Österreichs höchste Spielklasse verlor seit der Europameisterschaft 2008 über die gesamte Saison gesehen 400.000 Stadionbesucher.
Auf der Suche nach dem Sinn
„Ein zweites Grödig wird es nicht mehr geben“, sagte Georg Pangl vor Beginn der abgelaufenen Saison. Der damalige Vorstand der Bundesliga bezog sich auf die zahnlosen Übergangsbestimmungen der Liga in Sachen Infrastruktur. Seinen harten Worten folgte eine historische Saison für die Salzburger: Am 11. Mai 2014 sicherten sich die Grödiger in der letzten Runde mit einem 3:3 in Innsbruck – und der gleichzeitigen 1:2-Heimniederlage der Austria gegen Sturm – den dritten Platz. Ein dritter Platz, der die Teilnahme an einem internationalen Bewerb bedeutete. Für den Innsbrucker Traditionsverein wiederum, der 1975 den ersten Meistertitel der neuen Bundesliga erringen konnte, war es vorerst das letzte Spiel in der höchsten österreichischen Spielklasse.
Der Aufstieg der Grödiger in den vergangenen Jahren ist beachtlich: Noch in der Saison 2005/06 kickten die Salzburger in der 1. Landesliga, drei Jahre zuvor hatten sie den Meistertitel in der 1. Klasse Nord gefeiert. Das Jahr 2002 sollte für den Klub richtungsweisend werden: Ex-Austria-Salzburg-Vizechef Toni Haas, Gründer einer Schrott- und Metallrecycling-Firma, entdeckte den Verein, für den er schon zu seinen Jugendzeiten die Schuhe geschnürt hatte, in der sechsthöchsten Spielklasse wieder für sich. Mittlerweile ist Toni Haas Ehrenpräsident, sein Sohn Christian hat das Ruder fest in der Hand. „Ich habe damals gesagt: Wenn wir hier etwas machen, dann ordentlich“, so Christian Haas heute. „Unser Ziel war von Anfang an die Bundesliga, also die zweithöchste Liga. Leider sind wir 2009 wieder in die Regionalliga abgestiegen, das war der schwierigste Moment, weil es in solchen Situationen für viele Vereine bergab geht. Wir haben es dennoch noch einmal geschafft.“
Bargeldoses Zahlen auf gefrorenem Rasen
Das Modell Grödig ist kein Einzelfall. Die Geschichte der Mäzene im österreichischen Fußball ist lang – von Red Bull Salzburg bis zum Wolfsberger AC, von der Wiener Austria bis zu Wiener Neustadt. Und dennoch ist Grödig im vergangenen Jahr zum Synonym der Dorfliga geworden, wie die Bundesliga derzeit oft genannt wird. Nicht zur Freude von Bundesliga-Präsident Hans Rinner. „Ich bin nicht sehr glücklich damit. Es hat zwar auch einen Charme, dass Grödig gegen den Rest der Liga spielt. Das Duell David gegen Goliath ist immer reizvoll“, sagt er. „Wenn ein, zwei kleinere Klubs dabei sind, ist das gut. Wenn die Anzahl zu hoch ist, ist es das nicht mehr. In den vergangenen Jahren hatten wir zu wenige Stadtklubs in der obersten Liga.“ Tatsächlich ist Wiener Neustadt mit seinen knapp über 40.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt der Liga, mit Altach, Grödig und Maria Enzersdorf haben drei Heimatgemeinden von Bundesligisten sogar weniger als 10.000 Einwohner.
