Mark Wilson könnte frustriert sein. Gerade hat sein Wanderers FC gegen die Destiny Academy 2:5 verloren. Er musste die zweite Halbzeit verletzt von der Outlinie aus mitverfolgen. Doch Wilson sitzt gemeinsam mit seinen Teamkollegen gut gelaunt im Stammpub Raynes Park Tavern, wo sie das Spiel nachbesprechen. Anschließend nimmt sich Wilson reichlich Zeit, um über sein Herzensprojekt zu sprechen: den Wanderers FC. Der 1859 gegründete und bereits 1887 wieder aufgelöste Klub aus London gehört mit fünf gewonnenen Titeln zu den erfolgreichsten Vereinen der FA-Cup–Geschichte. 2009 wurden die Wanderers unter Wilsons Federführung neu gegründet. Seither spielen sie in den Niederungen der Südlondoner Amateurligen.
ballesterer: Wie ist es zur Wiedergründung des Wanderers FC gekommen?
Mark Wilson: Vor ein paar Jahren habe ich die Organisation unserer Hobbytruppe übernommen.Damals haben wir auf einem furchtbaren, sandigen Fußballplatz gespielt. Auf der Suche nach Gegnern bin ich im Internet auf den Wanderers FC gestoßen, der mehr als hundertmal im Kennington Oval, dem Cricketground in der Nähe unserer Heimstätte, gespielt hatte. Dann habe ich mich auf die Suche nach Nachfahren des Vereinsgründers Charles William Alcock gemacht und tatsächlich eine Urenkelin von Alcocks Bruder gefunden. Ich habe sie gefragt, ob wir die Wanderers wieder gründen könnten. Sie war begeistert und hat uns die volle Unterstützung der Familie zugesagt.
Was war so faszinierend an dem Verein?
Wilson: Für mich ist das Projekt eine Art Zeitreise. In Großbritannien haben wir in vielen Bereichen immer noch eine sehr viktorianische Mentalität, Fußball gehört jedoch nicht dazu. Der Sport ist heute durch und durch kommerziell, dazu kommt diese totale Fixierung auf das Gewinnen um jeden Preis. Die Leute können das Spiel deswegen nicht mehr genießen. Mit dem Wanderers FC wollen wir jedoch die historische Sichtweise stärken, dass alles nur ein Spiel ist. Heute verlierst du, morgen gewinnst du, du verletzt dich, wirst ausgewechselt, wie auch immer: Es ist egal. Das Leben ist an und für sich ein sehr bedeutungsloses Ereignis, und für den Fußball gilt dasselbe. Wir versuchen einfach nur, korrekten Fußball zu spielen. Mit viel Leidenschaft und Respekt gegenüber unseren Gegnern.
Wie sind die Wanderers zu ihrem Klubnamen gekommen?
Wilson: Die ursprüngliche Idee war die eines herumziehenden Teams, das in unterschiedlichen Stadien spielt – wie heute etwa die Basketballer der Harlem Globetrotters. Das Konzept hat sich jedoch bald als nicht zweckmäßig erwiesen, und der Verein hat im Kennington Oval eine Heimstätte gefunden. Heute gibt es weltweit rund 50 Klubs, die ebenfalls Wanderers heißen – zum Beispiel die West Sidney Wanderers. Natürlich gibt es auch in Großbritannien viele Wanderers – in Ipswich, Bolton und Wolverhampton. Und alle haben den Namen letztendlich von uns übernommen.
Warum sind die Wanderers bereits 1887 aufgelöst worden?
Wilson: Viele der Vereine aus dem Süden haben damals ihre Spieler aus Privatschulen rekrutiert, so auch die Wanderers. Allmählich haben die Schulen jedoch begriffen, dass ihnen ein eigenes Team mehr bringt. Viele Spieler haben sich dann für diese Old-Boys-Schulteams entschieden. Ein weiterer Grund für den Niedergang der Wanderers war die Professionalisierung, die von den Klubs aus dem industrialisierten Norden eingeführt worden ist.
Was sind die Ziele der neuen Wanderers?
Wilson: Wir haben im Moment eine Mannschaft in der Liga, außerdem organisieren wir Charity-Events. Für einen Verein mit derart beschränkten Ressourcen sind wir also schon ziemlich aktiv. Mein Ziel ist die Erschaffung eines in der Nachbarschaft verankerten Fußballklubs mit Reserve-, Frauen- und Kinderteams sowie einer Mann schaft für Menschen mit Behinderung. Und in zehn Jahren wollen wir im FA-Cup spielen, dafür müssen wir aber noch ein paarmal aufsteigen.
Letztes Jahr hat Ihre Mannschaft die Wiederauflage des ersten FA-Cup-Finales gegen die Royal Engineers von 1872 organisiert. Wie ist die Idee dazu entstanden?
Wilson: Einer unserer Spieler ist wie ich Fußballhistoriker. Anlässlich des 140. Jahrestags des ersten FA-Cup-Finales hat er die Neuauflage im Kennington Oval, dem damaligen Spielort, vorgeschlagen. Der dort heimische Surrey Cricket Club hat das sehr begrüßt – und auch das Medienecho war überwältigend. Der Guardian hat uns einen einseitigen Artikel gewidmet, das Fußballprogramm der BBC haben ebenfalls davon berichtet.
Wie ist das Spiel verlaufen?
Wilson: 1872 haben die Wanderers 1:0 gewonnen, die Neuauflage vor fast 3.000 Zuschauern ist ein bisschen anders gelaufen. Die Royal Engineers, die Pioniereinheit der britischen Armee, trainieren fünfmal die Woche und verfügen über eine herausragende Fitness – dafür werden sie schließlich bezahlt. Die ersten zwanzig Minuten haben wir ganz gut mithalten können, letztendlich aber 1:7 verloren. Es war trotzdem ein fantastisches Erlebnis.
Für das Spiel haben Sie aus alten Spielprogrammen die gold-schwarz-rosa gestreiften Trikots rekonstruiert. Sind das nicht ungewöhnliche Trikotfarben?
Wilson: Ja, vor allem Rosa. Heute sieht man die Farbe nicht mehr bei vielen Fußballteams, mir fällt jetzt nur Palermo aus Italien ein. Im 19. Jahrhundert war Rosa in Großbritannien jedoch eine maskulin konnotierte Farbe. Viktorianische Familien haben die Zimmer ihrer Söhne rosa gestrichen, während für Mädchen Grün reserviert war.
Mark Edward Wilson (33) ist Schriftführer des Londoner Amateurvereins Wanderers FC. Neben seinem Beruf als Medienberater und seinem Engagement bei den Wanderers ist Wilson als Fußballhistoriker tätig.