„Früher war nicht alles besser, es war viel besser“, sagt Wolfgang Frey beim Gespräch mit dem ballesterer Ende Februar im Weststadion. Früher, das ist vor 30 Jahren, als der heute 60-jährige Frey gerade einmal zwei Jahre Masseur beim SK Rapid ist und schon einiges miterlebt hat – von der Fast-Pleite im Frühjahr 1994 bis zum Cupsieg im Juni 1995. Früher, das ist die Saison 1995/96, als der SK Rapid das Finale im Cup der Cupsieger erreicht, das zweite europäische Finale für den Verein aus Hütteldorf und das bisher letzte für einen Verein aus Österreich.
Es sind andere Zeiten als heute: 1994 steht die Salzburger Austria im UEFA-Cup-Finale und entfacht weit über Salzburg hinaus Begeisterung. Ab dem Viertelfinale trägt sie ihre Heimspiele im Wiener Prater aus. Dort findet im Mai 1995 das Finale der Champions League statt, zwar ohne österreichische Beteiligung, doch Wien ist beim 1:0-Sieg der jungen Ajax-Mannschaft gegen den AC Milan der Mittelpunkt der europäischen Fußballwelt. Es sind aber auch andere Zeiten als ein Jahrzehnt zuvor, als Rapid im Mai 1985 sein Finale gegen den Everton FC verliert. Der moderne Fußball hat Einzug gehalten, die Fußballschuhe sind bunt, die Einnahmen aus Sponsorings und TV-Rechten in die Höhe geschnellt. Der Landesmeistercup heißt Champions League, und auf den Rängen kreiert die neue Fangeneration mit Fahnen und Choreografien eine Stimmung, die das Geschäft noch weiter ankurbeln wird.
Die Leichtigkeit des Seins
Rapids zweite große Europacupsaison balanciert auf diesem schmalen Grat zwischen dem rauen Kick der 1980er Jahre in baufälligen und halbleeren Stadien und dem Hochglanzprodukt des 21. Jahrhunderts. Bei fast jedem Spiel ist die Mannschaft Außenseiter und wird notorisch unterschätzt – nur nicht von sich selbst. Die Erwartungen sind niedrig, kurz zuvor lag der Verein schließlich am Boden. Aufgerichtet hat ihn Trainer Ernst Dokupil. „Der Tabellenplatz ist zweitrangig“, sagt er im September 1994 dem Falter. Wichtiger sei die Freude am Fußball. Das ist mehr als ein Spruch. Nach außen kristallisiert sich die Unbekümmertheit im Spitznamen für das Quartett Zoran Barišić, Didi Kühbauer, Sergej Mandreko und Stephan Marasek: Sie sind die „Daltons“, die Sträflingsbrüder aus den „Lucky Luke“-Comics.
Der Schmäh ist real, ein ums andere Mal erzählen die Spieler davon, wie lustig es bei Rapid zugehe und wie eng der Zusammenhalt sei. Einen großen Anteil daran hat Dokupil, dessen Stärke darin besteht, zur richtigen Zeit nichts zu tun. Frey sagt: „Der Dok ließ das Team sich selbst formen. Sie sollten sich zusammenraufen. Wir hatten fast bei jedem Training Reibereien. Sie stritten, und danach waren sie die besten Freunde.“ Im ballesterer schreibt Stefan Kraft einmal über dieses Team: „Es dauert eine gewisse Zeit, bis sich alle die Hörner abstoßen, aber als es so weit ist, funktioniert die Mannschaft wie keine andere in Österreich. Trifon Iwanow, Andreas Heraf, Michael Konsel, Christian Stumpf, Peter Schöttel, Peter Stöger: Eine allerletzte Generation an raubeinigen, dialektsprachigen, hochprozentigen Schmähtandlern, deren Härte, Witz und Kreativität so gut zusammenpasst, dass Rapid nach acht Jahren wieder Meister wird und im Europacup von Triumph zu Triumph eilt.“ Und so beginnt es:
