Die großen Sprünge
„Es hat sich wie ein Erdbeben angefühlt. Ich werde nie vergessen, wie das ganze Stadion mit dem Singen und dem Anfeuern begonnen hat. Schon die Straßen davor waren mit Menschen vollgepackt, ein riesiges Menschenmeer. Und trotz des Gedränges würde ich meinen Sitzplatz heute noch wiederfinden.“ Li Jing war damals gemeinsam mit 40.000 anderen dabei, als die erste chinesische Profiliga vor 23 Jahren ihren Betrieb aufnahm, heute arbeitet der 37-Jährige als Sportjournalist in Chengdu. In seinem Büro im Zentrum der 14-Millionen-Einwohnerstadt in der Provinz Sichuan erzählt er an diesem angenehm warmen Dezembernachmittag vom Fußball. Mit ehrgeizigen staatlichen Reformplänen und Transferrekorden sorgt die chinesische Liga derzeit für internationale Schlagzeilen – und für Angst bei den alten Herrschern des Sports in Europa. Die Begeisterung für den Fußball ist im Land mit seinen 1,4 Milliarden Einwohnern jedoch keine Neuheit. Die Geschichte der letzten 25 Jahre ist voller ambitionierter Ziele, Krisen und Konflikte – die Liga entwickelte sich zum beliebten Experimentierfeld für Politiker und Unternehmen.
Neue Liga, neues Geld
Die Kindheitserinnerung, die Li Jing niemals vergessen wird, markiert den Beginn der Kommerzialisierung des chinesischen Fußballs. Am 17. April 1994 wird die erste Saison der Profiliga im Sportzentrum Chengdu eröffnet. Sichuan Quanxing und die favorisierten Liaoning Yuandong trennen sich 1:1, Quanxing-Trainer Yu Dongfeng wird später der Sportzeitung Zhongguo Tiyu Bao sagen: „Ich habe nicht damit gerechnet, dass so viele Leute kommen und wir so gut spielen würden. Hätte ich das gewusst, hätte ich einen Anzug getragen, nicht meine alte Trainingsjacke.“
In der höchsten Spielklasse treffen zwölf Teams aufeinander. Die International Management Group, IMG, kauft sich als Vermarkter ein, der Tabakkonzern Philip Morris wird Namenssponsor. Die Teams der Marlboro Chinese Football League werden mehrheitlich von Staatsunternehmen und lokalen Regierungen finanziert, doch bald steigen auch private Firmen in den Sport ein. Die wirtschaftliche Ausrichtung Chinas ist im Umbruch. 1992 hat die Kommunistische Partei die Etablierung einer sozialistischen Marktwirtschaft zum Ziel erklärt, ausländische Investitionen und Privatisierungen nehmen in den folgenden Jahren massiv zu. Für die Reform des bis dahin unter strikter staatlicher Kontrolle stehenden Sportsystems wird der Fußball zum Vorreiter erkoren. Marktwirtschaftliche Mechanismen sollen, so die Zielsetzung, erst dort und dann auch in allen anderen Sportarten eine immer wichtigere Rolle einnehmen. „Fußball ist die größte Sportart der Welt“, sagt Li Jing. „Er bietet eine gute Möglichkeit, mit dem Ausland zu kommunizieren und sich zu messen.“
Goldener Markt, gelber Orkan
Neben den wirtschaftlichen Veränderungen hat auch das blamable Abschneiden der Nationalmannschaft die Reform des Fußballsystems beschleunigt. Schon als das Nationalteam im Mai 1985 in Beijing gegen Hongkong mit 1:2 verloren hatte, war es zu Ausschreitungen mitsamt nationalistischer Parolen und Attacken auf ausländische Journalisten gekommen. Niederlagen gegen die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 1990, die damit verpasst wird, treiben den Unmut auf die Spitze.
