen wird in Hamburg Fußball gespielt, von der neunten Stufe in der Kreisklasse B aufwärts. Das sind mehr als in der fast doppelt so großen Hauptstadt Berlin. An der Spitze stehen die Profiklubs: Der ewige Bundesligist HSV mit seiner glanzvollen Vergangenheit und der FC St. Pauli mit seiner Mischung aus Kiez, Kommerz und Kritik. Doch auch die vielen Amateurvereine im Schatten der Profis prägen die Fußballstadt Hamburg bis heute. Die kleinen Ligen sind voller großer Namen vergangener Tage: Vom SC Victoria Hamburg, wie Altona 93 im Jahr 1900 Gründungsmitglied des DFB, über den 1907 gegründeten WTSV Concordia bis zum ehemaligen Zweitligisten HSV Barmbek-Uhlenhorst. Ihre besten Zeiten haben diese Klubs hinter sich, sie spielen heute in der fünftklassigen Oberliga. Doch immerhin haben sie unter schwierigsten Bedingungen überlebt. Hamburg wächst, an jeder zweiten Ecke wird gebaut, die ohnehin schon hohen Immobilienpreise steigen. Alte Stadien in zentraler Lage sind auch deswegen nur schwer zu halten. Die Infrastruktur von Bauten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist zudem mit heutigen Verbandsauflagen nur schwer vereinbar. Das Zuschauerinteresse schwindet, schließlich ist der Konkurrent Profifußball fast täglich im Fernsehen zu sehen. Die Hamburger Oberligaklubs ziehen im Schnitt 200 bis 300 Zuschauer an. Das ist landesweit ein Platz im Mittelfeld, aber nicht zu vergleichen mit den Tausenden, die noch vor 30 Jahren die Unterhausplätze besuchten. Trotz aller Widrigkeiten ist dennoch so etwas wie eine Aufbruchstimmung spürbar. „Es gibt eine Rückbesinnung auf den Amateurfußball“, sagt Carsten Byernetzki, Pressesprecher des Hamburger Fußball-Verbands. „Manche Leute gehen wieder lieber zum Verein um die Ecke als ins große Stadion.“
Die Geldhähne
Offiziell beginnt der Amateurfußball unterhalb der dritten Liga, doch auch Hobbysportler spielen in der Regel nicht gratis. Aufwandsentschädigungen und Prämien gibt es bereits in der siebtklassigen Bezirksliga, in der Oberliga werden Vertragsspielern kleine Gehälter gezahlt, die bei ehrgeizigen Vereinen und guten Spielern bei 1.000 Euro liegen können. Hinzu kommen die Ausgaben für den Spielbetrieb, Platzmieten, der Unterhalt der Anlagen und weitere Personalkosten. Die Einnahmen hingegen halten sich in Grenzen, Merchandise und Fernsehrechte sind kein Faktor. „Die Finanzierung ist eine der großen Schwierigkeiten, die jeder Amateurklub hat“, sagt Concordia-Präsident Matthias Seidel. Der Verein ist im gutbürgerlichen Viertel Marienthal im Osten der Stadt ange-siedelt. Seidel ist Gründer und Geschäftsführer des Portals transfermarkt.de, dessen Schriftzug auch Werbebanden bei Concordia ziert. Doch solch überregional aktive Unternehmen sind die Ausnahme, Amateurfußball setzt auf lokale Sponsoren. „In einer ländlichen Region habe ich das ganze Dorf als potenziellen Geldgeber“, sagt Seidel. „In Hamburg kämpfen viele Vereine um die Gunst der Werbetreibenden, und du brauchst welche, die regionales Standortmarketing machen. Global Player sind in der Bundesliga besser aufgehoben.“
Amateurklubs werden vom Autohaus im Stadtteil, dem Optiker und Friseur um die Ecke und der örtlichen Bankfiliale unterstützt. Die Zuschauereinnahmen sind begrenzt, sechs Euro darf eine Karte in der Oberliga höchstens kosten. „Das ist eine feste Größe, mit der man rechnen kann, aber sie hält den Spielbetrieb nicht aufrecht“, sagt Altonas Pressesprecher Andy Sude. „Du brauchst Menschen, die sich mit so einem Klub identifizieren können.“ Altona 93 wird seit Jahrzehnten von der Firma Barthel Armaturen gesponsert. Der Geschäftsführer des Unternehmens, Dirk Barthel, ist der Vereinspräsident. „Er liebt und lebt diesen Verein“, sagt Sude. Ein zweiter Werbepartner ist vor zwei Jahren dazugekommen, die Firma Perlwitz, die ebenfalls Armaturen anfertigt. Ohne diese zusätzliche Säule, sagt Sude, wäre der Verein den Aufstieg nicht angegangen.
