Die Funktionäre der Union Gurten hätten sich vor einigen Wochen wohl nicht erträumen lassen, dass die BBC und die New York Times eines Tages von ihrem Klub berichten würden. Oder dass vom oberösterreichischen Regionalligisten in Ghana, Indien und Kanada zu lesen sein würde. Grund für die Berichterstattung war das Verhalten einiger Zuschauer beim Cupmatch gegen den SCR Altach – oder genauer: das von Schiedsrichter René Eisner. Der zeigte Bernard Tekpetey nämlich die Rote Karte, weil der Altach-Stürmer bei seinem Torjubel eine unsportliche Geste in Richtung der Fans machte, die ihn zuvor rassistisch beschimpft hatten.
Diese Entscheidung mag vom Reglement gedeckt sein, das macht sie aber nicht weniger falsch. Das beginnt damit, dass Eisner etwas gegen die rassistischen Beschimpfungen unternehmen hätte müssen. Dass es erst nach der Roten Karte eine Durchsage gab, die Beleidigungen zu unterlassen, ist nur ein ironisches Detail am Rande. Vor allem hätte Eisner, der den Spieler nicht geschützt hatte, Tekpetey nicht dafür bestrafen dürfen, dass er sich wehrte.
Zynisch betrachtet, hatte die Fehlleistung von Eisner immerhin den Effekt, dass über die rassistischen Vorfälle diskutiert wurde. Hätte es Durchsagen gegeben oder Tekpetey keine Rote Karte bekommen, wäre aus der Angelegenheit wohl keine globale Nachricht geworden. Dank der einhellig kritischen Aufmerksamkeit hätte man also nun von der Bundesliga, deren Strafsenat über eine etwaige Sperre des Spielers zu beraten hatte, erwarten können, dass wenigstens sie richtig reagiert und Tekpetey pardoniert. Weit gefehlt.
Die Liga sperrte den Altach-Stürmer für ein Spiel – und für ein zusätzliches auf Bewährung. Statt zum Beispiel zusätzliche Schulungen für den Umgang mit rassistischen Vorfällen anzubieten, entschied sie sich dafür, dem Schiedsrichter den Rücken zu stärken. Die Rote Karte sei gerechtfertigt, die Provokationen würden lediglich mildernd wirken. Die Bundesliga versucht so, ihre Entscheidung formal zu legitimieren, politisch lässt sich das nicht halten. Die Sperre ist nicht nur ein persönlicher Affront gegen den Spieler. Sie signalisiert auch, dass Betroffene ja nicht auf die Idee kommen sollen, selbst zu protestieren, sondern auf Hilfe zu warten haben – die vielleicht nie kommt.
Mit dieser Entscheidung hat sich die Liga einen Bärendienst erwiesen. Wenn ihre Gremien im Ernstfall nicht uneingeschränkt auf der Seite des Opfers rassistischer Beleidigungen stehen, gefährdet das die Glaubwürdigkeit jeder Antidiskriminierungskampagne. Besser reagierte da schon die Union Gurten. Hatte sie den Vorfall zunächst noch kleingeredet, veranstaltete sie beim nächsten Spiel eine Aktion gegen Rassismus. Selbst wenn es dabei strategische Hintergedanken – immerhin steht eine Bestrafung durch den ÖFB im Raum – geben sollte, ist das ein gutes Zeichen. Noch besser hatten es laut einem Bericht der Krone junge Fans aus Gurten schon während des Cupspiels gemacht. Obwohl sie von den Schmähungen nicht betroffen waren, forderten sie die Gruppe vorwiegend älterer Fans auf, diese zu unterlassen. Hätten Schiedsrichter Eisner und die Bundesliga besser hingehört, hätten sie vielleicht etwas über Solidarität gelernt.