Bundesliga-Auftakt in Bremen – doch den 800 Menschen, die sich an diesem Samstagvormittag in der Innenstadt versammelt haben, geht es nicht um das erste Heimspiel des SV Werder gegen Schalke 04. Sie sind dem Aufruf von Bremer Ultragruppen zur Demonstration unter dem Motto „Gegen Nazis und Repression” gefolgt und wollen auf die Bedrohung durch rechtsextreme Hooligans aufmerksam machen. Vor allem aber protestieren sie gegen die Ermittlungen der Polizei gegen antifaschistische Fußballfans und fordern die Freilassung ihres Freundes Valentin.
Politisch einseitig
Der 21-jährige Fan Valentin S. sitzt seit Anfang Juli wegen des Vorwurfs gefährlicher Körperverletzung in U-Haft. Gemeinsam mit anderen Bremer Ultras soll er rund um das Nordderby gegen den Hamburger Sport-Verein im April an Auseinandersetzungen mit rechtsextremen Hooligans beteiligt gewesen sein. Laut Augenzeugenberichten ging die Aggression jedoch von rechts aus: Mit Stadionverboten belegte Ultras, die das Spiel in einem Lokal verfolgt hatten, seien von Mitgliedern der Bremer Neonaziszene angegriffen worden. Sie liefen daraufhin in Richtung Stadion, wo ihnen weitere Ultras entgegenkamen. Hier griff die Polizei ein, die die gesamte Gruppe unter Pfefferspray und Schlagstockeinsatz zurücktrieb. Doch am Ort des ersten Angriffs befand sich immer noch eine illustre Runde von Bremer Hooligans und Rechtsextremen, darunter auch Hannes Ostendorf, Sänger der Band „Kategorie C“ und Mitglied der Hooligangruppe „Standarte Bremen“. Es kam zu weiteren Schlägereien, die nun im Fokus der Ermittlungen stehen. Durch Videoaufnahmen wurden mehrere Ultras identifiziert, die Polizei führte Hausdurchsuchungen durch. S. wurde Anfang Juli verhaftet, gegen rund dreißig weitere Personen wird derzeit wegen gemeinschaftlich begangener schwerer Körperverletzung ermittelt.
„Da haben sich zwei gewaltbereite Gruppen gesucht und gefunden“ – so fasste ein Polizeisprecher die Ereignisse gegenüber der Lokalzeitung Weser-Kurier zusammen. Eine Bewertung, die viele der Demoteilnehmer auf die Straße gebracht hat. „Wenn Polizei und Staatsanwalt den Eindruck erwecken, es sei ihnen völlig egal, ob die Gewalt von links oder rechts kommt, ist das problematisch“, sagt Wilko Zicht, Werder-Fan und innenpolitischer Sprecher der Grünen im Bremer Landesparlament. „Sie müssen nicht nur aufklären, was passiert ist, sondern auch, warum es passiert ist.“
U-Haft verlängert
Staatsanwaltschaft begründet den Haftbefehl gegen S. damit, dass er ein politisch motivierter Gewalttäter sei und führt dafür auch weitere offene Verfahren aus dem politischen wie dem Fußballkontext an. Eine Strafverfolgung der teilweise einschlägig aktenkundigen rechten Hooligans ist bisher hingegen ausgeblieben. „Das einseitige Vorgehen der Polizei und die Verharmlosung der Bedrohung durch rechtsextreme Hooligans treibt die Leute auf die Straße“, sagt der langjährige Werder-Ultra Martin (Name der Redaktion bekannt). In Gesprächen mit Teilnehmern der Demonstration ist die Besorgnis über das am Vorabend verkündete Ergebnis der Haftprüfung zu spüren: Valentin S. bleibt weiterhin inhaftiert. Der Haftbefehl stützte sich auf die Vermutung einer Tatwiederbegehung. Diesem Vorwurf trat Verteidiger Horst Wesemann durch ein Antigewalttraining und polizeiliche Meldeauflagen während der Werder-Spiele entgegen. In der Ablehnung der Haftverschonung soll das Gericht nun zudem den linken Freundeskreis des Ultras angeführt haben, von dem er sich in Freiheit kaum fernhalten werde. Mit dieser Argumentation dient auch die Solidaritätswelle für Valentin S. zur Rechtfertigung der U-Haft- Verlängerung.
„Wenn Polizei und Staatsanwalt den Eindruck erwecken, es sei ihnen völlig egal, ob die Gewalt von links oder rechts kommt, ist das problematisch.“
Wilko Zicht, Werder-Fan und Grünen-Politiker
Alt und unberechenbar
Der Marsch erreicht das linksalternativ geprägte Steintorviertel, er folgt dem Weg, den die Werder-Fans bei Heimspielen Richtung Stadion einschlagen. Der abschließende Redebeitrag der Fangruppen „Caillera“ und „Infamous Youth“ verweist auf die Vorgeschichte des Konflikts zwischen linken Ultras und rechten Hooligans. Bereits 2007 kam es zu einem Angriff auf eine Feier von Ultras in den Räumen des Fanprojekts, der Prozess folgte vier Jahre später und endete mit einer Geldstrafe für die Täter. Zudem sind in den vergangenen Jahren in ganz Deutschland lokale Hooliganszenen wiedererstarkt, die sich in Gruppen wie „Hooligans gegen Salafisten“ und „Gemeinsam stark“ zusammengeschlossen haben. „Allerorten testen rechte Hools aus, ob sie Macht zurückerobern und gegen linke Ultras und deren Engagement vorgehen können“, sagt ein langjähriger Kenner der Bremer Hooliganszene, der seinen Namen ebenfalls nicht gedruckt sehen möchte. „In Bremen stehen die Kräfteverhältnisse mittlerweile klar zu Gunsten der Ultras, die Hools altern und haben Probleme bei der Mobilisierung. Aber gerade deshalb agieren sie so unberechenbar und gefährlich.“
Auch Wilko Zicht erwartet, dass die Bedrohung durch rechte Hooligans in der Stadt keineswegs abnehmen wird. Die Ultras haben angekündigt, ihr Engagement gegen Nazis und Diskriminierung weiterzuführen, stehen dabei jedoch unter besonderer Beobachtung von Staatsanwaltschaft und Polizei. Deren Verhalten wird eine zentrale Rolle für die weiteren Entwicklungen spielen: „Bisher war die Polizei offensichtlich nicht in der Lage, die Ultras zu schützen“, sagt Lokalpolitiker Zicht. „Unter diesen Umständen finde ich es schwierig aus dem sicheren Elfenbeinturm zu sagen ‚Bleibt mal friedlich und greift nicht zum Mittel der Gewalt‘, wenn junge Leute damit konfrontiert sind, dass ihnen bei jeder Gelegenheit rechte Schlägertypen eine aufs Maul geben wollen.“
Update: Kurz nach Erscheinen dieses Artikels aus unserer Ausgabe 105 strengte die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen den Grünen-Abgeordneten Wilko Zicht an, das jedoch eingestellt wurde. Am 11. November 2015 wurde Valentin S. aus der Untersuchungshaft entlassen.