Aufstieg als Risiko
Seit Sommer spielt Altona 93 in der Regionalliga. Bereits in der Vorsaison gelangte der Verein in die Aufstiegsrunde – als Sechster der Oberliga, da alle besser platzierten Klubs abwinkten. Die Hamburger Oberliga war in den vergangenen Jahre eine Spielklasse ohne Ehrgeiz, die besten Klubs kommen nicht einmal aus Hamburg, gehören jedoch dem lokalen Verband an. Der Meister der letzten vier Jahre etwa, die TuS Dassendorf, ist aus einem Ort östlich der Stadt. Dank eines Mäzen ist dort genügend Geld für sportlichen Erfolg vorhanden, doch Zuschauer und ein Stadion für die vierte Liga fehlen. So begnügt man sich mit Meistertiteln in der fünften. „Das fordert und fördert den Sport nicht“, sagt Altona-Pressesprecher Sude. Auch deswegen ist der Aufstieg von Altona 93 ein Signal. Man wolle im Herzen der Stadt einen Klub in der Regionalliga etablieren, sagte Klub-manager Andreas Klobedanz im Mai im Hamburger Abendblatt.
Das wird ein schwieriges Unterfangen, denn die Kluft zwischen fünfter und vierter Liga ist groß. Statt 15 Kilometer quer durch die Stadt sind bis zu 150 Kilometer nach Flensburg, Oldenburg und Hannover zu fahren. Das sportliche Niveau ist deutlich höher, das notwendige Budget liegt nach Schätzungen im mittleren sechsstelligen Bereich und damit etwa dreimal so hoch wie in der Oberliga. Doch Einnahmen und Strukturen wachsen nicht mit. „Du bist ähnlich aufgestellt wie vorher, aber du bräuchtest für den Ligabetrieb eigentlich mehr hauptamtliche Mitarbeiter“, sagt Sude. „Das geben die Einnahmen nicht her.“
Die Wirtschaftskraft eines Vereins ist jedoch nur ein Faktor. Ähnlich schwer wiegt die nötige Infrastruktur für ein regionalligataugliches Stadion. Beim letzten Aufstieg im Jahr 2008 zog Altona 93 ins Stadion Hoheluft in den Nachbarbezirk Eimsbüttel um, die Heimstätte des SC Victoria. Dort wurden mehrere Sicherheitszäune und ein zusätzlicher Eingang errichtet, um den Auflagen zu genügen. Das trübte den Charme des 1907 eröffneten Stadions und nutzte auch Altona nichts. Die Zuschauer blieben aus, sportlich konnte der Klub nicht mithalten. Am Ende der Saison standen der Abstieg, Schulden und verprellte Fans. „Das war ein Desaster“, sagt Sude.