Der anfängliche Erfolg der Profiliga scheint den Reformkurs zu bestätigen. Im ersten Jahr ihres Bestehens zieht die erste Spielklasse mehr als zwei Millionen Zuschauer an, mit durchschnittlich etwa 20.000 Stadionbesuchern pro Spiel. 1996 sind es 3,2 Millionen, und auch die Zahl der registrierten Fußballer nimmt deutlich zu. Der für Wirtschaftsreformen verantwortliche Minister Li Tieying verkündet im Dezember 1995: „Der Fußballsport ist der Pionier bei der Reform unseres Sportsystems. Er hat ein gutes Beispiel geliefert.“
Die Fußballbegeisterung breitet sich in ganz China aus, doch die südwestliche Provinzhauptstadt Chengdu steht an der Spitze des Trends. Sie gilt als goldener Fußballmarkt, das 40.000 Zuschauer fassende Stadion im Stadtzentrum ist 1994 zu 95 Prozent ausgelastet, und die Fans machen sich schnell im ganzen Land einen Namen. Der gelbe Orkan – so wird die Stimmung bei den Spielen von Sichuan Quanxing in den Medien bezeichnet. „Die Leute haben sich zwei Tage und Nächte angestellt, um an Matchkarten zu kommen“, sagt Li Jing. Dass der Verein immer weit davon entfernt ist, um den Meistertitel zu spielen, tut der Euphorie keinen Abbruch. Im Gegenteil. Einen Höhepunkt erreicht die Begeisterung im Abstiegskampf 1995, als 60.000 Fans – 20.000 mehr als zugelassen – zum letzten Saisonspiel ins Sportzentrum der Stadt strömen.
Schuldscheine statt Lohnzettel
Die Situation in Chengdu steht jedoch nicht nur exemplarisch für die Aufbruchsstimmung im Fußballsport, sondern auch für die schon bald einsetzende Krise. Ab Ende der 1990er Jahre ist von der Liga meist nur noch in Zusammenhang mit Korruptionsskandalen, mangelnder sportlicher Qualität und halbleerer Stadien zu lesen. Xu Hui hat die Krise am eigenen Leib erlebt, der linke Außenverteidiger spielte ab 1998 bei Sichuan Quanxing, später bei kleineren Vereinen. Er wurde mehrmals in das Olympiateam berufen, beendete seine Karriere jedoch bereits 2004 im Alter von 27 Jahren. Bei einem Kaffee in seinem Stammlokal in einem Außenbezirk Chengdus sagt er, warum: „Der Grund waren die miesen Verhältnisse im Fußball. Die meisten Unternehmen waren nicht mehr bereit zu investieren, und wir haben unseren Lohn nicht ausbezahlt bekommen. Der Verein hat uns stattdessen Zettel ausgehändigt, auf denen geschrieben stand, wie viel sie uns schulden. Wie hätte ich da noch für meine Familie sorgen können?“
Mitte der 2000er Jahre sind ausbleibende Lohnzahlungen für Profifußballer weit verbreitet. Eine Blase ist geplatzt, denn in den Anfangsjahren von Xus Karriere waren die Gehälter zunächst rasant angestiegen. „Ende der 1990er Jahre haben wir schon mehrere hunderttausend Yuan verdienen können, die besten sogar mehr als eine Million“, sagt Xu Hui. Dies stellte ein Vielfaches der noch 1994 durchschnittlichen Jahresgehälter von 10.000 bis 15.000 Yuan dar. Das hohe Lohnniveau ändert nichts am Schicksal der Nationalmannschaft. Sie unterliegt erneut dem Angstgegner Katar und verpasst damit auch die Qualifikation für die WM 1998.
Undurchsichtige Netzwerke
Doch die steigenden Löhne treiben die Ausgaben der Vereine in die Höhe – und damit auch ihre Verluste. Die angespannte wirtschaftliche Situation der Klubs bietet das ideale Umfeld für Spielmanipulationen und Korruption. Bereits 1997 werden erste Skandale aufgedeckt, Absprachen zwischen Vereinen, die Bestechung von Spielern, Schiedsrichtern und Verbandsfunktionären nehmen in den folgenden Jahren zu. In der Saison 2003 soll die Hälfte aller Spiele manipuliert worden sein. Das öffentliche Interesse an der Liga schwindet, der Zuschauerschnitt sinkt von rund 24.000 im Jahr 1996 auf 10.800 im Jahr 2004.
