Es gab in England einmal eine Fußballergeneration, die die Goldene genannt wurde. Sie bestand aus Spielern wie David Beckham, Steven Gerrard, Michael Owen und Wayne Rooney. Trainiert wurde sie zunächst von Sven Göran Eriksson. Bald hatte er aber eine Affäre mit einer Sekretärin seines Arbeitgebers und ließ sich zudem noch von einem Reporter vertrauliche Äußerungen entlocken. Nach der WM 2006 trat Eriksson zurück, als Nachfolger hätte die Football Association angeblich gern Luis-Felipe Scolari oder wenigstens Sam Allardyce verpflichtet. Sie bekam aber nur Steve McClaren, der sofort den Spitznamen „Second Choice Steve“ hatte und die Qualifikation zur EM 2008 verpasste. Beim entscheidenden Spiel gegen Kroatien regnete es in Strömen und aus „Second Choice Steve“ wurde „The Wally with the Brolly“, der Depp mit dem Regenschirm.Dann kam Fabio Capello und ging fünf Jahre, zwei Turniere und null Titel später im Streit über Rassismusvorwürfe an seinen Kapitän John Terry. Es folgte Roy Hodgson, der bei der EM 2016 gegen Island verlor, und anschließend von Allardyce beerbt wurde. Der änderte den Namen des WLAN-Netzwerks in der Verbandszentrale in „Big Sam’s Office“, gab einem verdeckt arbeitenden Journalisten Tipps zum Umgehen von Transferregeln und bezeichnete den Verband als dumm. 68 Tage nach seiner Bestellung wurde er entlassen, die Goldene Generation war da längst Geschichte, und der Verband sehnte sich nach Ruhe. Vielleicht sogar nach ein bisschen Langeweile.
Penalty und Politiker
Gareth Southgate trainierte damals, im Herbst 2016, das englische U21-Nationalteam. Er wurde zunächst zum Interimstrainer des A-Teams befördert und unterschrieb zwei Monate später einen Vierjahresvertrag. „Bei seiner Bestellung gab es keine Alternativen“, sagt Journalist Raphael Honigstein, der über den englischen Fußball berichtet. Die wenigen Trainertalente des Landes standen unter Vertrag, und nach zwei Versuchen mit prominenten ausländischen Trainern sollten keine weiteren folgen. „Southgate hat den Job, weil er zu diesem Zeitpunkt verfügbar war“, sagt Honigstein. Und womöglich auch, weil sein Auftreten Ruhe versprach. Vielleicht sogar ein bisschen Langeweile. „Gareth ist ein großartiger Botschafter für das, wofür der Verband steht“, schrieb FA-Geschäftsführer Martin Glenn in einem Verbandsstatement bei Southgates Amtsantritt. Korrekter wäre vielleicht gewesen: für das, wofür der Verband gerne stehen möchte.
Bei Pressekonferenzen wirkt Southgate bedacht und förmlich. In etwa so, wie er einst für Crystal Palace, Aston Villa und den FC Middlesbrough verteidigte. In Erinnerung geblieben ist er weniger für seine zwei Ligapokalsiege als Vereinsspieler, sondern eher für zwei Auftritte im Teamtrikot. Zum einen für seinen entscheidenden, verschossenen Elfmeter im EM-Halbfinale 1996 gegen Deutschland, zum anderen für eine Aussage über die Ansprachen seines früheren Teamchefs Eriksson: „Wir haben Winston Churchill erwartet und Iain Duncan Smith bekommen.“ Der Politiker Smith galt freundlich formuliert als mittelmäßig eloquent.
2006 beendete Southgate seine aktive Karriere bei Middlesbrough und übernahm sofort das Traineramt beim damaligen Premier-League-Klub. Über die nötige UEFA-Trainerlizenz verfügte er zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht, wegen seiner Vergangenheit als Teamspieler durfte er die Mannschaft um Emanuel Pogatetz aber trotzdem trainieren. Middlesbrough wurde in der ersten Saison unter seiner Leitung Zwölfter, in der folgenden 13. und stieg 2009 schließlich ab. Southgate blieb zunächst im Amt, musste den Verein aber trotz eines passablen Saisonstarts im folgenden Herbst verlassen. „Er galt nie als aufstrebendes Trainertalent oder Taktikgenie“, sagt Honigstein.
Nach der Entlassung in Middlesbrough arbeitete Southgate zunächst als TV-Experte und wurde dann ab Jänner 2011 für anderthalb Jahre Nachwuchskoordinator im Verband. 2013 kehrte er als U21-Teamchef zurück. Mit dem Nachwuchsteam qualifizierte sich Southgate für die EM 2015, scheiterte dort jedoch als Gruppenletzter. Ein Jahr später folgte die Beförderung zum A-Team.
Kunstflieger
„Er hat sich bisher besser gemacht als erwartet“, sagt Honigstein. Die Erwartungen sind nach vielen ebenso turbulenten wie titellosen Jahren allerdings gering. „Die Mannschaft hat sich zumindest im Defensivspiel taktisch verbessert. Sie ist schwer zu schlagen und steht gut, kreiert jedoch zu wenige Torchancen“, sagt der Journalist. In 16 Spielen unter Southgate schoss England trotz Gegnern wie Litauen und Malta lediglich 23 Tore, kassierte jedoch auch nur zehn. „Die Spielweise ist etwas zu passiv und es mangelt oft an Ideen“, sagt Honigstein. Ein schlüssiges Offensivkonzept fehlt im 3-5-2-System, das Southgate zuletzt bevorzugte. Und das, obwohl England mit Dele Alli, Harry Kane, Marcus Rashford und Raheem Sterling über begeisternde Offensivspieler verfügt. „Ich bin aber skeptisch, ob Southgate auch eine begeisternde Mannschaft formen kann“, sagt Honigstein. Das Verhindern neuer Turbulenzen scheint wichtiger zu sein als das Schaffen neuer Träume.
Für die erfolgreiche WM-Qualifikation reichte das Konzept allemal. Bereits am vorletzten Spieltag sicherte sich England die Teilnahme an der Endrunde – mit einem trägen 1:0-Heimsieg gegen Slowenien. Die Anhänger im nur zu knapp zwei Dritteln gefüllten Wembley-Stadion waren von der Leistung ihrer Mannschaft dermaßen unbeeindruckt, dass der Hauptfokus nicht auf dem Anfeuern lag. Stattdessen falteten zahlreiche Fans ihre Eintrittskarten zu Papierfliegern und schmissen sie Richtung Rasen. Einer landete sogar im Tor und löste stadionumgreifenden Jubel aus. Ansonsten herrschte auf den Rängen Ruhe, vielleicht sogar ein bisschen Langeweile.