Zäune und andere Hürden
Auch deswegen bleibt der Klub diesmal in Altona. Die Sicherheitsauflagen für die Regionalliga wurden zuletzt gelockert, die Baumaßnahmen fielen moderat aus. Eine Sektorentrennung gibt es nicht, nun umsäumt ein grün gestrichener Zaun das Spielfeld der Adolf–Jäger-Kampfbahn. „Die Leute haben sich schnell daran gewöhnt, viele stehen jetzt einfach zwei, drei Stufen höher und schauen über den Zaun hinweg“, sagt Burkhard Masseida. Der langjährige Anhänger ist seit dieser Saison Fanbeauftragter – einen solchen zu benennen, gehört ebenfalls zu den Ligaauflagen. Auch ein separater Gästeeingang musste eingerichtet werden. Die Notwendigkeit der Umbauten, die den Klub rund 40.000 Euro kosteten, erschließt sich zumindest heute nicht. Beim Spiel gegen den VfB Oldenburg stehen die Gäste mit Regenbogenfahnen und einem Spruchband gegen Rassismus ohnehin mit auf der Gegengeraden – die Fanszenen liegen politisch auf einer Wellenlänge und verstehen sich gut.
Doch es ist ein Idyll mit Ablaufdatum. Spätestens 2026 muss Altona 93 ausziehen. Vor zehn Jahren hat der Verein das Stadion an eine Genossenschaft verkauft. Inzwischen dürfte das Grundstück deutlich mehr wert sein als die damals ausgehandelten elf Millionen, es ist Baugrund in zentraler und attraktiver Lage. Hier sollen neue Wohnungen entstehen, die Verhandlungen zwischen Stadt und Verein über einen Stadion-neubau laufen. „Die Beliebtheit des Klubs ist untrennbar mit der Adolf-Jäger-Kampfbahn verbunden“, sagt René Martens. Der freie Journalist und Sportbuchautor geht seit 20 Jahren zu Altona 93. „Ich will nicht kulturpessimistisch klingen, aber ein neues Stadion ist schon etwas anderes. Man wird es nie so hinbekommen wie früher.“
Was dem Altonaer FC bevorsteht, hat Concordia schon hinter sich. Mehr als 80 Jahre hindurch spielte der Verein im Stadion Marienthal, 2009 verließ er die Spielstätte, die Villen weichen musste. Heute trägt Concordia seine Partien etwa drei Kilometer entfernt am Sportplatz Bekkamp im Nachbarstadtteil aus und empfängt dort Ende August den SC Victoria. Die kleine Anlage am Ostrand der Stadt ist ein beliebiger Kunstrasenplatz ohne Stehtraversen oder gar Sitzplätze, umgeben von ein paar Bäumen und mehrstöckigen Wohnhäusern. Es gibt einen mobilen Verpflegungsstand sowie ein Vereinsheim und einen Kabinentrakt. Für mehr Komfort haben zwei Zuschauerinnen Campingstühle mitgebracht, der Rest der rund 140 Besucher lehnt sich an den Metallzaun am Spielfeldrand oder stützt sich auf die mitgebrachten Regenschirme.
Die Amateurklubs haben ihr Publikum, das sich aus Pensionisten, Kindern und manchmal Punks zusammensetzt, aus Fahnenschwenkern und Partygängern, Verwandten der Spieler und neugierigen Einmalgästen.
In der Vorsaison hatte sich der Klub auch mit Spielern aus höheren Ligen verstärkt, scheiterte als Tabellenfünfter jedoch am Aufstieg. „Wir wollen die Gunst der Zuschauer zurückgewinnen – mit attraktivem Fußball und hoffentlich auch bald mit einer adäquaten Spielstätte“, sagt Klubpräsident Seidel. Im Aufstiegsfall wäre Concordia einige Kilometer weiter in den Sportpark Hinschenfelde gezogen, auch dort wären Umbauten erforderlich. Sollte eine Partie von der Polizei und den beteiligten Klubs als Sicherheitsspiel deklariert werden, bräuchte es womöglich eine weitere Ausweichmöglichkeit.
