Wer ein kleines Kind hat und damit auch ein furchtbar mühsames Leben, der bekommt von erfahreneren Eltern gern den Rat: „Ärger dich ned, genieß es. Irgendwann ist es das letzte Mal, dass sie dir zurückwinken, wenn du sie in der Schule ablieferst. Das letzte Mal, dass sie dich aufwecken und zu dir ins Bett krabbeln. Aber du wirst nicht wissen, dass es gerade das letzte Mal ist.“ Wer Hobbyfußball spielt und damit auch furchtbar mühsame Tage nach einem Spiel kennt, für den und für die gilt eine ähnliche Instagram-Kachel-Weisheit: „Genieß‘ es! Irgendwann wirst du das letzte Mal am Flügel entlang keuchen. Das letzte Mal gegen einen Ball treten. Aber vielleicht wirst du nicht wissen, dass es gerade das letzte Mal ist.“
Vielleicht passiert es ganz klassisch, also Kreuzband oder Bandscheibe. Oder man fängt sich etwas Neumodisches wie ein Frozen Shoulder Syndrome. Vielleicht ist es dann eben genug? Alles im Leben hat seine Zeit, irgendwann ist halt die Knochendichte zu niedrig und der Body-Mass-Index zu hoch. Aber was ist mit denen, die das Spielen nicht mit Fernsehsport und täglichen LinkedIn-Denksport-Aufgaben ersetzen können, während der Rest ihres Lebens einfach weitergeht? Wie ist das Aufhören für die, die mit dem Kicken ihr Leben bestreiten? Deren Leben der Fußball ist? Wie hört man als Profi auf?
Die Abschiedsszenarien
Tut man es, bevor die Leistungen sichtbar nachlassen? Wie Philipp Lahm – mit 33 als amtierender Weltmeister und der zum achten Mal gewonnenen Meisterschale in der Hand? Wie Zinedine Zidane – mit 34 und einer Roten Karte in einem verlorenen WM-Finale? Zögert man es so lange wie möglich hinaus wie Zlatan Ibrahimović, der sich einmal mit einem Rotwein verglich, der mit jedem Jahr besser werde – der aber in seiner letzten Saison schon kräftig gekorkt hat, als es mit 41 Jahren nur mehr für 144 Einsatzminuten gereicht hat? Oder so lange wie Kazuyoshi Miura? Der Japaner, dessen wahrscheinlichste Todesursache mittlerweile ist, dass ihn von „Longevity“ besessene Tech-Bros aus dem Silicon Valley entführen und seiner Körperflüssigkeiten berauben, weil er der Mensch ist, der dem ewigen Leben am nächsten scheint: „King Kazu“ wird im nächsten Februar 60 und spielt gerade bei Fukushima United seine 41. Saison.
Tut man es wie Megan Rapinoe, die zu ihrem Karriereende Hype, Schmerz und Enttäuschung in einem erlebt hat? Ihr im Voraus verkündeter Abschied fiel 2023 mit dem Play-off-Finale in der US-Meisterschaft zusammen. Das Spiel mit Seattle Reign gegen Gotham sollte die letzte Krönung werden – der Titel, den sie bis dahin nicht gewinnen konnte. Stattdessen wurde Rapinoe nach sechs Minuten mit einer gerissenen Achillessehne ausgewechselt. „Das war hart, so habe ich mir das letzte Spiel definitiv nicht vorgestellt“, sagte sie anschließend. Seattle verlor 1:2.
Ist es die Angst vor dem Danach, die manche Profis ewig weiterspielen lässt? So wie die 40er Edin Džeko, Luka Modrić, Manuel Neuer, Guillermo Ochoa, Cristiano Ronaldo und Vozinha bei der gerade laufenden WM der Männer? Um zu verstehen, was der Schlusspfiff bedeutet, hat der ballesterer mit vier Spielern gesprochen, die sich auf unterschiedliche Weise vom Profifußball verabschiedet haben.