Während Grödig den sportlichen Höhenflug fortsetzt, ist Pangl mittlerweile Geschichte. Seit September 2004 hatte er den Ligavorstand inne, Ende Dezember 2013 platzte ihm im Interview mit der Sportwoche der Kragen. Auf die mangelnde Bereitschaft von Kleinvereinen wie Grödig und Wolfsberg angesprochen, eine Rasenheizung zu installieren, sagte er: „Bei allem Respekt, was die Herrschaften dort für ihre Verhältnisse leisten, dann haben sie nicht den professionellen Zugang zum Profifußball, der notwendig ist.“
Schon wenige Wochen zuvor war Pangl für die schlechte Öffentlichkeitsarbeit der Bundesliga nach Bekanntwerden des Matchfixing-Skandals heftig kritisiert worden. Selbst als die Polizei täglich mit neuen Enthüllungen im Manipulationsskandal rund um Grödig-Kapitän Dominique Taboga aufhorchen ließ und die Glaubwürdigkeit des österreichischen Fußballs von zahlreichen Medien infrage gestellt wurde, versuchte Pangl noch, das Problem kleinzureden. Im Jänner zog die Liga die Konsequenzen, der achtköpfige Aufsichtsrat einigte sich mit ihm auf eine einvernehmliche Beendigung des Dienstvertrags. Lange arbeitslos war Pangl jedoch nicht, er ist mittlerweile als Generalsekretär der European Professional Football Leagues tätig und kann sich dort den Visionen des europäischen Fußballs widmen. An Visionen hat es dem 49-Jährigen auch in seiner Amtszeit bei der Bundesliga nicht gemangelt. Stolz präsentierte er nach internationalen Reisen die Errungenschaften des modernen Fußballs wie etwa das bargeldlose Zahlen des Stadionwürstels oder die personalisierte Ansprache von Zuschauern mittels Stadion-App. Visionen, deren Umsetzung in einer Liga, in der nicht einmal alle Vereine über eine Rasenheizung verfügen, nicht unbedingt an der Tagesordnung standen.
Aber warum hat sich die Liga in den vergangenen Jahren nicht entsprechend entwickelt? Warum hinkt Österreich in der Infrastruktur hinterher? Und verfolgt die Liga überhaupt ein übergeordnetes Ziel?
Bundesliga 2000
Die Suche nach den Antworten beginnt vor fast 20 Jahren. Damals verfolgte Reinhard Nachbagauer als Vorstand der Bundesliga das Ziel, die Liga fit für die Zukunft zu machen. Das Ergebnis war das Konzept „Bundesliga 2000“, 123 Seiten stark und geschrieben im Jahr 1996, unter anderem von Nachbagauer, Rapid-Manager Werner Kuhn, Austria-Funktionär Werner Hebenstreit, FC-Linz-Manager Jürgen Werner und dem Marketing-Verantwortlichen der Bundesliga, Karl Wieseneder. „Wir wollten eine Initiative setzen, zunächst gegen interne Widerstände“, sagt Nachbagauer rückblickend. „Wir haben sehr viele Daten gesammelt, eine Studienreise durch Europa durchgeführt und parallel dazu eine Marktforschung gemacht. Insgesamt hat es ein Jahr gedauert.“
Der Ausblick aus dem Jahr 1996 in die Zukunft ist düster. Die Autoren sehen die Gefahr, dass der österreichische Fußball und die Bundesliga es nicht schaffen, im europäischen Konzentrationsprozess der Klubs und der damit verbundenen wirtschaftlichen Kräfte eine wichtige Rolle zu spielen, viele Stadien würden zukünftig nicht mehr europacuptauglich sein. Die öffentliche Hand werde aufgrund knapper Budgets nicht alle Stadien in den notwendigen Zustand bringen können und wollen. Als einer der zentralsten Punkte der Studie wird die Zusammensetzung der Bundesliga nach weitgehend sportlichen Kriterien kritisiert. Daraus folge, dass nie das mögliche Zuschauerpotenzial abgeschöpft werden könne. Regionale Überkonzentrationen von Bundesliga-Klubs und damit Überschneidungen der Zuschauereinzugsgebiete seien daher sehr wahrscheinlich.
Die geschlossene Gesellschaft und ihre Feinde
Was die Studienautoren 1996 prognostizierten, liest sich wie eine Analyse aus der abgelaufenen Saison: „Der österreichische Fußball verliert an andere Sportarten Marktanteile im Zuschauerbereich und langfristig auch die Position als Zuschauersport Nummer eins.“ Mit ihrem „Konzept Bundesliga 2000“ stießen die Klubmanager vor knapp 20 Jahren jedoch nicht auf ungeteilte Begeisterung. Kein Wunder: Das Konzept sah vor, die Liga zur mehr oder weniger geschlossenen Gesellschaft zu machen. Der Aufstieg in die höchste Spielklasse sollte an nicht verrückbare sportliche, wirtschaftliche aber auch regionale Kriterien geknüpft werden. Eine Idee, die Red-Bull-Sportdirektor Ralf Rangnick Mitte Juli in einem Interview mit dem Kurier wieder aufgriff. Die Bundesliga sollte aufgestockt und so zur Liga der geilsten Vereine werden, sagte er.