Mein letztes Geld …
Zum Beispiel auf den Platz des heutigen Gegners. Der SC Victoria war vor 100 Jahren die Nummer eins der Stadt und ein klassischer bürgerlicher Sportverein. Er verfügt unter den Amateuren derzeit über das am besten ausgestattete Stadion – und das in zentraler Lage. An der Hoheluft, wo in den Anfangsjahren des deutschen Fußballs auch Ländermatches stattfanden, werden die Finalspiele im lokalen Cup ausgetragen. Dessen Sieger ist für den DFB-Pokal qualifiziert, auch diese Partien finden oft an der Hoheluft statt. Während der ersten Monate der Saison ist Victoria heuer aber heimatlos, denn das alte Stadion mit der Holztribüne aus den 1920ern bekommt einen Kunstrasen.
Zu Concordia sind nur etwa 20 Gästefans mitgekommen, darunter einige, die den Altersschnitt am Platz senken und einen Hauch von aktivem Support verbreiten. Vor rund zehn Jahren hat sich bei Victoria eine ultraaffine Fanszene gebildet, deren Aktivitäten zuletzt jedoch nachgelassen haben. Am Bekkamp hängen die Fahnen mangels ordentlicher Befestigungsmöglichkeiten hinter den Fans am Zaun. Die Aufschriften lauten „Radicalz“ und „Flora bleibt“ – eine klare Positionierung im Streit um das linke Stadtteilzentrum Rote Flora, das nach den Protesten gegen den G20-Gipfel in Bedrängnis geriet. Während des Spiels verwenden die Viktoria-Fans viel Zeit darauf, das gegnerische Team, den Schiedsrichter und die eigene Mannschaft zu beschimpfen. Ein wiederkehrendes und mit Spott bedachtes Thema sind die Regionalligaambitionen beider Klubs, die angesichts der Leistungen an diesem Tag in der Tat fraglich sind. Concordia steht vor dem Spiel auf dem dreizehnten, Victoria auf dem fünften Platz, am Ende heißt es 1:1.
Während der Support der Heim- wie Gästefans beim Duell mit Victoria eher bescheiden ausfällt, erwartet Concordia zwei Runden später eine andere Szenerie. Am sechsten Spieltag geht es zum HSV Barmbek-Uhlenhorst, oder kurz: BU. Hier sind allein auf den Stehplätzen rund 100 Heimfans versammelt, es gibt Zaunfahnen und einige Schwenkfahnen. Die Fanklubs, allen voran der „Barmbeker Pöbel“, singen den Vereinsklassiker „Mein letztes Geld geb’ ich für Fußball aus, für Barmbek-Uhlenhorst …“, „Fußballschuhe sind schwarz“ und „Sollen wir deine Mutter holen?“, als ein gegnerischer Stürmer sich nach einem Pfiff des Schiedsrichters beschwert. Auch der Concordia-Anhang scheint heute zahlreicher als beim Heimspiel. Während die Dämmerung sich am Freitagabend langsam herabsenkt, herrscht beste Fußballstimmung – im Neubau. Denn der Verein aus dem früheren Arbeiterbezirk Barmbek hat sein Stadion ebenfalls an den Wohnungsbau verloren. Wo früher der nach dem ehemaligen Klubpräsidenten benannte Wilhelm-Rupprecht-Sportplatz mit einer Tribüne und Steinstufen auf den drei übrigen Seiten stand, entsteht heute ein Wohnquartier mit Sozial- und Eigentumswohnungen. Der frühere BU-Platz mit seinen 7.000 Plätzen war einst so populär, dass er den Spitznamen „Barmbeker Anfield“ bekam. In seiner besten Zeit, den 1960er und 1970er Jahren, duellierte sich der Klub mit dem FC St. Pauli um den Ruf als Nummer zwei der Stadt und unterhielt gleich 30 Nachwuchsteams. In einem davon begann 1965 der damals fünfjährige Andreas Brehme, der spätere Weltmeister von 1990, zu spielen.
