„Gemma, Burschen. Wir haben einiges vor heuer“, ruft Gerhard Fellner seinen Spielern zu. An diesem Freitag Mitte Juni leitet der Co-Trainer des SC Wiener Neustadt das Training. Es ist die erste Woche in der Saisonvorbereitung. Ziel der Übung ist es, sich im Zentrum besser durchzusetzen. Die Spieler sollen ihren Körper einsetzen. Fellner kommentiert das Geschehen lautstark, immer wieder ermutigt er einzelne Spieler. Das Team kennt sich, lediglich fünf neue Gesichter gibt es im Kader des Achten der Vorsaison. „Wenn alles gut läuft, können wir diese Saison oben mitspielen“, sagt Sportdirektor Andreas Schicker, der das Training vom Spielfeldrand aus beobachtet. „Aber der Sprung in die Bundesliga wird schwierig.“
Dabei ist er rein formal so einfach wie schon lange nicht mehr, denn nach der kommenden Saison wird das Ligenformat umgekrempelt. Statt zehn Mannschaften werden künftig zwölf in der Bundesliga spielen, die zweite Liga wird gar auf 16 Teams aufgestockt. Die höchste Spielklasse wird nach 22 Spieltagen in zwei Gruppen geteilt, was für mehr Spannung und höhere Fernseheinnahmen sorgen soll. Vom neuen TV-Vertrag, den die Bundesliga bis in den Herbst ausverhandeln möchte, werden die Topklubs profitieren. „Der Fokus der Reform liegt auf alle Fälle auf der Bundesliga“, sagt Alexander Huber vom Kurier. „Aber auch die zweithöchste Spielklasse wird sich dramatisch verändern.“
Saison des Übergangs
Denn die Lizenzbedingungen in der zweiten Ligen werden aufgeweicht, unter anderem dürfen wieder bis zu drei Zweitmannschaften der großen Klubs mitspielen. Dazu kommt, dass anders als bisher die Übertragungsrechte der höchsten beiden Ligen nicht mehr gemeinsam verkauft werden. Die zweite Liga bekommt einen eigenen Fernsehvertrag – und damit viel weniger Geld. „Es ist schade, dass unsere Liga derart an Stellenwert verliert“, sagt Erwin Fuchs, Präsident des Kapfenberger SV. „Aber nun können wir eh nichts mehr ändern, darauf müssen wir uns jetzt einstellen.“
Die nächste Saison wird im Zeichen des Übergangs stehen. Wer nicht aufsteigt, wird mit weniger Geld auskommen und sich bemühen müssen, den Anschluss an die Bundesliga nicht ganz zu verlieren. Immerhin werden die beiden bestplatzierten Teams fix aufsteigen, der Dritte spielt gegen den Letzten der Bundesliga Relegation. „Die Konkurrenz wird sicher enorm groß“, sagt der Rieder Sportdirektor Franz Schiemer. „Die Ligareform sorgt dafür, dass viele Teams zumindest im Hinterkopf mit dem Aufstieg spekulieren.“ Die Rollenverteilung im Kampf um den Aufstieg ist allerdings klar vorgegeben.
Da wäre zunächst die SV Ried. Die Innviertler stiegen im Mai nach zwölf Jahren in der Bundesliga ab, doch von Katerstimmung ist wenige Wochen später nichts zu spüren. Der Umbau hat bereits begonnen. Beim Trainingsauftakt in der Rieder Kaserne muss das Trainerteam um Lassaad Chabbi den vielen neuen Spielern die Übungen immer wieder erklären. Der Trainer ist einer der wenigen, die den Riedern erhalten blieben. Lediglich sechs Spieler aus der Abstiegsmannschaft sind noch immer im Kader. „Das ist ein heftiger Umbruch“, sagt Schiemer bei der Pressekonferenz zum Trainingsauftakt. „Aber für einen richtigen Neuanfang war das nötig.“ Um die Abgänge zu kompensieren, wurden die Oberösterreicher am Transfermarkt aktiv. Der bekannteste Neuzugang ist Marko Stankovic, der schon bei der Austria und Sturm in der Bundesliga gespielt hat und 2008 sogar einmal für das Nationalteam auflief. Daneben kamen gleich vier Spieler von Ligakonkurrent Austria Lustenau, Chabbis ehemaligem Arbeitgeber, und zwei vom LASK. Insgesamt zwölf Spieler verpflichteten die Rieder bis Redaktionsschluss, drei kommen aus dem eigenen Nachwuchs in die Kampfmannschaft. „Das Ziel kann nur der Wiederaufstieg sein“, sagt Schiemer. „Das ist der Anspruch unseres Vereins.“