Die Annahmen der Projektgruppe damals: Das volle Potenzial des österreichischen Fußballs könne nur dann ausgenützt werden, wenn in jeder Landeshauptstadt ein Klub in der obersten Spielklasse spielt, einzig die Bundeshauptstadt solle zwei Vereine stellen. Denn sportlicher Erfolg sei ohne wirtschaftliche Grundlagen nicht verwirklichbar, und diese Grundlagen finde man nur in den in Österreich ohnehin raren größeren urbanen Gebieten. Nachbagauer und seine Mitstreiter konnten keine Mehrheit für ihr Konzept finden. „Der Widerstand der konservativen Kräfte vor allem rund um das Thema Auf- und Abstieg war sehr groß“, sagt der ehemalige Bundesliga-Vorstand heute. „Schlussendlich sind wir die Sache zu blauäugig angegangen und haben zu wenig Lobbying betrieben.“ Das Konzept wurde nie umgesetzt, die Zustimmung des ÖFB, der Landesverbände aber auch aus der eigenen Liga blieb aus. Ein neuer Wind wehte Ende der 1990er Jahre dennoch durch die Liga. 1999 war der austro-kanadische Selfmade-Milliardär Frank Stronach zum neuen Bundesliga-Präsidenten gewählt worden, der mit Versprechen und kühnen Ansagen wie der Prognose, dass die Austria bald ernsthaft in der Champions League mitspielen werde, aufhorchen ließ.
Stronachs Füllhorn
Dank der unerwarteten Millionen aus Kanada schien die österreichische Fußballwelt im Allgemeinen und jene der Austria im Speziellen gerettet. „Für den gesamtösterreichischen Fußball war Stronach ganz schlecht“, sagt Gernot Zirngast, damals wie heute Vorsitzender der Spielergewerkschaft VdF. „Mit seinem Verhalten, Geld über die Vereine auszuschütten, waren die Vereine nicht angehalten, wirtschaftlich zu agieren.“ Stronach präsentierte sich als Erneuerer, die letzten Skeptiker überzeugte er, indem er jedem Klub für den Fall seiner Wahl zehn Millionen Schilling versprach. „Am Anfang hatte Stronach wirtschaftliche Interessen, er wollte einen Sportkanal gründen und einiges mehr“, sagt Zirngast. „Gewählt ist er aber worden, weil er das Füllhorn mit Geld ausgeschüttet hat.“
Durch Stronach hat der österreichische Fußball zwar an finanziellen Ressourcen gewonnen, jedoch gleichzeitig an Professionalität verloren – und jahrelang an den Folgen geknabbert. Dennoch sind die heutigen Liga-Vertreter bemüht, die Ära Stronach nicht allzu negativ erscheinen zu lassen, potenzielle Geldgeber sollen nicht abgeschreckt werden. „Man muss Personen wie Frank Stronach, die bereit sind, in den Fußball zu investieren, dankbar sein. Das Wesentlichste dabei ist aber, dass Profifußball ein Full-Time-Job ist und Fußballklubs wie Unternehmen geführt werden müssen“, sagt Bundesliga-Vorstand Christian Ebenbauer. Unter Stronach war jedoch das Gegenteil der Fall: „Wirtschaftliches Denken ist zur Nebensache geworden“, so Zirngast. „Die Gehälter der Spieler haben bis zu 85 Prozent der Klubbudgets ausgemacht.“
In der Bundesliga-Geschäftsstelle setzte Stronach auf einen engen Vertrauten. 2003 installierte er den ehemaligen FPÖ-Klubobmann Peter Westenthaler, der inzwischen bei Stronachs Konzern Magna beschäftigt war, als neuen Bundesliga-Vorstand. Das Fußballengagement des Ex-Politikers endete nach etwas mehr als einem Jahr, die Justiz beschäftigt es bis heute. Im Mai legte die Staatsanwaltschaft Wien eine Anklageschrift gegen Westenthaler wegen Betrugsverdachts vor. In seiner Funktion als Bundesliga-Vorstand soll er eine aus Steuergeldern finanzierte Nachwuchsförderung in der Höhe von einer Million Euro zweckwidrig für die Begleichung einer Finanzschuld der Bundesliga verwendet haben. Westenthaler bestreitet die Vorwürfe.