Vorbild Barcelona
Etwa 500 Meter Luftlinie vom alten Platz entfernt steht die im Jänner 2016 eröffnete neue Spielstätte für 2.000 Zuschauer. Der von der Stadt finanzierte Bau ist von neuen und funktionalen Gebäuden umgeben und selbst neu und funktional. Die Vereinsfarben Gelb und Blau sind bereits an der Fassade sichtbar. Die überdachte Tribüne auf einer Längsseite ist in einen überdachten Sitzplatzbereich und die Stehplatzränge geteilt. Es gibt charmante Kleinigkeiten zu entdecken wie das im Kunstrasen eingefärbte Logo des Klubs vor dem Spielertunnel – inspiriert vom FC Barcelona, wie es bei der Präsentation hieß. Und Erinnerungsstücke vom Wilhelm-Rupprecht-Platz wie das Blechschild über der Stehplatztribüne. „Ich finde es für einen Neubau sehr angenehm“, sagt Christoph vom Fanklub „BUsenfreunde“. „Vielleicht ist es noch etwas steril, aber es wird mit der Zeit schon zerlebter ausschauen.“ Das einzige Manko sei, dass den Fans ein Gegenüber fehlt, denn auch die Gäste sind auf der Tribüne untergebracht. „Bei Heimspielen im alten Stadion gegen Altona ist es mit Spruchbändern und Gesängen hin und hergegangen“, sagt Christoph. „Jetzt hält man die Banner den Ersatzbänken hin.“
Die Bundesliga verzeichnet einen Rekordumsatz nach dem anderen, an der Basis wird währenddessen vielerorts ums Überleben gekämpft.
Das Lokal oben in der Tribüne entpuppt sich als kleines Vereinsmuseum – an den Wänden hängen Fotos, gerahmte Dokumente und Souvenirs der Klubgeschichte. So lässt sich dort erfahren, dass das auch heute angestimmte BU-Lied seinen Ursprung in der finanziellen Krise nach dem Aufenthalt in der zweiten Liga 1974/75 hat. Die dadurch verursachten Kosten brachten den Klub an den Rand des Ruins. Die Rettung kam durch eine Bürgschaft der Stadt, Fananleihen und eine Benefizschallplatte von Schlagerstars wie Heino und Roberto Blanco. Darauf auch der künftige Tribünenhit. Auf dem Platz siegt an diesem Abend der Gast aus Marienthal 3:1. Barmbek-Uhlenhorst hat diese Saison zu Hause bislang nicht gewonnen, doch am Neubau und den Fans dürfte das nicht liegen. Die Zuschauerzahlen sind seit der Eröffnung gestiegen. Heute sind 426 gekommen, damit ist BU der am besten besuchte Oberligist der Stadt.
Umverteilung nach unten
Zum Zuschauerschnitt der Bundesliga der vergangenen Saison fehlen noch 41.101. Die höchste Liga verzeichnet einen Rekordumsatz nach dem anderen, und die Nationalmannschaft hat ihren Marktwert mit dem WM-Titel 2014 weiter gesteigert. An der Basis wird währenddessen vielerorts ums Überleben gekämpft. Doch dort rumort es, diese Unzufriedenheit ist auch in den Hamburger Vereinen spürbar. „Der Profifußball erkennt nicht an, was die Basis für ihn tut“, sagt Concordia-Präsident Seidel. „Der Amateurfußball stellt die Grundlage dar. Er liefert auch die Gegner für diejenigen Spieler, die irgendwann Profis werden.“ Ein künftiger Weltmeister sei in der U17 eines Oberligisten vermutlich nicht mehr zu finden, sagt Andy Sude von Altona 93. „Die Jungs werden als Elf- und Zwölfjährige abgegriffen und kommen in die Förderzentren der Bundesligisten. Da wird dann aussortiert, und später landen wieder welche bei uns.