Der 14. Dezember ist kein guter Tag für die Fans des SK Sturm. Während der Transfer von Topscorer Marco Djuricin zu Red Bull Salzburg langsam Gestalt annimmt, kündigt ein weiterer wichtiger schwarz-weißer Player seinen Abschied an: Unter dem Titel „Schlusspfiff“ erklärt das Team des Fanportals Sturm12.at, dass es mit Jahresende den Betrieb einstellen werde. Die Personaldecke sei zu dünn geworden, Mitarbeiter und Spieler des Vereins hätten zudem gegenüber der Redaktion den Informationsfluss und die Kommunikation in den vergangenen Monaten auf ein Mindestmaß beschränkt. Nach fast sechs Jahren ist Schluss für das größte von Fans betriebene Vereinsportal im österreichischen Fußball. Daran können auch fast 200 lobende, ermutigende und enttäuschte Kommentare unter dem Text nichts ändern.
Klicks, Klicks, Klicks
Der Blick zurück zeigt eine eindrucksvolle Entwicklung: Im Februar 2009 von Christopher Houben und Julia Wendl gegründet, verpflichtete sich Sturm12.at einem kritischen Qualitätsjournalismus und etablierte sich rasch als wesentlicher Faktor in der Berichterstattung über den Grazer Bundesligisten. Vorschauen, Berichte und Analysen zu den Spielen der Profis, ausführliche Interviews, Kommentare, Spielerbenotungen, Fotostrecken, eigene Threads für die Fußballerinnen und Amateure, Tippspiele, Statistiken und Textkooperationen mit Medien wie dem ballesterer: Sturm12.at lieferte nicht nur ein breites Angebot, sondern bereitete es auch leidenschaftlich auf. Die Vorteile eines Internetmediums gegenüber dem Print wussten die ehrenamtlichen Mitarbeiter mit Live-Berichterstattung genauso zu nutzen wie die Lücke, die ihnen der lange unambitionierte Webauftritt des Vereins ließ.
Die Sturm-Fans wussten den Aufwand zu schätzen. 3,5 Millionen Visits und 330.000 Unique Users im letzten Jahr des Bestehens sind dafür der beste Beweis. Und sie diskutierten mit: Mehr als 110.000 Kommentare zählten die Betreiber in den sechs Jahren des Bestehens unter den Texten, die ebenfalls sehr gut frequentierten Social-Media-Kanäle noch gar nicht eingerechnet. Im Rahmen des „12er Stammtischs“ wurde auch im Wirtshaus geredet, in der Fankurve verschaffte man sich mit gemeinsamen Aktionen wie der „Freiheit für Sturm“-Kampagne, mit der das Sponsorenlogo aus dem Vereinswappen entfernt wurde, Respekt. Dass der journalistische Stil der oft unerfahrenen Schreiber mit den Ambitionen nicht immer mithalten konnte, war kein nachhaltiger Makel. Sturm12.at sah sich als Ausbildungsmedium, das durch Studierende der Fachhochschule für Medien und Design am Joanneum ständig Auffrischung erfuhr. Viele blieben dem Portal lange treu, viele wechselten zu größeren Medien oder schlugen andere Karrieren ein – wie Gründer Houben, der 2012 zum Finanzvorstand von Sturm berufen wurde und heute als Controller in der Privatwirtschaft arbeitet.
Neue Strukturen, alte Muster
Jürgen Pucher hat seit den Anfangstagen für Sturm12.at geschrieben und die Seite mit seiner Kolumne „12 Meter“ mitgeprägt. Als Grund für sein Engagement nennt er die lässige Energie, die rund um das Medium stets zu spüren gewesen sei. Für das Aus macht er mehrere Gründe verantwortlich. „Einerseits liegt es an der natürlichen Fluktuation. Viele Redakteure haben nach dem Studium Graz verlassen oder mussten andere Prioritäten setzen“, sagt Pucher. Nach zwei gelungenen Generationswechseln sei ein weiterer nicht zu bewerkstelligen gewesen – auch aufgrund des immer schlechter werdenden Verhältnisses zum Klub.
Reibungslos war die Beziehung zwischen den schreibenden Fans und der Sturm-Führung nie. Nicht unter Hans Rinner, der bis 2010 als Präsident die Vereinsgeschicke leitete, nicht unter dessen Nachfolger Gerhard Stockenhuber und auch nicht unter dem jetzigen Vereinschef Christian Jauk. Mit Jauk hielt ein Paradigmenwechsel Einzug. Die neue Struktur des Vereins mit zwei Geschäftsführern und einer ausgegliederten Profiabteilung verschob die Machtverhältnisse, seit Ende 2012 ist Gerhard Goldbrich als General Manager der starke Mann.