Zu viele Kompromisse, zu wenig Strategie
Danach kam die lange Zeit des Georg Pangl. Der Burgenländer hatte in den ersten beiden Jahren seiner Amtszeit viel zu tun. Es ging zunächst um Schadensbegrenzung: „Als ich vor fast zehn Jahren hier anfing, konnten wir nicht einmal die Gehälter zahlen“, sagte er in dem folgenreichen Sportwoche-Interview. Schritt für Schritt gelang es Pangl, für die Liga eine solide wirtschaftliche Basis auf die Beine zu stellen.
Den Katzenjammer nach Stronachs Abgang nutzte der neue Bundesliga-Vorstand in seiner ersten Amtszeit, um Reformen wie die spezifischen Förderungen aus dem sogenannten Österreicher-Topf und den von der Gewerkschaft lange geforderten Kollektivvertrag für Profifußballer durchzusetzen. Auch konnte er die Professionalisierung der Lizenzierung vorantreiben: Die Klubs wurden fortan nach strengen wirtschaftlichen Kriterien beurteilt. Statt im Millionenregen Stronachs zu baden, mussten sie sich nun ernsthafte Gedanken über die professionelle Führung ihrer Klubs machen. Wichtigstes Ziel: Die Meisterschaft soll Jahr für Jahr mit allen Vereinen beendet werden können. Ein Ziel, das fortan erreicht wurde. Der FC Lustenau musste zwar im März 2013 Konkurs anmelden, konnte die Saison jedoch noch zu Ende spielen. Pangl gelang es zu dieser Zeit als Vorstand, die Klubs hinter sich zu versammeln, ein neuer Schwung schien die Liga erfasst zu haben.
Trotz der Reformbemühungen fehlte es ihm jedoch an einer übergeordneten Strategie. Die Folge: Der Liga-Vorstand hatte die Themenführung nicht mehr in der Hand. Immer öfter monierte Pangl, dass die Bundesliga aus den 20 Vereinen bestehe und daher nur umgesetzt werden könne, was die Klubs auch gemeinsam beschließen. Doch wie sollen sich die Interessen von größeren Klubs wie Austria, Rapid und Red Bull Salzburg mit jenen von kleinerer Vereinen wie Hartberg und Horn vereinbaren lassen. „Dass bei verschiedenen Klubs unterschiedliche Meinungen und Zielsetzungen gegeben sind, liegt in der Natur der Sache“, sagt Rapid-Präsident Michael Krammer, der seit Dezember 2013 im Aufsichtsrat der Bundesliga sitzt. „Entscheidend ist aber, dass man gemeinsam Maßnahmen und Wege findet, die dem Gesamtprodukt Bundesliga dienen und es verbessern.“
Ein häufig genannter Streitpunkt ist der Verteilungsschlüssel der Fernseheinnahmen. „Selbstverständlich haben wir da einen anderen Zugang als die kleineren Vereine, die sich allerdings – und das muss man respektieren – sportlich qualifiziert haben“, sagt Krammer. „Bei aller Solidarität, ohne die das Konstrukt österreichische Fußball-Bundesliga wohl nicht funktionieren würde, sollte doch zukünftig verstärkt darauf Bedacht gelegt werden, dass jene Klubs, die diese TV-Rechte auch wertvoll machen, mehr aus dem TV-Topf erhalten.“
Dauerthema Rasenheizung
Der Umgang mit den Entscheidungsstrukturen der Bundesliga, den unterschiedlichen Vereinen und deren Interessen erwies sich in den vergangenen Jahren häufiger als problematisch. Immer öfter gingen einzelne Funktionäre mit Vorschlägen an die Öffentlichkeit, Themen wurden nur allzu oft bereits im Vorfeld zerredet, anstatt diese in gemeinsamen Klubkonferenzen aufzubereiten und intern zu diskutieren. Als Paradebeispiel dieser Dynamik gilt die scheinbar unendliche Diskussion zum Thema Rasenheizung. Bereits im Jahr 2006 forderte Pangl eine Rasenheizung in jedem Bundesliga-Stadion. Noch im Jänner 2014 sagte Grödig-Manager Haas: „Wenn man dann sagt, die spielen nicht mehr in der Bundesliga mit, weil sie keine Rasenheizung haben, dann wünsche ich der Bundesliga viel Glück, weil dann spielen nur noch fünf in der Liga mit.“ Wie ein konsequenter Umgang mit dem Thema Infrastruktur in einer vergleichbaren Liga aussehen kann, zeigt der Blick ins Nachbarland: Bereits 2003 mussten sich die Schweizer Vereine verpflichten, bis ins Jahr 2010 die Baubewilligung zum Bau eines modernen Stadions zu erhalten, um weiterhin in der obersten Liga spielen zu dürfen.