“ Die Funktionäre sind sich einig, dass der Spitzenfußball seiner Verantwortung für den Breitensport nicht gerecht wird. „Die Verteilung muss geändert werden. Fernsehgelder dürfen nicht nur dahin fließen, wo übertragen wird“, sagt Sude. Sondern, wie Matthias Seidel meint, auch dorthin, wo man unter den Übertragungen der Profis leidet. „In der Bundesliga findet jetzt auch sonntags um 13 Uhr zur klassischen Amateurzeit ein Spiel statt, das merken wir“, sagt er. „Wir reden nicht vom Fan, der ins Stadion geht, sondern von dem, der Sky schaut. Wir können eine Entschädigung dafür erwarten, dass der HSV nicht mehr am Samstag um 15.30 Uhr spielt.“
An Vorschlägen, wie DFB und Ligaverband die Amateurklubs unterstützen könnten, mangelt es nicht. Warum nicht von jedem Transfer einen gewissen Prozentsatz an die Basis ausschütten, fragt Seidel. Oder ein Reisekostenzuschuss, je nach den Entfernungen, die die Vereine zurücklegen müssen. Ohne zusätzliche Förderung erscheint gerade das Risiko des Aufstiegs in die vierte Liga derzeit kaum überschaubar. „Es besteht immer die Gefahr, dass sich der Gesamtverein überhebt“, sagt der Concordia-Präsident. „Da hängen dann auch 20 Jugendteams und die übrigen Sportarten dran.“ Beim siebtklassigen HFC Falke betrachtet man solche Optionen noch aus großer Entfernung, aber gleichfalls mit klarer Meinung. „Der DFB hat die Pflicht, Vereine zu unterstützen, die das Wagnis Regionalliga auf sich nehmen“, sagt Präsidentin Tamara Dwenger. „Bei der Infrastruktur bräuchte es zum Beispiel Übergangsregelungen. Dann muss man nicht alles von rechts auf links krempeln, steigt nach einer Saison wieder ab und ruiniert sich.“
Familienpartypublikum
Egal ob Altona, Concordia oder Victoria – für die Amateurvereine gilt, dass ein Großteil des Publikums aus dem Stadtteil kommt. So wie Herr Pückler bei Altona 93. Er sitzt im Anzug vor dem Spiel gegen den VfB Oldenburg an der Theke im Klubheim und trinkt Kaffee. Hut und Halstuch hat er auf den Barhocker neben sich gelegt. An den Wänden hängen vergilbte Plakate und Fotos in Schwarz-Weiß, die an die Geschichte von Altona 93 erinnern. Herr Pückler ist 82 – „Auf den Tag genau zehn Jahre älter als Franz Beckenbauer“ – und ebenfalls Teil dieser Geschichte. Er ist einige Straßen weiter aufgewachsen, hat als Bub in der Vereinsjugend gespielt und geht seit mehr als 60 Jahren zu den Spielen in der Adolf-Jäger-Kampfbahn. Die meisten anderen Zuschauer im Stadion sind deutlich jünger, manche sogar fast 82 Jahre.
„Der Profifußball erkennt nicht an, was die Basis für ihn tut.“
Das Publikum fällt bei Altona vielleicht etwas linksalternativer aus als bei BU, bei Concordia etwas älter und auf allen Plätzen variiert die Zusammensetzung je nach Anstoßzeit. Der Anpfiff am frühen Sonntagnachmittag lockt mehr Familien mit Kindern auf den Platz. Über Flutlichtspiele hingegen sagt BU-Fan Christoph: „Wenn ich am Freitag mit Freunden ausgehe, ist das Match der Einstieg ins Abendprogramm.“ Anders als beim HSV und St. Pauli ist der Besuch im Unterhaus spontan, ohne Kartenvorbestellung, und um deutlich weniger Geld zu haben. Eindeutige Verbindungen zwischen den Großklubs und bestimmten Amateurvereinen lassen sich nicht ziehen – Fans von St. Pauli und dem HSV finden sich auf allen Plätzen.