In Sichuan, der einstigen Vorzeigeregion des Booms, wird der Fußball in diesen Jahren nachhaltig zerstört. Xu Ming, Vorsitzender der Shide Group aus dem nordchinesischen Dalian und ehemals achtreichster Mann Chinas, kauft ab 2000 nicht nur den Verein seiner Heimatstadt auf, sondern erlangt über undurchsichtige Verbindungen und Firmen in seinem Einflussbereich auch die Kontrolle über Sichuan Quanxing und weitere Klubs in der ersten, zweiten und dritten Spielklasse. Spieler werden zwischen diesen Teams hin- und hergeschoben, einflussreiche Altstars abmontiert und Ergebnisse über Jahre hinweg manipuliert. „Die Fans in Sichuan haben sich damals nicht mehr mit ihrem Team identifizieren können“, sagt Sportjournalist Li Jing.
Auch die Proteste von anderen Vereinen bleiben zunächst erfolglos. Kaum wird eine Mehrfachbeteiligung von Xu Ming entdeckt, übernimmt eine andere Firma aus seinem Netzwerk die Anteile. Erst 2006 gelingt es dem Verband, das „Shide-System“ zu zerschlagen. Doch der Profifußball in Sichuan ist nicht mehr zu retten. Seit 2012 findet die höchste Spielklasse ohne Beteiligung eines Teams der mit über 80 Millionen Einwohnern viertgrößten Provinz des Landes statt.
Altes Bier in neuen Schläuchen
Dem chinesischen Nationalteam gelingt 2001 zwar die erste Qualifikation für eine Weltmeisterschaft, doch das kann die Probleme der Liga nicht überdecken. China verabschiedet sich mit drei Niederlagen und ohne Torerfolg aus dem Turnier in Japan und Südkorea. Sportministerium und Fußballverband beschließen den Neustart des Profifußballs. Mit der 2004 erstmals ausgetragenen Chinese Super League möchte sich der Verband ein neues Image verpassen und wirksamere Vorkehrungen gegenüber Betrug treffen.
Doch alles kommt noch schlimmer: Der bisherige Marketingpartner IMG zieht sich im selben Jahr aus der Liga zurück. 2005 will Siemens nicht mehr als Namensgeber der Liga auftreten, eine Saison lang wird kein neuer Sponsor gefunden. Und schließlich verliert sogar das zentralstaatliche Fernsehen CCTV das Interesse – und zeigt lieber Übertragungen aus den großen europäischen Ligen. Die finanzielle Situation für die „Liga ohne Zuschauer“, wie sie von den Sportwissenschaftlern Fan Hong und Lu Zhouxiang genannt wird, erschwert sich weiter. Spielmanipulationen und Korruption setzen sich fort. Das Chaos treibt skurrile Blüten, als die Liga Zahlungen mit Sachgegenständen ihrer Sponsoren bestreiten muss. „Die Klubs haben von der Liga Kingway-Bier und Epson-Drucker bekommen. Wäre das nicht peinlich genug, war das Bier zudem schon fast abgelaufen“, sagt Li.