Zudem schien das geschriebene Wort in den Bundesliga-Regularien zunehmend eine Frage der Auslegung zu sein, wie sich an der Vergabe der Lizenzen für die Klubs zeigte. So wurde der Admira die Lizenz in erster Instanz in den Jahren 2009, 2011, 2013 und 2014 verweigert, schlussendlich klappte es aber dann doch immer noch, das Fax mit der positiven Nachricht zu bekommen. „Unter der Führung von Pangl hat sich die Liga immer mehr aufgeweicht“, sagt Gewerkschafter Zirngast. Dieses Problem sollte der Vorstand immer weniger in den Griff bekommen: Einerseits war Pangl auf Harmonie bedacht, immer wieder betonte er Beschlüsse einstimmig treffen zu wollen. Gleichzeitig fehlte es der Liga an einem Masterplan. Das Ergebnis der Orientierungslosigkeit waren Kompromisse wie etwa großzügige Übergangsregelungen in Sachen Infrastruktur. Ein Erfolg der Kleinvereine, die einen schnellen Aufstieg hinter sich hatten – und so verwundert es auch nicht, dass der WAC und Grödig diese Bestimmungen auf Punkt und Beistrich nutzten. Die Durchsetzungskraft von Pangl schwand zunehmend – auch bei anderen Konfliktthemen wie der Verschiebung der Anstoßzeiten. „Das geht nicht, hieß es. Da esse ich mein Schnitzel“, sagte er der Sportwoche. „Dieses Zitat fiel wortwörtlich.“
Auch den Bundesliga-Aufsichtsrat vermochte Pangl immer weniger zu überzeugen. Öffentlich führte er dies auf zu wenig Entscheidungskompetenz zurück und monierte, dass jeder Beschluss zuerst auf Vorstandsebene und dann vom Aufsichtsrat abgesegnet werden müsse. „Wie wenn ich ein Angeklagter wäre oder als ob ich etwas Schlechtes für die Liga gewollt hätte“, sagt er. Für Bundesliga-Präsident Rinner ist diese Kritik unverständlich: „Die subjektive Wahrnehmung hat halt oft mit der Realität wenig zu tun.“
„Das Risiko war mir zu groß“
Aber nicht nur die Entscheidungsprozesse innerhalb der Bundesliga waren problematisch, nach außen deutlich sichtbarer war, dass das Interesse an ihrem Produkt drastisch sank. Österreichs höchste Spielklasse verlor seit der Europameisterschaft 2008 über die gesamte Saison gesehen 400.000 Stadionbesucher. Strömten im Jahr nach der EM noch knapp über 1,6 Millionen Menschen in die Stadien, waren es 2012/13 nur noch 1,2 Millionen. Im Vergleich dazu haben die Schweiz sowie Polen und die Ukraine die Zahlen nach der EM-Austragung deutlich steigern können. Eine Entwicklung, die auch in der vergangenen Saison nicht gestoppt werden konnte. Mit 1,1 Millionen Zuschauern wurde der niedrigste Wert seit der Saison 2002/03 erreicht.
