Die Blitze der Fotografen flackern auf, unter dem Flutlicht erfüllt feiner Regen die Luft. Die Augen des jungen Stürmers vom 1. FC Magdeburg sind weit aufgerissen, beseelt von diesem Erfolgsmoment auf europäischer Bühne. Jürgen Sparwasser steht da, an diesem Abend vor 40 Jahren, die Haare klatschnass, die Arme um die Schultern seines Trainers gelegt. Der trägt ein Sakko, ein zufriedenes Lächeln ist tief in sein Gesicht eingegraben. Sie haben den Cup der Cupsieger geholt, der erste internationale Erfolg für einen Klub aus der DDR. Bis heute hat das kein Fußballverein aus Ostdeutschland mehr geschafft.
Im Jahr 2014 ist der 1. FC Magdeburg ein Viertligist mit Aufstiegsträumen. Umso größer ist der Stolz auf den einstigen Triumph. Der liegt in der 230.000-Einwohner-Stadt buchstäblich auf der Straße, 60 mal 60 Zentimeter Bronze und Granit sind mitten im Zentrum, 500 Meter Luftlinie vom Rathaus entfernt in den Boden eingelassen: eine Gedenkplatte für den Europacupsieg vom 8. Mai 1974. Damit verbunden sind die Erinnerungen an eine bessere Fußballzeit, als Größen wie Bayern München und Juventus Turin im hiesigen Stadion vor zehntausenden Zuschauern aufliefen. Für das Endspiel im Cup der Cupsieger ging es im Feijenoord-Stadion in Rotterdam gegen den AC Milan. Obwohl die Magdeburger im Halbfinale schon Sporting Lissabon ausgeschaltet hatten, schien das Finale eine klare Angelegenheit zu ihren Ungunsten zu werden. Schließlich spielten bei Giovanni Trapattonis Milan Größen wie der Spielmacher Gianni Rivera, der Stürmer Alberto Bigon und der westdeutsche Verteidiger Karl-Heinz Schnellinger.
Die Unterschätzten
Trainer Heinz Krügel scherte sich nicht darum. Er war der Architekt der Mannschaft, die mit einem Durchschnittsalter von 22,3 Jahren in dieser Saison zum zweiten Mal DDR-Meister geworden war – das jüngste Team, das diesen Titel jemals erringen konnte. Jürgen Sparwasser erinnert sich noch, wie abwegig auch er zunächst die Gedanken an den Sieg empfand. „Was erzählt er denn da für einen Quatsch?“, das war sein erster Impuls, als Krügel nach dem Erstrundenmatch gegen NAC Breda – ebenfalls im Rotterdamer Stadion – seinen Spielern genau das prophezeite. Die Magdeburger hatten sich selbst unterschätzt, mehr noch vielleicht als ihre Gegner es taten. Der heute 66-jährige Sparwasser sagt: „Die Mailänder waren wohl erschrocken darüber, dass es im anderen Teil Deutschlands eine Mannschaft gibt, die so gut Fußball spielen kann.“ Dabei waren die Magdeburger in der DDR der 1970er Jahre nicht die einzigen. Auch Dynamo Dresden, FC Carl Zeiss Jena und Lok Leipzig machten im Europacup auf sich aufmerksam.
Der Torschütze, der das Finale für die Magdeburger nach einem Eigentor von Enrico Lanzi entschied, war allerdings nicht Sparwasser, sondern Mittelfeldspieler Wolfgang Seguin. Der Moment, in dem es endgültig um den AC Milan geschehen war, prangt bei dem 68-Jährigen in Schwarz-Weiß an der Partykellerwand seines Einfamilienhauses in Stendal, einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt: Der italienische Tormann Pierluigi Pizzaballa liegt am Boden, auf den Ball schielend, der hinter ihm im Tor einschlägt. Im Hintergrund jubelt Seguin mit hochgerissenen Armen, es war der 2:0-Endstand. Heute steht er wie in einem Museum für Heimatkunde mit Fußbodenheizung vor dieser Aufnahme und sagt: „Ist doch schön, wenn man von hinten auch mal ein Tor macht. Und dann in so einem Spiel.“
Minusrekord auf der Tribüne
Dass auf den Rängen nur rund 5.000 Zuschauer saßen, darüber war die Enttäuschung groß, sagt Seguin. „Das Halbfinale hatte 75.000 Zuschauer, das muss man sich mal vorstellen.“ Selbst den Spielerfrauen war der Ausflug nach Rotterdam verweigert worden. Hätten DDR-Bürger zum Spiel reisen dürfen, ist er sich sicher, wäre das Stadion ausverkauft gewesen. Stattdessen fuhren nur ein paar hundert ausgesuchte Unterstützer mit. Die streckenweise leergefegten Sitzreihen hat auch Manfred Zapf, der langjährige Libero und Kapitän der Magdeburger, noch vor Augen – bis heute ist das Spiel das Europacupfinale mit den geringsten Zuschauerzahlen. Wer ins Stadion gekommen war, erlebte jedoch eine Überraschung. Der heute 67-jährige Zapf sagt: „Von Minute zu Minute hat uns das Publikum immer stärker angefeuert, weil unser Spiel sie mehr überzeugt hat als das der Mailänder.“ Und dennoch sei der Sieg für ihn im ersten Moment unfassbar gewesen, sagt er. Nach Abpfiff folgten Umarmungen, die Pokalübergabe samt Ehrenrunde, die Spieler eingehüllt in weiße Bademäntel gegen Kälte und Regen. Die hatten sie später schon einstecken wollen. Die Stadionverwaltung hatte sie jedoch nur leihweise zur Verfügung gestellt.
Kaum waren die Magdeburger zurück in ihrem Hotel an der Nordsee, trübte der mitgereiste Generalsekretär des ostdeutschen Fußballverbandes, Günter Schneider, die ausgelassene Stimmung. Mit der Siegesprämie solle das Trainingslager der Nationalmannschaft finanziert werden, teilte er den Spielern mit, und außerdem dürfe nicht zu ausgiebig gefeiert werden. Das gelte insbesondere für die fünf Spieler des WM-Kaders, die am nächsten Morgen in ebendieses Lager nach Schweden reisen müssten und damit den Empfang mit den Fans in Magdeburg verpassen würden. Die Partykosten des Abends übernahm schließlich der niederländische Hotelchef, die Teamspieler, darunter Sparwasser und Seguin, fehlten aber tatsächlich bei der Heimkehr nach Sachsen-Anhalt. Mit frenetischem Jubel wurden die Spieler dort gefeiert, in Anzug und Krawatte standen sie auf einer provisorischen Bühne, die halbe Stadt vor sich versammelt. Das Ganze nur wenige Meter von jener Ecke entfernt, wo heute die Gedenkplatte an den Pokalsieg erinnert.