Ende 2009 greift das Ministerium für Öffentliche Sicherheit hart durch. In der größten Kampagne gegen Korruption und Glücksspiel der chinesischen Sportgeschichte werden zahlreiche Spieler, Schiedsrichter und Funktionäre verhaftet und mehrere Vereine mit Strafzahlungen und Zwangsabstieg belegt, darunter auch der spätere Serienmeister aus Guangzhou. Alleine im Jahr 2012 werden über 50 Personen rechtskräftig verurteilt. Drei Vize-Verbandsvorsitzende erhalten wegen Bestechung 10,5 Jahre Haft, der ehemalige WM-Schiedsrichter Lu Jun 5,5 Jahre.„Gemma, Chongqing!“
22. Oktober 2016, 270 Kilometer südöstlich von Chengdu. Im Olympia-Sportzentrum der 30-Millionen-Metropole Chongqing ist von einer Krise nichts mehr zu spüren. Etwas mehr als 31.000 Zuschauer haben sich zum Spiel von Chongqing Lifan gegen den Tabellenzweiten Jiangsu Suning eingefunden. Der Besucherschnitt in der von März bis Ende Oktober ausgetragenen 16er-Liga liegt 2016 bei knapp über 24.000, im weltweiten Vergleich ist das Platz fünf hinter Mexiko und vor Italien. „Chongqing xiongqi!“, hallt es durchs Stadion – „Gemma, Chongqing!“ Die organisierten Heimfans machen auf ihren Plätzen entlang der Längsseite über die gesamten 90 Minuten Stimmung. Sie haben Grund zum Feiern. Dank des 2:2 kann Chongqing schon zwei Runden vor Saisonschluss den Klassenerhalt fixieren. Beim Verlassen des Stadions zeigt sich ein junger Fan dennoch nicht restlos überzeugt: „Schau dir die Spieler von Suning an! Um jemals vorne mitspielen zu können, müsste auch bei uns noch viel mehr investiert werden.“
Mit kolportierten Ablösesummen von 28 Millionen Euro für Ramires und 50 Millionen für Alex Teixeira hat Jiangsu Suning maßgeblichen Anteil an den Rekordausgaben der Chinese Super League von rund 350 Millionen Euro im Winter 2015/16 – dreimal so viel wie noch im Jahr zuvor. In der aktuellen Transferphase könnten diese Rekorde noch einmal übertroffen werden. Auffällig sind nicht nur die Ausgaben für ausländische Stars, auch die Ablösesummen für chinesische Spieler explodieren. Das Webportal transfermarkt.at listet allein für den Winter 2015/16 acht chinesische Spieler mit Ablösesummen von mehr als fünf Millionen Euro auf – von Innenverteidiger Yangyang Jin bis Stürmer Xuesheng Dong. Im Jänner 2017 zahlt Erstligist Hebei China Fortune gar rund 20 Millionen Euro für Flügelstürmer Chengdong Zhang.
E-Commerce statt Immobilien
„Die Investitionen spiegeln Trends der wirtschaftlichen Entwicklung wider“, sagt Sportjournalist Li Jing. „Erst war es der Immobiliensektor, aber dessen Boom ist vorbei. Im Moment steigen vor allem E-Commerce-Firmen in den Fußball ein. Und weiterhin sind es oft staatliche Unternehmen, die trotz des Rückgangs in der Industrieproduktion aufgrund ihrer Monopolstellungen Unmengen an Geld zur Verfügung haben.“ Die Geldflüsse in den vergangenen Jahren bestätigen diese Einschätzung: Die Greenland Group, der neue Arbeitgeber von Carlos Tevez bei Shanghai Shenhua, ist ebenso ein Immobilienkonzern wie die Evergrande Group, die 2010 die Mannschaft aus Guangzhou um kolportierte elf Millionen Euro erwarb. Ein Schnäppchen – 2014 gingen 50 Prozent der Anteile des Klubs um rund 140 Millionen Euro an Chinas größtes E-Commerce-Unternehmen Alibaba. Hinter dem Team aus Jiangsu steht das Einzelhandelsimperium der Suning Commerce Group, das sich ebenfalls zunehmend auf den E-Commerce stützt. Die rund 60 Millionen Euro, die der FC Chelsea im Jänner für den brasilianischen Teamspieler Oscar erhalten haben soll, stammen vom mehrheitlich staatlichen Hafenbetreiber der Shanghai International Port Group.