Scheitern an der Lizenz
In Wiener Neustadt sind die Ansprüche weniger hoch. Das spiegelt sich auch in den Neuverpflichtungen wider. Die bekanntesten neuen Namen sind im Trainerstab zu finden. Der frühere Sturm-Spieler Roman Mählich ist seit Anfang Juni Trainer, Peter Hlinka sein Assistent. Beim Trainingsauftakt ist der neue Trainer gar nicht anwesend, Mählich ist auf Urlaub, den er schon lange vor seinem Dienstantritt in Niederösterreich gebucht hat. Die neuen Spieler sind weniger bekannt – und das ist durchaus Absicht. „In 150 Kilometer Umkreis von Wiener Neustadt spielen sechs Bundesligisten“, sagt Sportdirektor Schicker. „Wenn die uns junge, talentierte Spieler leihen, können wir ihnen sicher eine gute Plattform bieten.“ Zwei der bisherigen vier Neuzugänge sind Leihgaben von Sturm. Sie trainieren mit dem Rest der Mannschaft am Nebenplatz des Stadions, der auf einer Seite von alten Holzbänken, auf der anderen von einem Bierzelt begrenzt wird. Die SV Ried hat hingegen seit heuer ein neues Trainingszentrum – Parkettboden, Kraftkammer, Trainer- und Managerbüro inklusive. „Das ist eine andere Welt“, sagt Schicker. „Ried muss sich auch in der Bundesliga vor niemanden verstecken.“ Kurier-Journalist Huber sieht das ebenso: „Ried ist sicher der Topfavorit auf den Aufstieg, Wacker Innsbruck hat auch gute Chancen“, sagt er. „Um den Relegationsplatz werden sich dann Austria Lustenau und Wattens matchen – vielleicht kann auch noch Blau-Weiß Linz mitmischen.“
Doch auch für diese Teams ist der Weg in die Bundesliga sehr weit. Zum Saisonauftakt verfügt Austria Lustenau über kein bundesligataugliches Stadion, Wattens müsste auf das Innsbrucker Tivoli-Stadion ausweichen. Blau-Weiß Linz hätte mit der Gugl zwar die passende Infrastruktur, steckte aber in der abgelaufenen Saison bis zum vorletzten Spieltag im Abstiegskampf und verlor noch dazu Trainer Klaus Schmidt an Altach. Auch andere Teams wie Wiener Neustadt, der Kapfenberger SV und der FAC müssten in die Infrastruktur investieren, um eine Lizenz für die Bundesliga zu erhalten. „Es würde mich nicht überraschen, wenn lediglich zwei Mannschaften aufsteigen“, sagt Huber. „Zurzeit sehe ich einfach kein drittes Team, das den Sprung in die Bundesliga schaffen könnte.“
Glotze aus
Die Kluft innerhalb der zweiten Liga lässt sich auch an den Spielerverträgen ablesen. So stattete die SV Ried die meisten Spieler mit Mehrjahresverträgen aus, in Wiener Neustadt laufen alle mit Saisonende aus – es sei denn, der Aufstieg gelingt. „Es wäre unverantwortlich, wenn wir den Spielern auch für die zweite Liga längere Verträge geben würden“, sagt Schicker. „Wir wissen schlicht nicht, wie unser Budget dann aussehen wird.“
Bisher erhält jeder Zweitligist rund 450.000 Euro von der Bundesliga, die Liga damit insgesamt 22 Prozent der zentralen Vermarktungseinnahmen. Den Großteil davon machen die Erlöse aus dem Verkauf der Übertragungsrechte für das Fernsehen aus. Bisher verkaufte die Bundesliga diese für die höchsten beiden Ligen im Paket. Dafür sind auch alle Spiele der zweiten Liga im Fernsehen zu sehen: Sky zeigt jedes Match im Pay-TV, der ORF das Topspiel der Runde. Damit soll ab der Saison 2018/19 Schluss sein, denn die Bundesliga bietet die Übertragungsrechte für die beiden Ligen separat an. „Wahrscheinlich werden schon noch ein, zwei Spiele pro Runde im Fernsehen gezeigt werden“, sagt Journalist Huber. „Aber das Geld wird sehr viel weniger werden.“ Kolportiert wird ein Fixum von 125.000 Euro, die die Zweitligisten von der Bundesliga erhalten. Weniger als ein Drittel von dem, was sie bisher erhalten. „Wir werden uns etwas überlegen müssen“, sagt Kapfenberg-Präsident Fuchs. „So spannend und sportlich hochwertig wie bisher wird es jedenfalls nicht mehr sein.“
