Es war das pure Stadion – rund, riesig, demokratisch. Für die WM 1950 plante eine Gruppe von sieben brasilianischen Architekten in Rio de Janeiro ein Stadion mit kollektiven Eigenschaften: Durch den kreisförmigen Grundriss des Maracana sollte jeder Zuschauer annähernd die gleiche Perspektive wie alle anderen in derselben Reihe haben. Das Stadion bildete einen Kreis um das Spielfeld, und trotz eines Grabens konnte man, anders als in europäischen Arenen mit Laufbahn, auf den billigen, fast ebenerdigen Stehplätzen an den Cornerfahnen fast schon den Schweiß der Spieler riechen.
Die ultimative Niederlage
Das größte Spiel seiner Geschichte fand schon einige Wochen nach der Eröffnung statt: Es sollte als „Maracanazo“ in die Fußballgeschichte eingehen. Die 1:2-Niederlage Brasiliens im WM-Finale gegen Uruguay ist Gegenstand zahlloser Erzählungen geworden, auch weil sich die Brasilianer ihres Sieges allzu sicher waren. Das Ausmaß der damaligen Kulisse von geschätzten 200.000 Menschen stellte im Fußball alles zuvor Dagewesene in den Schatten. Dem Maracana wurde aber auch diese ultimative Niederlage verziehen. Auf dem berühmtesten Rasen Brasiliens zauberten danach drei Jahrzehnte lang viele der weltbesten Fußballer.
Ursprünglich sollte das größte Stadion der Welt für das größte Fußballturnier der Welt 15 Kilometer entfernt, in der Satellitenstadt Jacarepagua, errichtet werden. Doch der Standort auf dem Gelände einer Pferderennbann in Tijuca, einem Mittelklassestadtteil nahe am Zentrum, hatte einen gewichtigen Fürsprecher: Mario Filho, Sohn eines Verlegers und Vater des brasilianischen Sportjournalismus. Für seine Verdienste um die Entstehung trägt das Maracana seit Filhos Tod 1966 offiziell auch dessen Namen. Neben der Größe mag auch die zentrale Lage ein Grund dafür gewesen sein, wieso die vier größten Klubs Rio de Janeiros – Flamengo, Fluminense, Vasco da Gama und Botafogo – hier viele ihrer Matches austrugen. Das Maracana wurde deshalb Heimstätte für die meisten großen Spieler des Rekordweltmeisters, von Garrincha über Didi und Carlos Alberto bis zu Zico, Socrates und Romario. Der Faden der Fußballgeschichte riss erst mit den verstärkten Auslandstransfers der besten brasilianischen Kicker ab den 1980er Jahren.
Charakter gesucht
Nach dem Einsturz einer Tribüne im Jahr 1992, die drei Tote und zahlreiche Verletzte forderte, begannen Umbauarbeiten am Stadion, bei denen die Kapazität aus Sicherheitsgründen stark verringert wurde. Trotzdem wurden bis Ende der 1990er Jahre noch Zuschauerzahlen jenseits der 100.000 erreicht. Im Vorfeld der Panamerikanischen Spiele 2007 in Rio folgte eine umfassende Renovierung, bei der das Spielfeld abgesenkt, neue Sitze eingebaut und die charakteristischen Stehplätze im Unterrang abgeschafft wurden. Ein Abriss des Maracana zur WM 2014 war nicht möglich – denn seit 1998 steht das Stadion unter Denkmalschutz.
Doch die Bauarbeiten für das Turnier im Sommer als Renovierung zu bezeichnen, ist für viele Fans eine schlichte Lüge zur Beruhigung der Gemüter. „Das Maracana verliert seinen Charakter“, sagte Romario, Weltmeister von 1994 und heute Abgeordneter im brasilianischen Parlament, schon während der Bauarbeiten. „Es hat sich völlig gewandelt, vielleicht werden sie sogar den Namen ändern.“ So weit ist es bisher nicht gekommen, doch von der alten Ikone blieb beim Nachfolger kaum mehr als der Stahlrippenring, der das neue Dach trägt.
Der Neubau ist eine Schüssel mit nur noch einem Rang, die nicht allzu sehr von Stiegen, Logen und Mundlöchern zerschnitten ist, aber die Charakteristik des alten Maracana eingebüßt hat. Denn diese passt nicht mehr in das Repertoire des zeitgenössischen Stadionbaus. Die Anforderungen des zunehmend kommerzialisierten Fußballs haben in den letzten 20 Jahren das klassisch runde Stadionoval durch hochgeschlossene Baukörper ersetzt. Unterschiedlich ausgeformte Ränge sorgen für unterschiedliche Positionen im Stadion – und für hohe Eintrittspreise.
Die Auferstehung der Schüssel
Den Architekten des Neubaus ist anzurechnen, dass sie an der größten Schwäche des alten Maracana gearbeitet haben: Die große Entfernung der Sitze zum Spielfeld wurde verringert. Auch wenn die Sicht früher weit besser war, als die alten Bilder zunächst vermuten lassen, ideal war sie nicht. Für eine Arena mit einer Kapazität von knapp 80.000 Zuschauern bietet das neue Maracana eine durchaus gute Sicht und eine großartige Akustik. Was für immer verloren gegangen ist, dafür ist nicht die Architektur, sondern die Entwicklung des modernen Fußballs verantwortlich: das kollektive Gefühl des brasilianischen Fußballs. 200.000 Menschen in einem Stadion – das mag für heutige Maßstäbe zu viel sein, war aber das größte Spektakel, das der Fußball je gesehen hat