1:7. Wenige Spiele haben ihren Eintrag in die Fußballgeschichtsbücher so sicher wie das WM-Halbfinale 2014 zwischen Brasilien und Deutschland. Was auf dem Papier nach einem vorgezogenen Finale aussah, wurde zu einem Debakel für die Gastgeber. Bereits nach einer halben Stunde lag Brasilien 0:5 zurück. Vier Jahre später reist der Rekordweltmeister mit einer stark veränderten Mannschaft und einem neuen Trainer nach Russland, um die 16-jährige Durststrecke bei Weltmeisterschaften zu beenden. Die Bürde des 1:7 hat das Nationalteam jedoch mit im Gepäck.
Die vierte Niederlage
„Es sagt viel über die Mentalität der Brasilianer aus, dass sie sich immer mehr mit ihren größten Niederlagen beschäftigt haben als mit den vielen Erfolgen“, sagt Martin Curi. Der Anthropologe lebt seit vielen Jahren in Rio, 2013 hat er das Buch „Fußballland Brasilien“ veröffentlicht. „Bis 2014 hat es drei große Niederlagen gegeben, mit denen sich die Brasilianer nie abgefunden haben: das 1:2 im Finale der WM 1950 im Maracana gegen Uruguay, die Niederlage gegen Italien bei der WM 1982 und das 0:3 im Finale gegen Frankreich 1998.“ Mit der Schmach von 2014 kam ein weiterer Stachel im Fleisch hinzu. Ein griffiges Wort für die Niederlage war schnell gefunden: Parallel zum „Maracanaco“ von 1950, dem Schock von Maracana, heißt sie nach dem Stadion von Belo Horizonte „Mineiraco“. Inzwischen hat das Spiel auch Eingang in die Alltagskultur gefunden. „‚1:7‘ ist zu einem geflügelten Wort geworden. Man verwendet es, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert“, sagt Curi.
Doch es war nicht nur dieses Ergebnis, das die Beziehung zwischen den Brasilianern und ihrer einstmals großen Liebe, dem Fußball, abkühlen ließ. Schon die Monate vor der WM und während des Confed Cup waren von ganz anderen Nachrichten geprägt. 2013 kam es zu Massenprotesten – wegen der Ausgaben für das Turnier nach von der FIFA diktierten Regeln, während gleichzeitig dringend benötigte Investitionen im Schul- und Gesundheitswesen ausblieben. Die sozialdemokratische Staatspräsidentin Dilma Rousseff wurde zwar im Oktober 2014 wiedergewählt, doch auch die Proteste flammten erneut auf – nicht zuletzt wegen Korruptionsvorwürfen gegen die Regierungschefin. Über drei Millionen Menschen demonstrierten in verschiedenen Städten. Wenige Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele in Rio im Sommer 2016 wurde Rousseff suspendiert, kurz nach den Spielen schließlich ihres Amtes enthoben. Die Staatskrise geht allerdings unter ihrem konservativen Nachfolger weiter. Auch gegen Michel Temer wurden Korruptionsvorwürfe erhoben.
Während ein offener Konflikt um die Macht im Staat tobt, sieht es im Fußball nicht viel besser aus. Der Verband versinkt in einem Korruptionsfall nach dem anderen. Im Mai 2015 wurde Jose Maria Marin, der Präsident des Verbands und Chef des WM-Organisationskomitees, in Zürich verhaftet und 2017 in New York verurteilt. Der aktuelle Präsident Marco Polo Del Nero wurde Ende April von der FIFA wegen Korruption lebenslänglich gesperrt. Von WM-Euphorie ist in Brasilien wenig zu spüren. „Normalerweise werden Straßen bemalt und geschmückt“, sagt Curi. „Davon ist derzeit nichts zu sehen.“
Angstgegner Deutschland
Dabei ist es spielerisch seit dem 1:7 aufwärts gegangen. Bei der Heim-WM konnte vom berühmten schönen Spiel nicht die Rede sein. Allein die Ergebnisse hatten Teamchef Luiz Felipe Scolari bis dahin Recht gegeben, nach der WM trat er zurück. Für Brasilien bot sich bereits zwei Jahre später die Chance zur Revanche – im Finale des olympischen Fußballturniers hieß der Gegner erneut Deutschland. Allerdings hatten die Olympia-Teams mit den Mannschaften des WM-Halbfinales nichts zu tun. Doch mit Neymar war der wichtigste Spieler der Brasilianer, der 2014 verletzt gefehlt hatte, an Bord. Im Finale brachte er Brasilien mit 1:0 in Führung, am Ende stand ein Sieg im Elfmeterschießen. Balsam auf die geschundene Fußballseele des Rekordweltmeisters.
Vor der WM in Russland hat Teamchef Tite ein neues Team um Neymar und den im Halbfinale 2014 gesperrten Thiago Silva aufgebaut. Einstige Stammkräfte wie Tormann Julio Cesar, Verteidiger David Luiz und die Stürmer Fred und Hulk spielen nicht mehr im Nationalteam, sie wurden von Spielern wie Alisson, Coutinho, Roberto Firmino und Douglas Costa ersetzt. Von der Startformation des 1:7 waren zuletzt nur noch Marcelo und Fernandinho im Kader. „2010 und 2014 hat Brasilien keine gute Mannschaft gehabt, das wird heuer anders sein“, sagt Curi. „Nicht umsonst wurde die Qualifikationsgruppe mit einem so großen Vorsprung gewonnen.“ Mit nur einer Niederlage in 18 Partien qualifizierte sich Brasilien zehn Punkte vor Uruguay souverän für die Endrunde in Russland.
Doch schon nach der Auslosung machte sich Angst im Land breit. Denn da stand fest, dass Brasilien im Achtelfinale auf Deutschland treffen könnte – nämlich dann, wenn eines der beiden Teams als Gruppenzweiter aufsteigt. Die Paarung ist alles andere als ein WM–Klassiker, sie fand vor 2014 nur einmal statt, bei Brasiliens letztem Titelgewinn im Finale von 2002. Dennoch hat sich Deutschland zum Angstgegner aufgeschwungen. Daran ändert auch der 1:0-Sieg im Testspiel Ende März in Berlin nichts. Brasilien überzeugte dabei mit einer souveränen Defensive und einem starken Pressing. Der Torschütze war mit Gabriel Jesus von Manchester City einer der Olympiahelden von 2016. Wie bei so ziemlich jedem Turnier gehört Brasilien auch in Russland wieder zu den Favoriten. „Aber hier ist die Erwartungshaltung sehr gedrückt“, sagt Curi. Möglicherweise liegt das aber auch daran, dass der ewige Hoffnungsträger Neymar aktuell wieder einmal verletzt ist.