Die jüngste Wiederauferstehung der Profiliga hat jedoch nicht dazu geführt, dass das investierte Kapital auch rentabel ist. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Guangzhou Evergrande Taobao etwa konnte sich seit 2011 durchgehend als Meister feiern lassen und 2013 die asiatische Champions League gewinnen, dennoch meldet der Klub jährliche Verluste – für das Jahr 2015 rund 130 Millionen Euro. Daher mehren sich die kritischen Stimmen, auch von offizieller Seite. Im Dezember 2016 warnt die Zeitung Renmin Ribao vor den Gefahren einer Blase, die im Fußball entstanden sei. Das Zentralorgan der Kommunistischen Partei legt Anfang Jänner 2017 einen weiteren kritischen Beitrag nach und mahnt: „Nur mit Geldverbrennen ist keine Entwicklung des Fußballs möglich.“
Kaderplanung
Die Investoren scheint das bisher kalt zu lassen, um kurzfristige Rückflüsse geht es ihnen ohnehin kaum. Vielmehr liegt der Fokus darauf, sich in einem wachsenden Markt zu verankern – der zudem staatlich gefördert wird. Denn der seit 2013 amtierende Staatspräsident Xi Jinping gilt als großer Freund des Fußballs. Noch vor Amtsantritt formulierte er in einer vielzitierten Rede seine Träume, wonach sich China für eine WM qualifizieren, das Turnier ausrichten und schließlich gewinnen soll. 2015 legte die Regierung einen 50-Punkte-Reformplan vor. Zu den Kernpunkten gehören Investitionen in Fußballschulen, die erfolgreiche Spieler und Trainer hervorbringen sollen. Die Industrie rund um den Sport soll auf einen Wert von rund 700 Milliarden Euro ausgebaut werden. Im Oktober 2015 ließ sich China Sports Media die TV-Übertragungsrechte der Chinese Super League für die nächsten fünf Jahre mehr als 1,1 Milliarden Euro kosten – ein deutliches Zeichen für das Vermarktungspotenzial des Profifußballs.
„Wenn der Vorsitzende Xi dem Fußball eine derart große Beachtung schenkt, sind diese Unternehmen sehr interessiert daran, einen guten Eindruck zu machen“, sagt Journalist Li Jing. „Durch die Investitionen erhoffen sie sich einen politischen Status, ein gewisses Mitspracherecht und Begünstigungen durch den Staat.“ Das Beispiel Evergrande veranschauliche diese These. Bevor die Firma 2010 in den Fußball investierte, sei sie nicht einmal unter den zehn wichtigsten Unternehmen des Immobiliensektors gewesen, heute gehöre sie zu den Top Drei. „In China brauchst du einen entsprechenden Markt und die Unterstützung der Regierung, um wirtschaftlichen Erfolg zu haben“, sagt Li.
Wie eng Wirtschaft und Politik im Sport zusammenhängen, beschreibt auch Ex-Profi Xu Hui: „Es ist ganz einfach. Die Entscheidung eines Unternehmens, in den Fußball zu investieren, hängt davon ab, ob es dafür von der Lokalregierung gefördert wird – durch Steuererleichterungen oder andere Begünstigungen.“ Das funktioniert allerdings nur, wenn die jeweiligen Parteikader sicher im Sattel sitzen. Die Provinz Sichuan ist davon derzeit weit entfernt. Denn in der von Staatspräsident Xi Jinping durchgeführten Anti-Korruptionskampagne traf es die hiesigen Führungspolitiker besonders heftig. Das, so sagt Xu, sei auch einer der Gründe, warum es mit dem Profifußball in Chengdu seit 2011 nicht mehr klappt. „In Sichuan ist die politische Situation einfach zu instabil.“
Breitensport statt Goldmedaillen
Dennoch kommt auch in Chengdu schön langsam wieder Bewegung in die Sache. Im Inneren des veralteten Sportzentrums sorgen Bagger dafür, dass bei der Infrastruktur kein Stein auf dem anderen bleibt. Das Multifunktionsstadion einige hundert Meter hinter der großen Mao-Zedong-Statue am Hauptplatz der Stadt erfährt eine gründliche Sanierung. In den kommenden zwei Jahren sollen die Katakomben umfassend modernisiert und die Kapazität auf 55.000 vollständig überdachte Sitzplätze ausgeweitet werden. Die 1991 erbaute ehemalige Spielstätte von Sichuan Quanxing soll den Ansprüchen der staatlichen Reformvorhaben gerecht werden. Geht der Traum von Xi Jinping in Erfüllung, könnten hier in Zukunft auch WM-Spiele ausgetragen werden. Der Weg dahin ist allerdings noch weit.
