Der 1. Juli war einer der heißesten Tage des Jahres in Stockholm. Bei über 30 Grad und Volksfeststimmung drängten sich tausende Menschen in den Park Kungsträdgard im Zentrum der Stadt. Sie kamen, um die neuen Fußballhelden des Landes zu begrüßen: die schwedische U21-Nationalmannschaft, die am Tag zuvor in Prag durch einen Sieg im Elfmeterschießen gegen Portugal Europameister geworden war. Ministerpräsident Stefan Löfven hatte die Spieler am Flughafen empfangen, anschließend fuhren sie samt Pokal in einem offenen Bus durch die Stadt. Die Feier galt immerhin dem ersten Titel eines schwedischen Männerteams in einem internationalen Turnier und war damit auch ein Signal – für eine Zukunft nach Zlatan.
Sieg des Kollektivs
Der vielleicht größte Trumpf der U21-Mannschaft, die sich gegen starke Konkurrenz aus Deutschland, England, Italien und Portugal den Titel sicherte, war ihr ausgeprägter Teamgeist und die gute Organisation. Die Defensivarbeit begann im Sturm, wo John Guidetti mit seiner körperlichen Präsenz gegnerische Verteidiger verunsicherte. Gemeinsam mit Kapitän Oscar Hiljemark im Mittelfeld und Abwehrchef Alexander Milosevic bildete er eine zentrale Achse im Spiel der Schweden. Die U21 präsentierte sich als Musterschüler der skandinavischen Schule: stabile Defensive, gute Raumaufteilung und Kaltschnäuzigkeit im Abschluss.
Der Erfolg war ein Sieg des Kollektivs über große Namen, wie sie bei anderen Turnierteilnehmern zu finden waren. Damit stellte die U21 bei der EM in Tschechien einen starken Gegensatz zur aktuellen A-Nationalmannschaft dar, wo sich alles um Superstar Zlatan Ibrahimovic dreht. „Ibrahimovic macht einfach den Unterschied aus. Er bringt jedes Team, in dem er spielt, automatisch auf ein anderes Level“, sagt Zlatan Nalic, der bei der U21-EM im Stab von Teamchef Hakan Eriksson mitwirkte. „Es wäre unsinnig zu versuchen, einen neuen Ibrahimovic zu formen. Viel wichtiger ist es, aus allen anderen Spielern das Beste herauszuholen. So wird das Kollektiv wichtiger als der Einzelne.“
Schweden ohne Ibrahimovic
Der schwedische Rekordinternationale Anders Svensson, der seine Teamkarriere 2013 beendete, entfachte im vergangenen Sommer eine heftige Debatte, als er im Interview mit dem Boulevardblatt Expressen sagte: „Schweden wird ohne Ibrahimovic besser werden.“ Alles sei auf den besten Spieler ausgerichtet, den das Land je gehabt hätte, und mancher Kollege habe sogar ein wenig Angst vor Ibrahimovic. Der Star selbst sah das anders. „Ich bin um den schwedischen Fußball nach mir besorgt“, sagte er vor einem Jahr. Außer Frage steht, dass die aktuelle Nationalmannschaft zu großen Teilen von Ibrahimovics Form abhängt. Seit der EM 2012 lief er in 25 Spielen für Schweden auf, erzielte dabei 23 Treffer und bereitete acht weitere vor. Somit war er in diesem Zeitraum an 72 Prozent aller Tore direkt beteiligt. Kein Spiel, in dem sich Ibrahimovic nicht in die Scorerliste eintrug, konnte gewonnen werden. In den sieben Partien, bei denen der Star fehlte, gelang nur ein einziger Sieg: ein 2:0 gegen Liechtenstein.
Ibrahimovic gibt aber nicht nur auf dem Platz den Ton an. Mit seiner extrovertierten Art sorgt er auch abseits für Schlagzeilen und gilt nicht umsonst als der derzeit berühmteste Schwede. In einem Land, in dem sich Sportler meist zurückhaltend geben, verkörpert Ibrahimovic das genaue Gegenteil. Und dann ist da noch seine Lebensgeschichte: Als Sohn einer eingewanderten Familie in einem berüchtigten Vorort von Malmö aufgewachsen, ist er zu einem internationalen Star geworden. Eine ungewöhnliche Erfolgsstory, mit der sich jedoch viele Schweden identifizieren können, ist das skandinavische Land doch in den letzten 20 Jahren zu einer multikulturellen Gesellschaft geworden.
Letzte Chance EM
„Für unsere Fußballer ist das eine Win-win-Situation“, sagt Nalic, der wie Ibrahimovic bosnische Vorfahren hat. „Wir Migranten geben dem schwedischen Fußball die Kreativität und Spielfreude, die vorher vielleicht gefehlt haben. Gleichzeitig lernen wir mehr Disziplin und Verantwortungsbewusstsein für das Kollektiv. Das ist eine perfekte Mischung für die Zukunft.“ Ibrahimovic mag einer der ersten schwedischen Fußballstars mit Migrationshintergrund sein, sicherlich aber nicht der letzte. Mit Jimmy Durmaz, Alexander Kacaniklic und Erkan Zengin gehören bereits drei weitere zum Stammkader von Teamchef Erik Hamren. Auch in der U21 tummeln sich neben Milosevic und Guidetti mit Joseph Baffo, Oscar Lewicki, Abdul Khalili und Isaac Kiese Thelin weitere Spieler mit Migrationshintergrund. Einige von ihnen debütierten bereits in der A-Nationalmannschaft und sind auch Kandidaten für die anstehenden EM-Qualifikationsspiele gegen Russland und Österreich.
Für die Qualifikationsrunde zur Weltmeisterschaft in Russland 2018 wurde Schweden in eine schwierige Gruppe mit Frankreich, den Niederlanden und Bulgarien gelost. Damit ist die EM 2016 vielleicht die letzte Chance für Ibrahimovic und seine Generation, auf großer Bühne zu reüssieren. Sollte sich Schweden für das Turnier in Frankreich qualifizieren, könnte aus dem Zusammenspiel der individuellen Klasse des Stars und dem starken Kollektiv der jungen Spieler eine erfolgsversprechende Mischung entstehen. Die U21-Mannschaft hat zumindest Ibrahimovics Sorgen gemindert. Vor dem Finale von Prag schrieb er in seiner App Zlatanunplugged: „Bringt mich durch einen Sieg zum Schweigen. Vergessen wir, was ich zur Zukunft des schwedischen Fußballs gesagt habe.“
Übersetzung: Nino Duit