250.000 Euro. So viel Ablöse hat Hertha BSC für Elias Abouchabaka kassiert. Summen wie diese wären im deutschen Profifußball nicht auffällig, würde es sich bei dem Mittelfeldspieler nicht um einen 15-Jährigen handeln. Der Käufer von Abouchabaka verleiht dem Transfer zusätzliche Brisanz, schließlich handelt es sich um Rasenballsport Leipzig, die Deutschland-Filiale des Red-Bull-Fußballunternehmens.
In letzter Zeit häufen sich Berichte über kostspielige Jugendtransfers der Leipziger, mit Stürmer Nicolas Kühn von Hannover 96 wechselte im Sommer ein weiterer 15-Jähriger nach Sachsen. Bei der Konkurrenz lösen die Transfers zum finanzkräftigen Rivalen Nervosität und Empörung aus: Eine Guerillasituation wollte Peter Fischer bereits im vergangenen Jahr erkennen. „Die gehen direkt an die jungen Spieler ran und bieten so viel Geld, dass es sehr schwer ist, nein zu sagen“, sagte der Präsident von Eintracht Frankfurt. „Bald haben wir Zwölfjährige, die abgeworben werden.“ Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VDV, widerspricht im ballesterer-Gespräch dieser Einschätzung. „Ich kann nur empfehlen, sich die Wechselstatistiken anzuschauen. Das ist absolut normal“, sagt er. „Ab dem Zeitpunkt, zu dem die Jugendlichen in die U15-Nationalmannschaft einberufen werden, haben sie Berater aus aller Welt vor sich, teilweise mit wilden Versprechungen. Viele Eltern sind mit der Situation völlig überfordert, die Jugendlichen sowieso.“
Jugend vor Gericht
Zumindest mit juristischem Handwerkszeug dürfte RB Leipzig dienen, wenn man einem Bericht der Berliner Morgenpost Glauben schenken darf. Demnach hätten sich die rechtlich sehr gut informierten Eltern von Abouchabaka an den Berliner Fußball-Verband gewandt und dort die Freigabe für ihren Sohn eingefordert. Hertha ließ den Jugendlichen ziehen, aber erst nachdem der Klub die bis dato höchste Ablösesumme für einen Jugendspieler in der Vereinsgeschichte eingestreift hatte.
Anders gestaltete sich der Fall des ebenfalls 15-jährigen Berkan Alimler. Zum 30. Juni hatte Alimlers Familie die vertragliche Bindung mit Hertha gekündigt und den Sohn von seiner Berliner Schule abgemeldet. Sie war davon ausgegangen, mit RB Leipzig eine Vereinbarung über die weitere Ausbildung getroffen zu haben. Doch Hertha pochte auf den bestehenden Vertrag. In diesem Fall waren die Leipziger wohl nicht zur Zahlung der geforderten Ablöse bereit, und Berkan Alimler konnte bei keinem der Klubs trainieren oder spielen. Ein Rechtsstreit folgte. Das zunächst angerufene DFB-Sportgericht erklärte sich für nicht zuständig, der DFB begründet das auf ballesterer-Nachfrage mit der Spielordnung – demnach sei der Nordostdeutsche Fußballverband hier verantwortlich.
Die Auseinandersetzung verlagerte sich daraufhin vor ein Berliner Arbeitsgericht. Umut Schleyer, der Anwalt der Familie und zugleich Spielerberater des Jugendlichen, vertrat dabei die Auffassung, dass der Vertrag mit Hertha BSC nicht rechtmäßig sei, da Alimler zum Zeitpunkt der Unterschrift mit seinen damals 14 Jahren schlicht zu jung für derartige Entscheidungen gewesen wäre. Hertha-Manager Michael Preetz hielt dagegen, dass der Vertrag einer Mustervorlage des DFB entspreche. In der Spielordnung sei geregelt, dass U17-Jugendspieler Förderverträge abschließen können.
Schließlich zog die Familie Alimler die Klage im Oktober zurück, und der 15-Jährige konnte nach knapp vier Monaten wieder in Herthas Mannschaftstraining einsteigen. Für den Verein ist der Fall damit erledigt, gegenüber dem ballesterer wollten sich die Berliner nicht mehr dazu äußern.
Kaufkraft im Osten
Vereine seien bei Spitzenspielern im Jugendbereich inzwischen bereit, hohe Ablösesummen und Gehälter zu zahlen, die sich teilweise auf Drittliganiveau befänden, sagt Spielergewerkschafter Baranowsky. „Das muss man so nüchtern feststellen.“ Mit dem langsamen Aufstieg der Leipziger Red-Bull-Filiale hat sich zudem ein ambitionierter und finanzstarker Verein in Stellung gebracht, der sich die Professionalisierung des Nachwuchsbetriebs seit Jahren auf die Fahnen heftet.
Als zum Startschuss des Projekts 2009 noch an keine eigens aufgebaute Nachwuchsabteilung zu denken war, versorgten sich die Leipziger bei der lokalen Konkurrenz, dem 1. FC Lokomotive und dem 1. FC Sachsen. Aufgrund der besseren finanziellen Möglichkeiten konnten sie bald die größten Talente der Region verpflichten. Mittlerweile hat der Verein ein Nachwuchsleistungszentrum um rund 35 Millionen Euro in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Zentralstadions errichtet. Die Jugendmannschaften sind in allen Jahrgängen in den höchsten Spielklassen vertreten und spielen regelmäßig um die Meisterschaft, der Aufstieg der Profimannschaft in die Bundesliga dürfte zudem nur noch eine Frage der Zeit sein.
So lockt der Verein Talente aus dem gesamten Land an. Ob RB Leipzig den Jugendspielermarkt durch seine Ablösesummen und Investitionen zerstört, wird sich ebenso wie die Entwicklung der teuren Talente erst weisen. VDV-Geschäftsführer Baranowsky zumindest hat dafür warnende Worte übrig: „Natürlich ist für den ein oder anderen das Thema Geld wichtig, aber das muss man relativ sehen. Wenn sich einer auf seine Ausbildung fokussiert und besser wird, kommt das Geld später von alleine“, sagt er. „Aber die allerwenigsten schaffen den Sprung.“