Und was ist mit der These, der Amateurfußball würde von der Kommerzmüdigkeit profitieren, Fans aus dem Ober- ins Unterhaus abwandern? Allzu hoch wollen die meisten Gesprächspartner diese Beobachtung nicht hängen. Journalist Martens sagt: „Sicher gibt es die, aber wenn man schaut, wie lang die Warteliste für Dauerkarten bei St. Pauli ist, ist es völlig irrelevant, ob da jemand zu Altona abwandert.“ Altona-Pressesprecher Sude stellt unter den Fans zwar eine Kommerzmüdigkeit fest, doch er hat auch Zahlen parat, die in eine andere Richtung weisen: „Wenn St. Pauli oder der HSV zeitgleich mit uns spielen, merken wir das sofort. Da fehlen uns 200, 300 Zuschauer.“
Aus Vinyl
BU-Fan Christoph ist selbst einer der Abwanderer. Er hatte viele Jahre eine Dauerkarte beim HSV, hat sich nach der Ausgliederung der Profiabteilung im Mai 2014 aber vom Bundesligisten verabschiedet. Dieses Ereignis beim erfolgreichsten Hamburger Verein bescherte dem Amateurfußball auch den HFC Falke, der im Sommer 2014 von HSV-Fans gegründet wurde und ein Jahr später in der neunten Liga startete. Der Fanverein zieht im Schnitt rund 250 Zuschauer ins Stadion, das sind weit mehr als der Rest der Bezirksliga. Das liegt auch daran, dass es bei Falke nicht nur Bratwurst und Bier, sondern auch Fahnen, Gesänge und ab und zu sogar Pyrotechnik gibt. Aus Sicht von Altonas Fanbeauftragtem Burkhard Masseida ist das ein wichtiger Faktor: Nicht nur günstige Preise, die Nähe zu Verein und Mannschaft, sondern auch Fankultur kann Amateurfußball für jene attraktiv machen, denen der Profifußball zu kommerziell geworden ist. „Es geht ja nicht jeder automatisch zum nächstgelegenen Amateurklub, sondern eben dorthin, wo etwas passiert“, sagt er. „Die Leute wollen nicht mit 40 Rentnern am Zaun stehen, sondern das Gefühl haben, dass etwas los ist.“ Für die kleinen Vereine bedeute das, jüngere Zuschauer, die mit Fahnen auftauchen, zu unterstützen. „Wenn es bei einer Pyrostrafe von 100 Euro gleich heißt ‚Das geht nicht‘, sind die auch ganz schnell wieder weg.“
Die Amateurklubs haben ihr Publikum, das sich aus Pensionisten, Kindern und manchmal Punks zusammensetzt, aus Fahnenschwenkern und Partygängern, Verwandten der Spieler und neugierigen Einmalgästen. Es gibt die, die immer schon da waren, und die, die neu dazukommen, weil der Profifußball für sie in seinen Stadien keinen Platz mehr hat oder sie keinen Platz mehr für ihn im Herzen. Frank Willig, Mitgründer des Fußballmagazins Zeitspiel und Vorsitzender des Oberligisten Arminia Hannover, sagte in einem Gespräch mit Zeit Online, der Amateurfußball könne vor allem in Großstädten punkten, bei jenen Leuten, die auch Vinylplatten kaufen. Vielleicht ist der Amateurkick selbst der Fußball aus Vinyl, mit einer technisch rückständigen Ausstattung, mit Kratzen und Rauschen, von der Zeit überholt, aber noch nicht verloren und manchmal wieder hip.
Um zu überleben, ist der Amateurfußball auf Unterstützung von oben und Engagement von unten angewiesen. Ohne die ehrenamtliche Arbeit vieler – vom Präsidium über Trainer bis zu den Eltern der Nachwuchsspieler – könnte der Breitensport in der Großstadt ebenso wenig existieren wie auf dem Dorf. Auch Andy Sude betreibt seine Tätigkeit als Pressesprecher von Altona 93 neben einem Vollzeitjob. Er wünscht sich, dass mehr Menschen zum Klub um die Ecke kommen – nicht nur zum Zuschauen, sondern auch zum Mitmachen. „Wenn jemand Langeweile hat, soll er zu einem Amateurverein gehen, egal wie groß und wie alt“, sagt er. „Dort bist du mit Menschen zusammen und erlebst etwas. Das macht einfach Spaß.“
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