Das liegt auch daran, dass ab der übernächsten Saison wohl die Hälfte der Zweitligateams keine Profimannschaften mehr sein werden. Mit aufgeweichten Teilnahmebedingungen machte die Bundesliga den Weg frei für Teams, die in einer Halbprofiliga ihren Leistungszenit sehen. Zu schwache Flutlichter werden einen Verein nicht am Aufstieg aus der Regionalliga hindern, ebenso wie zu wenig überdachte Sitzplätze. Anders als bisher wird es also möglich sein, auch ohne ein Budget im siebenstelligen Bereich mitzuspielen. Teams wie der SV Lafnitz und der TSV Sankt Johann, die seit Jahren in der Regionalliga im Spitzenfeld platziert sind, ohne sich jemals wirklich um den Aufstieg zu bemühen, könnten so in Zukunft einen Teil der zweiten Spielklasse stellen. „Die Anfangseuphorie über die Reform ist auf alle Fälle weg“, sagt Erwin Fuchs. „Zumindest in unserer Liga ist der Ernst der Lage angekommen.“
Fallschirme und Musterschülerbonus
Die triste Situation lässt sich ganz ohne Reform schon heute an den Zuschauerzahlen der Liga festmachen. Nicht einmal 1.500 Fans kamen im Schnitt zu den Spielen. Den FC Liefering wollten durchschnittlich überhaupt nur 323 Zuschauer sehen, weitere Zweitmannschaften werden das Niveau vermutlich ebenfalls nicht heben. Durch die geringere Fernsehpräsenz könnte es zudem noch schwieriger werden, Sponsorengelder zu lukrieren. In Innsbruck sorgt diese Aussicht für düstere Vorhersagen. Wacker-Präsident Gerhard Stocker sagte der Tiroler Tageszeitung im April, dass der Verein den Profibetrieb wohl einstellen müsse, wenn der Aufstieg in der nächsten Saison nicht gelingt. Auch in Ried ist sich die sportliche Leitung über die Bedeutung der kommenden Saison bewusst – der Verein will sich davon aber nicht nervös machen lassen. „Natürlich ist der Druck riesig“, sagt Trainer Chabbi. „Aber Druck gehört im Leben, und vor allem im Profisport, dazu.“
Die Bundesliga weiß, dass der Leistungsunterschied zwischen den beiden höchsten Ligen in Zukunft größer werden wird. Sie verspricht ambitionierten Teams zusätzliche Förderbeträge. Der Absteiger etwa wird im ersten Jahr mit 250.000 Euro unterstützt, ebenso sollen jene Klubs, die die Lizenzbedingungen für die höchste Spielklasse erfüllen würden, mit einem sechsstelligen Betrag belohnt werden. „Wir wollen, dass sich die Teams über den wirtschaftlichen Mehraufwand einer Bundesliga-Teilnahme bewusst sind“, sagt Bundesliga-Vorstand Christian Ebenbauer im ballesterer-Interview. „Wo seriös gearbeitet wird und die Rahmenbedingungen wie beispielsweise die Infrastruktur stimmen, sollte ein Aufstieg auch zukünftig machbar sein.“
Die kommende Saison wird zeigen, wie viel die Zweitligisten riskieren, um den Sprung in die Bundesliga noch vor Inkrafttreten der Ligareform zu schaffen. Was danach passiert, ist noch nicht klar. Dennoch könnte die kommende Saison einen Vorgeschmack auf das geben, was in den folgenden Jahren Normalität wird. Der Bundesliga-Absteiger ist den Ligakonkurrenten infrastrukturell und finanziell überlegen und wird alles daran setzen, direkt wieder aufzusteigen. Viele Gegner wird er dabei nicht haben, der Großteil der Liga hat weder das Interesse noch die Ressourcen, überhaupt in der Bundesliga zu spielen. Alexander Huber hält ein solches Szenario für realistisch – auch über die kommende Saison hinaus: „Es läuft darauf hinaus, dass es im Jahr ohnehin nur zwei bis drei mögliche Aufsteiger geben wird“, sagt er. „Was gerade passiert, ist zwar keine völlige Abschottung der Bundesliga, aber es geht in diese Richtung.“