Grüne Hoffnung
Es ist eine Rückkehr auf die europäische Bühne und zugleich eine letzte Chance – diese beiden Motive begleiten den Auftritt des SK Rapid in der ersten Runde gegen Petrolul Ploieti aus Rumänien. Zuletzt haben die Hütteldorfer vor drei Jahren in einem europäischen Bewerb gespielt und sind damals im UEFA-Cup in der ersten Runde an Dynamo Kiew gescheitert, Sergej Mandreko und Peter Schöttel waren schon dabei. Heuer darf Rapid als Cupsieger in die K.-o.-Phase einsteigen, die übrigen österreichischen Europacupteilnehmer mussten durch die Qualifikation ihrer Bewerbe und haben sich dort im August nicht gut geschlagen. Meister Austria Salzburg ist in der Qualifikation zur Champions League gegen Steaua Bukarest ausgeschieden, in der Qualifikation zum UEFA-Cup haben Wacker Innsbruck – damals als FC Tirol Innsbruck – gegen Racing Strasbourg und der SK Sturm gegen Slavia Prag das Nachsehen gehabt. Einzig die Wiener Austria hat es in den September und die erste UEFA-Cup-Runde geschafft, aber dort zwei Tage vor Rapids Hinspiel daheim 1:2 gegen Dinamo Minsk verloren. Auswärtstore zählen noch mehr.
Ohne einen Ballkontakt ruht auf den Rapid-Spielern also schon viel Last: „Grün ist die Farbe der Hoffnung. Überlebt Rapid als einziger österreichischer Klub die erste Runde im Europacup?“, schreibt der Kurier. Peter Stöger zumindest stört der Druck nicht. „Ganz Österreich schaut uns zu. Wir werden alles unternehmen, um positiv abzuschneiden“, zitiert ihn die Zeitung. Nicht alle dürfen dabei mitwirken, Mandreko ist verletzt, Kühbauer gesperrt. Der Anlass liegt noch weiter zurück als Rapids letzter Europacup-Auftritt, nämlich fünf Jahre. Im Dezember 1990 flog er beim Rückspiel der Admira in Bologna in der dritten UEFA-Cup-Runde zehn Minuten nach der Einwechslung vom Platz, die Admira schied aus. Von der Sperre ist noch ein Spiel abzuleisten. So steht Kühbauer nun in Straßenkleidung und mit Schirm in der Hand neben Peter Elstner vom ORF. Trotz des Regens ist das Gerhard-Hanappi-Stadion mit knapp 10.000 und vielfach nassen Fans gut gefüllt. Auch der Block West hat sich mit dem Thema Rückkehr nach Europa beschäftigt. Die Fans zeigen als Zettelchoreografie eine EU-Fahne samt Sternen, dazu Spruchbänder wie „Europacup“ und „Rapid is back“. „Das ist mit sehr viel Liebe gestaltet“, sagt ORF-Kommentator Hans Huber.
Weil Kühbauer am Rand steht, übernimmt Zoran Barišić diesmal das Trikot mit dem Zehner. „Den will ich dann aber zurück“, sagt der Gesperrte. Die Stimmung wirkt aufgeräumt. „Ich bin ziemlich sicher, dass wir die Rumänen ausschalten“, gibt Stöger vor dem Spiel zu Protokoll. Trainer Dokupil hat Videos der letzten Spiele von Petrolul Ploieti gezeigt, vielleicht sind die Schwächen in der Luft dabei Thema gewesen. In der sechsten Minute jedenfalls köpfelt Christian Stumpf nach einem Corner an die Stange. Kurz vor der Pause trifft Barišić nach einem weiteren Eckball von Stöger per Kopf zum 1:0. Damals sind Halbzeitinterviews an der Tagesordnung, und Elstner bittet den Torschützen ans Mikrofon. Barišić sagt, man wolle Ruhe ins Spiel bringen, und hält auf die Forderung nach einem zweiten Tor hin fest: „2:0 ist immer besser als 1:0.“ Kühbauer sagt Elstner gar ein drittes Tor voraus.