Für ein knackiges Zitat ist er immer gut. Ende 2025 holte Uli Hoeneß bei den „Power Days“, einem Business- und Motivationsevent in München, zu einem seiner Rundumschläge aus: „Ich liebe die Ultras, ich liebe die Fans. Aber das Sagen müssen andere haben.“ Der Hintergrund des Ausbruchs war ein Transparent in der Südkurve des FC Bayern, mit dem die Fans Hoeneß‘ Wunsch nach Abschaffung der 50+1-Regel ablehnten. Sie sichert derzeit, mit einigen Ausnahmen, dass der Mutterverein – und damit auch dessen Mitglieder – über die Kontrolle über die Aktien- und Kapitalgesellschaften der Fußballklubs verfügt. Fans, sagte Hoeneß, wollten mitbestimmen, hätten aber nicht die Kompetenz dafür. „Sie haben noch gar nicht gemerkt, dass alle Vereine, wo diese Ultras das Sagen haben, zweitklassig geworden sind: Nürnberg, Frankfurt, Schalke. Und überall, wo vernünftige Geschäftsleute den Verein führen, ist es gut.“
Als Wirtschaftsanalyse für die genannten Klubs dürfte die Einschätzung wenig taugen, als Trendbeobachtung schon. Im deutschen Profifußball ist die Fanszene nämlich nicht nur auf den Tribünen und an Spieltagen aktiv, sondern vermehrt auch in den Besprechungsräumen und bei Sitzungsterminen, in denen nicht Gesänge und Choreografien entworfen, sondern Finanzkennzahlen studiert und an der strategischen Ausrichtung des Vereins gearbeitet wird. Einige Beispiele: In den Aufsichtsräten von Union Berlin, Fortuna Düsseldorf, Dynamo Dresden, dem 1. FSV Mainz 05, dem FC St. Pauli und dem 1. FC Nürnberg sitzen Personen, die eine Biografie als aktive Fans haben. Das galt auch für Kay Bernstein, den 2024 verstorbenen Präsidenten von Hertha BSC, das gilt für den Präsidenten des Hamburger Sport-Vereins, Henrik Köncke, und die Vizepräsidenten bei Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt, Daniel Lörcher und Benjamin Loefen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit listete der Kicker im April 2025 auf, dass bei der Hälfte der Vereine in den ersten drei deutschen Ligen aktuell und ehemals aktive Fans in den Gremien vertreten sind. Es war nicht der einzige Bericht zum Thema, mehrere Medien beschäftigten sich in den letzten Jahren mit dem Phänomen der Fanfunktionäre.
Henrik Köncke
Henrik Köncke entspricht nicht dem klassischen Bild eines Fußballpräsidenten. Er ist 35 Jahre alt, hat kurze blonde Haare und trägt beim Treffen mit dem ballesterer in einem Hamburger Café helle Freizeitkleidung und keinen dunklen Anzug. Er entspricht auch nicht dem klassischen Bild eines Ultras. Er trägt keinen schwarzen Hoodie, sondern eben helle Freizeitkleidung. Doch Köncke ist und war beides. Seit Juni 2025 ist er Präsident eines der großen deutschen Traditionsklubs, des Hamburger Sport-Vereins. Vorher saß er über zwei Jahre lang im Aufsichtsrat der HSV Fußball AG, also der ausgegliederten Profiabteilung. Und er war aktives Mitglied der Ultragruppe „Poptown“ und Vorsänger auf der Nordtribüne im Volksparkstadion.
2019, erzählt Köncke, habe er sich mehr auf seinen Job und seine erste Führungsposition bei einem internationalen Transportunternehmen konzentrieren wollen. Er gab die Vorsängerrolle ab und schraubte das Fanengagement zurück. Dann kam die Coronapandemie. „Das hat wie unter einem Brennglas die Schwächen des Profifußballs hervorgebracht“, sagt er. Gemeinsam mit anderen Fans entwickelte Köncke unter dem Schlagwort „Unser HSV“ Ideen für einen anderen Fußball – der ökonomisch und ökologisch nachhaltiger funktioniert, Mitglieder stärker einbindet und weniger auf das Kapital von Investoren setzt. Darüber sei er in engeren Austausch mit dem Vorstand und dem Präsidium des HSV gekommen. „Daraus resultierte dann die Frage, ob ich mir ein Amt im Aufsichtsrat vorstellen könnte“, sagt er. „Es ist leicht, von außen viel zu kritisieren, aber ich wollte mich der Verantwortung stellen und mitgestalten.“ Im Februar 2023 wählte ihn die Hauptversammlung der HSV Fußball AG auf Vorschlag des Präsidiums in den Aufsichtsrat. Dort sitzt Köncke noch immer, inzwischen aber als Präsident des Muttervereins. Im Juni 2025 setzte er sich bei der Wahl gegen zwei weitere Bewerber durch. „Ex-Vorsänger neuer HSV-Präsident: Übernehmen jetzt die Ultras die Macht?“, titelte die Hamburger Morgenpost, doch die große Aufregung blieb aus.