Wang Liang arbeitet an der Umsetzung des Reformplans in Chengdu. Der Funktionär des städtischen Fußballverbands hat soeben den Telefonhörer aufgelegt, er begrüßt den ballesterer freundlich, doch nach dem Gespräch wird er darum bitten, seinen richtigen Namen nicht zu nennen. Die gerahmten Fotos an den Wänden und in der Vitrine seines Büros geben Einblick in die Stationen seiner Karriere: Bilder von Wang als Fußballer Ende der 1970er Jahre, als Trainer einer lokalen Auswahl, als Funktionär händeschüttelnd mit dem damaligen FIFA-Präsidenten Joseph Blatter. „Worum es hier geht? Unsere frühere Herangehensweise war im Grunde die Goldmedaillenstrategie, das heißt, eine möglichst kleine Zahl an Sportlern speziell für ein bestimmtes Ziel vorzubereiten. Der Reformplan besagt nun jedoch, dass es um die Gesundheit der gesamten Bevölkerung geht. Wir müssen allen dienen, die gerne Fußball spielen“, sagt Wang, noch bevor die erste Frage gestellt ist. Er spricht gerne und schnell. Auch über Herausforderungen bei der Umsetzung der Vorhaben. Kann sich der Verband seiner Doppelidentität als Sportorganisation und Regierungsorgan entledigen? Sollen die verfügbaren Ressourcen in allen Ecken des Landes oder mit Fokus auf urbane Zentren wie Chengdu verteilt werden? – Das sind einige der offenen Fragen, über die der Funktionär scheinbar stundenlang referieren könnte. Dabei vergisst er keineswegs, auch die Fortschritte im Lokalverband zu betonen, wie etwa die rund 300 neuen Fußballplätze, die in den vergangenen zwei Jahren mit staatlichen Förderungen in Chengdu errichtet worden seien.
Zwischen den Inseln
„Die Entwicklung des Fußballs muss bei den Kindern ansetzen“, hat der frühere Parteigeneralsekretär Deng Xiaoping bereits 1985 gesagt, und auch der Reformplan von 2015 forciert die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen. Bis 2025 soll an 50.000 Schulen schwerpunktmäßig Fußball unterrichtet werden. Auf lokaler Ebene führt Wang das im September 2016 eröffnete Chengdu Football College an, das angegliedert an die Universität Chengdu eine gute Ausbildung mit besten Bedingungen für den Fußball bieten soll.
Mitte Jänner 2017, zwei Wochen nach unserem Treffen, greift der nationale Fußballverband zu Maßnahmen, um die Förderung heimischer Talente zu beschleunigen. Ab der kommenden Super-League-Saison darf jedes Team nur noch drei anstatt bisher vier Ausländer in der Startelf haben. Darüber hinaus müssen in jedem Kader mindestens zwei chinesische U23-Spieler stehen, einer muss von Beginn an spielen. Diese Entscheidung inmitten der aktuellen Transferperiode sorgt seither für Diskussionen. Ein weiterer Anstieg der ohnehin schon hohen Ablösesummen für junge chinesische Spieler dürfte folgen. Doch die Nationalmannschaft – eigentlicher Gradmesser für den Erfolg des Reformplans – wird nicht besser spielen, weil ihre Spieler einigen Vereinen nun deutlich mehr wert sind. Dass sich China für die WM in Russland qualifiziert, ist jetzt schon so gut wie ausgeschlossen. In der FIFA-Weltrangliste liegt das Team auf Platz 81 – einen Platz vor der Atlantikinselgruppe Färöer, knapp hinter der Karibikinselgruppe Saint Kitts und Nevis. Chengdus Verbandsvertreter winkt ab, als es um die Nationalmannschaft geht. „Die Herausbildung eigener Talente braucht noch Zeit, da bin ich Realist“, sagt er. Die Perspektiven seien langfristig. „Man darf sich vom Geld in der Profiliga nicht blenden lassen.“
Mitarbeit: Li Xiaobin & Zhao Yuechen
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