Island gilt als Land der Literatur. Viele Schriftsteller wie der Krimiautor Arnaldur Indridason haben es zu internationaler Bekanntheit gebracht. Vielleicht ist das dadurch zu erklären, dass das Land von langen und dunklen Wintern geprägt wird, in denen genug Zeit bleibt, um Geschichten zu schreiben. Auch die jüngste Erfolgsgeschichte des isländischen Nationalteams beginnt im Winter – oder genauer: in der Überwindung des rauen Klimas. Denn Island schuf in den vergangenen Jahren professionelle Bedingungen für einen ganzjährigen Fußballbetrieb. 2013 scheiterte das isländische Team erst in der Relegation an der Qualifikation für die WM in Brasilien, für die EM in Frankreich konnte sich die Mannschaft jedoch schon frühzeitig qualifizieren. Dabei konnten die Isländer aufgrund ihrer Stabilität, Geradlinigkeit und taktischen Flexibilität Gegner wie die Türkei und die Niederlande hinter sich lassen.
Höchste Trainerdichte
Reykjavik am 6. September 2015: Das isländische Nationalteam ist weitgehend ideenlos, es kann die wenigen Torchancen nicht nutzen, Kapitän Aron Gunnarsson kassiert sogar einen Platzverweis. Trotz des mäßigen 0:0 in der Partie gegen Kasachstan dürfen er und seine Mannschaftskollegen jedoch am Ende mit den Fans ausgiebig feiern. Denn dieser Tag geht in die Geschichte ein: Die isländischen Fußballer qualifizieren sich erstmals für ein großes Turnier.
Ein Pfeiler des Erfolgs ist die Errichtung von Hallen mit Kunstrasenplätzen. Zählte man im Jahr 2002 nur einen derartigen Platz, gibt es landesweit mittlerweile sieben große und vier etwas kleinere davon. Darüber hinaus verfügen auch zahlreiche Schulen über überdachte Fußballplätze, die ein wetterunabhängiges Training ermöglichen. Trotz dieser verbesserten Bedingungen ist es bemerkenswert, dass ein Land mit etwas mehr als 300.000 Einwohnern ein derart konkurrenzfähiges Team auf die Beine stellen konnte. Das liegt an einem zweiten Pfeiler des Erfolgs: Island nutzte die neue Infrastruktur in den letzten Jahren, um die Nachwuchsarbeit zu professionalisieren. Obwohl keiner der rund 20.000 registrierten Fußballer in Island einen Profivertrag besitzt, werden sie von einer Vielzahl an gut ausgebildeten Trainern betreut. Gemessen an der Einwohnerzahl besitzt Island die meisten lizensierten Fußballtrainer der Welt: 165 von ihnen haben die UEFA-A-Lizenz, 563 die B-Lizenz.
Ziel der Amateurklubs ist es, talentierte Kicker früh ins Ausland zu transferieren. Die Erlöse daraus werden in den Nachwuchs investiert. Diese Strategie trägt längst Früchte. Der Spielmacher von Swansea City Gylfi Sigurdsson ist Islands offensiver Regisseur und zählt – wie auch Mittelstürmer Kolbeinn Sigthorsson vom FC Nantes – zu den Stützen des Kaders. Viele Teamspieler haben zudem Stärken im Dribbling, wie der von Rapid umworbene Arnor Traustason vom IFK Norrköping. Die beiden Teamchefs Lars Lagerbäck und Heimir Hallgrimsson mögen zwar im internationalen Vergleich nur über einen individuell eher durchschnittlichen Kader verfügen, dessen Stärke liegt aber ohnehin im kollektiven Zusammenwirken.
Stabilität und weite Bälle
Reykjavik am 10. Oktober 2015: Island empfängt Lettland, die Partie endet 2:2. Bereits in der ersten Minute offenbaren sich die Muster des isländischen Spiels. Innenverteidiger Kari Arnason (14) rückt mit dem Ball etwas vor und schlägt eine hohe Flanke auf den robusten Stürmer Alfred Finnbogason (11). Dieser versucht, per Kopf auf den eingerückten linken Flügelspieler Birkir Bjarnason (8) weiterzuleiten. Island nimmt in dieser Szene den Ballverlust in Kauf, denn taktisch ist das Team grundsätzlich abwartend und auf Stabilität ausgerichtet. Pressing betreibt die Mannschaft nur in wenigen Situationen, etwa direkt nach Ballverlusten in der gegnerischen Hälfte. Augenscheinlich wird in der beschriebenen Szene auch das 4-4-2-System, in dem Island agiert. Bei Ballbesitz hält die Mannschaft sehr große Abstände zwischen den Spielern, das liegt daran, dass Island vor allem mit weiten und hohen Bällen nach vorne spielt. Im Spielaufbau lässt sich dafür ein Stürmer, etwa Finnbogason, zurückfallen, um Raum zu schaffen und Mitspieler in Szene zu setzen.
Die insgesamt eher schlichte Spielweise ergänzt das Team mit komplexen taktischen Mitteln wie Positionswechseln. So auch im Spiel gegen Lettland, als Johann Gudmundsson sich einmal vom rechten Flügel in die Mitte freiläuft, dort den Ball erhält, zur linken Seite dribbelt, abspielt und einige Minuten seine Position behält. Oft weicht auch Mittelstürmer Sigthorrson auf die linke Seite aus, während der linke Flügel Bjarnason in die Mitte zieht, um der gegnerischen Deckung zu entkommen. Modern gestaltet sich auch das Verhalten der Viererkette, die gut antizipiert und gegnerische Pässe frühzeitig abfängt. Wie die gesamte Mannschaft zeichnet die Verteidiger aber insbesondere ihre Zweikampfstärke aus.
Die Isländer haben sich in der Qualifikation gegen spielstärkere Teams profiliert, weil sie ihre taktische Ausrichtung stark an den Gegner anpassen, stabil und abwartend agieren und weniger, aber umso effizienter Initiative zeigen. Gegen schwächere Gegner wie Kasachstan bekommt das sonst so vorrausschauende Team aufgrund seiner berechenbaren Muster im Angriffsspiel Probleme. In solchen Begegnungen versuchen die Isländer, von überraschenden Einzelaktionen wie Dribblings und Weitschüssen zu profitieren.