Schon bei seiner Wahl zum Bundesliga-Präsidenten 2009 sagte Hans Rinner, sein vorrangiges Ziel sei es, das Image des österreichischen Fußballs aufzupolieren. Das allerdings sollte möglichst geschehen, ohne jemandem wehzutun, denn auf tiefgreifende Reformen wollte der ehemalige Sturm-Präsident verzichten. „Jetzt alles über den Haufen zu werfen, wird den österreichischen Fußballsport nicht weiterbringen“, sagte er bei seiner Antrittspressekonferenz. Kurz vor seiner Wiederwahl im Dezember 2013 geriet der Steirer zunehmend in die Kritik, zahlreiche Medien kolportierten, dass er vom ÖVP-Politiker und Altach-Aufsichtsratsvorsitzenden Karlheinz Kopf abgelöst werden sollte. Im Gespräch mit dem ballesterer erkennt Rinner begangene Fehler in seiner ersten Amtszeit: „Ich habe 2009 nicht die Erfahrung gehabt, großartig etwas zu verändern. Ich war zu wenig lang dabei, ich war sehr jung. Das Risiko, neue Wege zu gehen, war mir zu groß.“ Und so wurde der Vertrag von Pangl im Jahr 2010 verlängert. „Damals war mir die Wiederbestellung von Pangl im Sinne der Kontinuität wichtig. Das war damals auch okay“, sagt Rinner. „Jetzt sehe ich die Sache ein bisschen anders.“ Das Eingeständnis von Rinner scheint symptomatisch für die Entwicklung der Liga der vergangenen Jahre.
Neue Wege wurden möglicherweise auch deswegen nicht gegangen, weil die sportlichen Resultate der Bundesliga in den vergangenen Jahren die Probleme überdeckt haben. Vor fünf Jahren lag Österreich in der UEFA-Fünfjahreswertung noch auf Platz 20. Mit Ablauf dieser Spielzeit wurde mit dem 14. Rang der Champions-League-Fixplatz nur knapp verpasst. Treibende Kraft dieser Entwicklung war jedoch Red Bull Salzburg, das dank der großzügigen Förderung durch den Mutterkonzern relativ unabhängig von wirtschaftlichen Kennzahlen – und dem Rest der Liga – agieren kann.
Die mangelnde Bereitschaft zur Neuorientierung, zu viele Kompromisse und eine fehlende übergeordnete Strategie – das ist die Bilanz der letzten Jahre, die sich nur schwer durch sportliche Ausnahmefälle kaschieren lässt. Pangl, Rinner und die Bundesliga-Klubs müssen sich vor allem selbst zuschreiben, dass sie notwendige Reformen, vor allem im Infrastrukturbereich, verschleppt haben.
Aus Interims- wird Dauerlösung
Der ballesterer hätte auch gerne mit Pangl über all diese Themen gesprochen, doch er will nicht mehr über seine Bundesliga-Zeit reden. Nach der Beendigung seines Dienstverhältnisses war die Trauerarbeit in der Bundesliga-Geschäftsstelle im 13. Wiener Gemeindebezirk jedenfalls nur von kurzer Dauer. Der Abgang von Pangl schien den Mitarbeiter geradezu einen besonderen Motivationsschub verliehen zu haben. Christian Ebenbauer und Reinhard Herovits, die gemeinsam mit Pangl die Liga im Dreiervorstand bereits die vergangenen Jahre angeführt hatten, übernahmen zunächst interimistisch. Im Juni bestätigte der Bundesliga-Aufsichtsrat den neuen Zweiervorstand. Dass das Interesse am ausgeschriebenen Vorstandsjob enden wollend war und es womöglich an Mut fehlte, frischen Wind an Bord der Bundesliga-Führung zu holen, will Präsident Rinner nicht gelten lassen. „Wir haben Ebenbauer und Herovits im Jänner angeboten, dass sie sich – wenn sie sich den Job zutrauen – Maßnahmen überlegen können. Das haben wir uns jetzt angesehen, und die Ergebnisse haben uns überzeugt“, sagt er.
Gegen den SV Grödig und den SC Austria Lustenau wurde wegen der Nichteinhaltung von notwendigen Infrastrukturmaßnahmen ein Verfahren eingeleitet, das Reichshofstadion der Lustenauer sogar vorläufig gesperrt.
Ihre Gedanken zum österreichischen Fußball haben Ebenbauer und Herovits in ihrer Probezeit in ein Strategiepapier gegossen. Drei wesentliche Schwerpunkte wurden dabei gesetzt: Sportliche, wirtschaftliche und infrastrukturelle Ziele, die bis 2020 erreicht werden sollen. Sportlich gesehen will die Liga bis 2020 unter anderem einen Fixplatz in der Champions League erreichen und 25 in Österreich fertig ausgebildete Spieler in die Top-Fünf-Ligen Europas exportiert haben. Der Zuschauerschnitt in den Stadien soll auf über 10.000 steigen. Ein ehrgeiziges Ziel: Im vergangenen Jahr lag er bei 6.165, der höchste Schnitt wurde bisher in der Saison 2007/08 mit 9.284 erreicht. Parallel dazu soll die Stadionauslastung auf 90 Prozent gehoben werden. Auch dieses Ziel klingt sehr ambitioniert, schließlich hatte selbst Spitzenreiter Rapid in der vergangenen Saison eine Auslastung von nur 78 Prozent, Schlusslicht Admira von gar nur 28 Prozent. Auf wirtschaftlicher Ebene sollen alle Bundesliga-Vereine in Zukunft über ein nachhaltig positives Eigenkapital verfügen. Nur so könne sichergestellt werden, dass die Meisterschaftsentscheidungen ausschließlich auf Basis sportlicher Ergebnisse fallen.
