„Die ganze Aktion ist wenige Tage davor auf der Kippe gestanden. Sie hätte genauso gut nicht stattfinden können.“ Benny von „Ultras Dynamo“ erzählt, wie es am 14. Mai 2017 zu dem Auftritt kam, der die Gruppe bis heute auf ungeahnte Arten beschäftigt. Nämlich mehr oder minder durch Zufall.Am vorletzten Spieltag der zweiten Bundesliga geriet die Auswärtsfahrt der Dynamo-Fans in Karlsruhe etwas aus dem Ruder. Rund 2.000 Fans marschierten in einheitlichem Camouflage-Look – Fischerhut und T-Shirts mit dem Aufdruck „Football Army Dynamo Dresden“ – auf. In der ersten Reihe präsentierten sie ein Transparent mit der Aufschrift „Krieg dem DFB“. Begleitet wurde der Marsch von einem Trabant in Tarnfarben, Pyrotechnik und Böllerwürfen – 21 Polizisten beklagten ein Knalltrauma. Im Stadion bedienten sich einige Fans eigenhändig am Zapfhahn des Verkaufsstands, die Einlasskontrolle soll gestürmt und Ordner verletzt worden sein. In den Medien wurde der Auftritt einhellig verurteilt, Innenminister Thomas de Maiziere forderte am nächsten Tag die Justiz zum Handeln auf, die Täter gehörten hinter Schloss und Riegel. Der schlechte Ruf der Dynamo-Fans war einmal mehr bestätigt.
Hilfe von Helene Fischer
„Wir wollten schon lange einmal eine Camouflage-Mottofahrt machen“, sagt Benny. Die Diskussionen verliefen auch nicht wegen der martialischen Symbolik kontrovers, sondern wegen der Konkurrenz. Im März waren die Hansa-Rostock-Fans schon in Tarnfarben nach Zwickau gereist. Die „Ultras Dynamo“ wollten nicht den Eindruck erwecken, sie würden Ideen abkupfern, doch die T-Shirts waren schon bestellt. Auch der Slogan „Krieg dem DFB“ sei zufällig entstanden – als Reaktion auf den kurz zuvor verhängten Zuschauerteilausschluss im Wildparkstadion, nachdem die Karlsruhe-Fans beim Derby in Stuttgart massiv Pyrotechnik gezündet hatten. „Wir haben den Spruch vor Ort auf das Transparent gesprüht“, sagt Benny. „Das Karlsruher Publikum hat uns im Stadion applaudiert, die Mannschaft nach dem Spiel vor uns salutiert. Wir haben erst auf der Rückfahrt mitbekommen, welche Wellen die Aktion schlägt.“
Der DFB kündigte drakonische Strafen an, sogar Gerüchte über einen Lizenzentzug machten in Dresden die Runde. Die „Ultras Dynamo“ machten sich auf die Suche nach Verbündeten – mit Erfolg: Am folgenden Spieltag hingen Solidaritätsplakate mit der Aufschrift „Krieg dem DFB“ in Kurven von Berlin über Köln bis Stuttgart, das Cupfinale zwischen Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund wurde von den Pfiffen der Fans bei der Halbzeitshow von Helene Fischer geprägt, und die „Ultras Dynamo“ veröffentlichten ein langes Kommuniqué, in dem sie die mangelnde Dialogbereitschaft des Verbands in Fananliegen kritisierten.
Am Verhandlungstisch
Der DFB verurteilte Dynamo schließlich zu einer Geldstrafe von 75.000 Euro und zwei Auswärtsfahrverboten auf Bewährung – und er zeigte sich zu einem Treffen bereit. Vizepräsident Rainer Koch und der Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert kamen Ende Juli nach Dresden, wo die „Ultras Dynamo“ eine Überraschung vorbereitet hatten. „Wir haben Vertreter von 50 anderen Fanszenen in der Stadionkneipe versteckt, die sind dann auf Kommando rausmarschiert“, sagt Benny. „Unser Vorsänger hat gesagt: ‚Die haben übrigens auch ein Problem mit euch.‘“
Keine drei Wochen nach der Besprechung im Dresdner Stadion und weiteren Protestbannern in zahlreichen Kurven gab der DFB bekannt, das Mittel der Kollektivstrafen künftig auszusetzen. Währenddessen ging die Vernetzung der Fanszenen weiter, sie einigten sich auf unterschiedliche thematische Aktionstage – vom Thema Korruption im Verband bis zur Forderung, die Vereinsform der Profiklubs zu erhalten. Im November fand ein weiteres Treffen zwischen Fans, DFB und Liga in Frankfurt statt, Anfang Dezember schickten die Fanszenen Positionspapiere zu den Themen Kommerzialisierung, Stadionverbote, Sportgerichtsbarkeit, Fanrechte und Anstoßzeiten an Verband und Liga. Eine Antwort ist zu Redaktionsschluss noch ausständig.
Der Austausch und die Abstimmung unter den Fanszenen, die von der ersten bis zur vierten Spielklasse reichen, sind eng, eine zentralisierte Plattform soll daraus aber nicht entstehen. „Wir wollen kein fixes Verhandlungskomitee“, sagt Sven von „Ultras Dynamo“. „Verband und Liga sollen sich mit uns allen auseinandersetzen.“
Besuch vom Krampus
Für die Dynamo-Fanszene hatte die Mottofahrt aber auch noch ganz andere Folgen. Am Morgen des 5. Dezember 2017 führte die Polizei bei 28 Fans und im Dresdner Fanprojekt Hausdurchsuchungen durch. Der Verein sowie Landespolitiker der Grünen und der Linken verurteilten die Durchsuchung der Fanräume. Fanprojektmitarbeiter Christian Kabs sagt: „Wenn eine staatliche Organisation bei einer anderen öffentlich geförderten Institution eine Hausdurchsuchung durchführt, beschädigt das natürlich das Vertrauensverhältnis.“
Für die betroffenen Fans, darunter Mitglieder von „Ultras Dynamo“, sind die Konsequenzen noch nicht abzusehen. Die Karlsruher Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Landfriedensbruch und Verstößen gegen das Versammlungsgesetz. „Sie haben den Leuten alle elektronischen Geräte abgenommen, sogar Spielekonsolen, weil sie es für möglich halten, dass dort über Chats irgendetwas geplant worden ist“, sagt Sven. Vorgeworfen werden den Verdächtigen keine konkreten Straftaten, die sich in Karlsruhe zugetragen haben, sondern die Organisation der Auswärtsfahrt selbst. Die Grundlage der Ermittlungen wirkt recht unkonkret und auf wackeligen Beinen. Ob und wann es zu Anklagen kommt, ist unklar. Die Fans und ihre Rechtshilfeorganisation „Schwarz-Gelbe Hilfe“ bereiten sich aber schon auf eine lange juristische Auseinandersetzung vor. Seit Wiederbeginn der Meisterschaft bitten sie unter dem Motto „28 Betroffene – Gemeint sind alle“ um Spendengelder für ihr Solidaritätskomitee „SoKo Dynamo“.