„Wir haben uns von der neuen Struktur eine Verbesserung erwartet, sie wird aber nicht gelebt“, sagt Pucher. „De facto herrscht bei Sturm immer noch eine Gutsherrenmentalität.“ Vor der Gründung von Sturm12.at seien die relevanten Medien wie Kleine Zeitung, Kronen Zeitung und ORF eng mit der Klubspitze verbandelt gewesen, teilweise auch als Sponsoren. Eine Haus- und Hofberichterstattung sei der Effekt, sagt Pucher. „Unsere Prämisse, ein Medium zu etablieren, das trotz seiner Fannähe kritisch ist, wurde nie angenommen. Der Verein hat konstruktive Kritik nie als Mehrwert gesehen. Unter Goldbrich ist es immer schlechter geworden.“
Niedrige Wehleidigkeitsgrenze
Zu einer Eskalation kam es im vergangenen Sommer, als sich Sturm-Kapitän Michael Madl nach dem verlorenen Saisonauftakt in Altach gegenüber der Kleinen Zeitung, ohne es explizit zu nennen, über das Portal beschwerte. Pucher bezeichnete ihn daraufhin in seiner Kolumne als Dünnhäuter erster Güte. Danach habe es gegenüber Sturm12.at einen nie offen kommunizierten Boykott gegeben. „Leuten, die immer gern mit uns geredet haben, zum Beispiel aus der Nachwuchsabteilung, ist ein Maulkorb umgehängt worden“, so der Kolumnist. „Interviewtermine sind kurzfristig abgesagt worden. Ich bin überzeugt, dass das auf Druck von oben passiert ist.“
Michael Fiala überrascht diese Kommunikationsverweigerung nicht. Der Chefredakteur des Fußballportals 90minuten.at war selbst schon öfters mit Donnergrollen aus Graz konfrontiert. „Die Wehleidigkeitsgrenze bei Sturm ist extrem niedrig“, sagt er. „Erst vor einigen Wochen hat der Verein nach einem kritischen Text gedroht, nicht mehr mit uns zu sprechen. Auf meine Antwort, dass wir das so an unsere Leser weitergeben werden, ist die Ankündigung aber wieder zurückgenommen worden.“ Fiala bedauert das Aus für Sturm12.at, Konkurrenzdenken wischt er vom Tisch. „Im Onlinebereich sind wir Mitbewerbern nichts neidig. Der Austausch und die Auseinandersetzung mit den Inhalten von Sturm12.at war immer fruchtbar“, sagt der Portalbetreiber, der den Kollegen einen längeren Atem gewünscht hätte. „Es wäre spannend geworden, wenn sie den Konflikt stärker nach außen getragen hätten. Dem Zuspruch des Portals hätte das nicht geschadet, und eine kritische Berichterstattung ist auch ohne Statements von Vereinsseite möglich.“ Eine Ansicht, der Pucher widerspricht: „Wenn man vom Verein blockiert wird, kann man keinen 19-Jährigen zu einem Termin schicken und sagen: ,Mach die Geschichte trotzdem!‘ Das funktioniert nicht.“
Weiter angeheizt wurde der Konflikt mit dem Klub dadurch, dass die Hackl nun auch von Sturm12.at tiefer flogen. Pucher räumt ein, dass er und seine Kollegen sich in Einzelfällen im Ton vergriffen hätten. Im November folgte ein letzter Versuch, die Wogen zu glätten. Bei der Aussprache habe man Goldbrich darauf hingewiesen, dass Sturm12.at neben kritischen Texten auch sehr viel Positives über den Verein gebracht habe, sagt Pucher. „Seine Antwort war: ,Wenn ich eine Steige Zitronen habe, und drei sind faul, muss ich auch die ganze Steige wegschmeißen.‘ Nach diesem Totschlagargument kann man nur sagen: Danke, das war’s.“
Schweigender Manager, schwammiger Präsident
Bei den Verantwortlichen des SK Sturm herrscht zum Thema Sturm12.at wenig Gesprächsbedarf. Eine Interviewanfrage des ballesterer an Gerhard Goldbrich wird von der Presseabteilung mit dem Argument abgelehnt, dass sich der General Manager nicht zu verblichenen Medien äußere. „Es ist zwar ein unrealistisches Szenario, aber wenn es die Kleine Zeitung nicht mehr geben sollte, würden wir das auch nicht kommentieren“, so Pressesprecher Alexander Fasching. Präsident Jauk sagt die Beantwortung von drei Fragen zunächst zu, schreibt dann aber: „Grundsätzlich kommentieren wir kein Medium in anderen Medien.“ Der nur unkonkrete Nachsatz: „Die Initiative von Herrn Houben und seinen Freunden hat zum richtigen Zeitpunkt den Bedarf nach einer modernen Kommunikations- und Informationsplattform bei Sturm abgedeckt. Heute hat der Klub eine ganz andere Präsenz im digitalen Bereich.“
Das Verhalten der Entscheidungsträger sagt einiges aus – nicht zuletzt über die Kommunikationsabläufe beim SK Sturm. Was Jauk nicht sagt, ist, dass Sturm12.at zu den positiven Entwicklungen im digitalen Bereich einiges beigetragen hat, weil es sich der Klub nicht leisten konnte, mit seinem Angebot so weit hinter einem Fanportal nachzuhinken. In Zukunft wird der Bundesligist ohne die mediale Auseinandersetzung mit den Fans auskommen müssen. Für 90minuten.at-Chefredakteur Fiala ein bedenkliches Signal. „Der Provinzialismus, der immer wieder über der Bundesliga hängt, wird durch solche Geschichten befeuert“, sagt er. Und auch Jürgen Pucher meint: „Es ist sehr schade, dass eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln von den Verantwortlichen des SK Sturm zu keinem Zeitpunkt gewünscht war. Wir wollen uns am Ende nicht selbst leidtun. Es tut uns aber leid für die vielen Leser, bei denen das Aus von Sturm12.at eine Lücke hinterlässt.“