Leuchtturm Infrastruktur
Das Leuchtturmprojekt des alten neuen Vorstands ist die Verbesserung der Infrastruktur. Hier hat sich die Liga in den vergangenen Monaten zu einer Offensive durchgerungen und Vorhaben umgesetzt, von denen zuvor jahrelang nur geredet wurde: Die verpflichtende Rasenheizung für die oberste Spielklasse kommt ab 2016/17, ab der Saison 2015/16 wird die Übergangsregelung beim Aufstieg von der zweithöchsten in die höchste Spielklasse wegfallen. Ein Klub der Ersten Liga wird somit verpflichtet, bis zum 30. April eines jeden Jahres den Nachweis über ein verfügbares und für die höchste Spielklasse zugelassenes Stadion zu erbringen. Ein Ausweichstadion darf maximal ein Jahr genützt werden. Sollten die Bedingungen nicht erfüllt sein, ist ein Aufstieg nicht mehr möglich. Damit soll sich ein Fall Grödig, wie es Georg Pangl im Juli 2013 nannte, nun wirklich nicht mehr wiederholen können.
Dass die eigenen Regeln unter der neuen Führung ernster als bisher genommen werden, hat der 1. Juli gezeigt. Gegen den SV Grödig und den SC Austria Lustenau wurde wegen der Nichteinhaltung von notwendigen Infrastrukturmaßnahmen ein Verfahren eingeleitet, das Reichshofstadion der Lustenauer sogar vorläufig gesperrt. In Richtung der Klubs sagt der neue Vorstand Christian Ebenbauer: „Werdet euch rechtzeitig bewusst, ob ihr alle Anforderungen langfristig erfüllen könnt und wollt. Es reicht nicht mehr, kurzfristig das Momentum zu nutzen, um vorne mitzuspielen, wenn man weiß, dass man künftig vor einer Wand steht, die man nicht mehr übersteigen kann.“ Rapid-Präsident-Krammer ist vorsichtig optimistisch, er sagt: „Ich habe den Eindruck, dass der Zug nun in vielen Bereichen in die richtige Richtung fährt. Die Infrastrukturoffensive ist ein erster Schritt, viele weitere sind notwendig.“
Der Nutzen Grödigs
Es scheint, als habe die Liga die Alarmstimmung in den vergangenen Monaten für Reformschritte genützt, viele der in der Vision 2020 niedergeschriebenen Ziele bedürfen jedoch weiterer Beschlüsse – und deren Umsetzung. Ob es sich um einen nachhaltigen Paradigmenwechsel handelt? „Es ist ein gravierender Unterschied, ob gewisse Dinge einfach passieren oder es bewusst strategisch umgesetzt wird“, sagt Ex-Vorstand Nachbagauer. „Ein wesentlicher Punkt war und ist, dass der kleine österreichische Markt das Potenzial besser nützen muss. Was nützt dem österreichischen Bundesliga-Fußball der SV Grödig, außer Herrn Haas zur persönlichen Befriedigung?“
Christian Haas lässt diese Kritik kalt. „Ich kann nichts dafür, wenn das die Meinung von Herrn Nachbagauer ist. Unsere Investitionen sollen uns langfristig in der Bundesliga halten“, sagt er einen Tag vor der Europa-League-Premiere der Grödiger. Nach dem 4:0-Auswärtssieg gegen Cukaricki Belgrad musste Grödig das Rückspiel übrigens im Stadion von Red Bull austragen, eine Ausnahme der UEFA für die Untersbergarena gibt es nicht. Denn das Letzte, was die Europa League braucht, ist ein Dorfimage.
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