Auf der Schwarzmeerhalbinsel Krim verändert sich viel in den Tagen nach dem Referendum vom 16. März, bei dem 97 Prozent der Teilnehmer für einen Anschluss an die Russische Föderation gestimmt haben: Der Rubel ersetzt die Hrywnja als Währung, ukrainische Reisepässe werden gegen russische getauscht. Und auch im Fußball ist nicht mehr alles, wie es war. Die ukrainische Meisterschaft startete Anfang März mit zwei Wochen Verspätung ins Frühjahr. Die beiden Erstligisten von der Krim, der SK Tawrija Simferopol und der FK Sewastopol, wollen die Saison regulär beenden, mussten ihre Heimspiele aber bis in den April hinein auf dem Festland austragen, weil sich die Gegner weigerten, auf dem nunmehr russisch kontrollierten Territorium anzutreten. Ab Sommer soll es damit vorbei sein. Denn geht es nach den Verantwortlichen der beiden Vereine, steht ein Wechsel in den russischen Meisterschaftsbetrieb an.
Ex-Meister zwischen den Fronten
Seit der ukrainischen Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 war die Krim immer wieder Brennpunkt für politische Konflikte zwischen Russland und der Ukraine, die auch in den Fußball hineinspielten. Tawrija Simferopol, in sowjetischen Zeiten eine typische graue Maus, gewann 1992 überraschend die erste ukrainische Meisterschaft. Seither krönten sich nur Schachtar Donezk und Dynamo Kiew zum Meister. Dem Titelgewinn folgte politischer Ärger mit Russland, denn als Champion der Ukraine hatte sich der Verein für die Meisterschaft der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) qualifiziert, die im Winter 1993 in Moskau ausgetragen wurde. Dieser Bewerb – eine Art Champions League der ehemaligen Sowjetrepubliken – war in den 1990er Jahren sehr populär, doch der ukrainische Fußballverband untersagte Tawrija die Teilnahme, da das ukrainische Parlament das GUS-Abkommen nicht ratifizieren wollte. Dem Klub wurde mit einer empfindlichen Geldstrafe gedroht, sollte er dennoch in Moskau antreten. Die russischen Tageszeitungen Iswestiia und Prawda berichteten von der Enttäuschung der Offiziellen und Fans und sprachen ihnen die Solidarität Russlands aus.
Neue Generation, andere Meinung
20 Jahre später schauen die Tawrija-Fans nicht mehr Richtung Moskau. Vor allem die beiden Ultragruppen „Sektor 5“ und „Sektor 9“ – benannt nach den jeweiligen Blöcken des Lokomotiv-Stadions – können der Rückkehr der Krim in den Schoß von Mütterchen Russland nichts abgewinnen. Wie die meisten ukrainischen Ultragruppen gelten auch die Tawrija-Anhänger als Antikommunisten und Nationalisten. Die Fans aus Simferopol hatten nach dem Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch auf eine engere Anbindung der Ukraine an die Europäische Union gehofft. Im sozialen Netzwerk VKontakte, dem russischen Pendant zu Facebook, sprachen sie sich als eine von wenigen gesellschaftlich relevanten Gruppen auf der Krim gegen das Referendum und für den Verbleib der Halbinsel bei der Ukraine aus – ein Zeichen dafür, dass die Wiedervereinigung mit Russland gerade unter jungen Bewohnern nicht nur Zustimmung findet. Nach dem Referendum zogen sich viele Ultras aus der Öffentlichkeit zurück.
Ganz anders verhielten sich die Klubbosse von Tawrjia und Sewastopol. Sie treiben die Aufnahme ihrer Vereine in den russischen Fußballverband voran, beide Klubs haben erklärt, nächstes Jahr in der russischen Meisterschaft spielen zu wollen. Ein weiterer Tiefschlag für die bereits taumelnde ukrainische Premjer Liha, in der sich schon jetzt viele Vereine in finanzieller Schieflage befinden. Vor der Saison war es lange fraglich, ob man 16 Teams finden würde, die die Lizenzauflagen erfüllen. Im Oktober musste dann Arsenal Kiew nach dem Ausstieg eines Investors Insolvenz anmelden und den Spielbetrieb einstellen. Vereine aus der zweiten Reihe haben nur einen Bruchteil der Budgets der Großklubs aus Kiew und Donezk. Die Gegensätze zwischen Groß und Klein im Fußball sind Abbild der ukrainischen Realität in anderen Lebensbereichen.
Vorsicht in Nyon
Was den Wechsel von Tawrija und Sewastopol nach Russland anlangt, liegt der Ball nun bei den Verbänden. Das ukrainische Sportportal tribuna.com interviewte dazu jeweils einen Sportjuristen aus Russland und der Ukraine. Beide erklärten, dass der ukrainische Fußballverband den Vereinen die Freigabe erteilen müsse, damit sie an der russischen Meisterschaft teilnehmen können. Allerdings, so die Juristen, hätten hier UEFA und FIFA das letzte Wort, sie könnten den Verband theoretisch überstimmen und den Wechsel ermöglichen.
Auf dem UEFA-Kongress in Kasachstan Ende März wurde das Thema vorerst nur informell behandelt, wie aus der österreichischen Delegation zu erfahren war. Die UEFA gibt sich verschlossen. „Bisher gab es dazu keine offizielle Anfrage. Sollte die UEFA eine Anfrage erhalten, wird versucht, eine Lösung zusammen mit allen involvierten Akteuren zu finden. Es gibt derzeit keine weitere Stellungnahme dazu“, heißt es aus der Medienstelle auf ballesterer-Anfrage.
Dass man sich in Nyon in Vorsicht übt, hat gute Gründe. Denn grünes Licht für den Wechsel der Krim-Klubs wäre nicht nur ein politischer Erfolg für Russland, die Fußballverbände wären auch die ersten internationalen Organisationen, die die Halbinsel offiziell als Teil Russlands anerkennen würden. Ob man sich ein derartiges Vorpreschen zumuten will, ist fraglich. Selbst wenn erste Politiker darauf hinweisen, dass die Annexion der Krim Realität sei. „Die russische Regierung hat Fakten geschaffen“, sagte etwa EU-Parlamentspräsident Martin Schulz bei einem Gipfeltreffen.
Eine Alternative wäre die Schaffung einer unabhängigen Krim-Liga. Ein solches Modell gibt es bereits in Abchasien, wo ein vom größten Teil der Welt nicht anerkannter Staat eine eigene Meisterschaft ins Leben gerufen hat.
Gazprom-Liga ante portas?
Zu welcher Entscheidung sich die Gremien der Verbände auch immer durchringen – sie könnte das Ende der ukrainischen Premjer Liha in ihrer jetzigen Form bedeuten. Denn was passiert, wenn Vereine wie Schachtar Donezk ebenfalls an der russischen Liga teilnehmen wollen? Momentan sind 14 von 32 Klubs der ersten und zweiten ukrainischen Liga im Osten des Landes beheimatet. Gebiete wie das Donbass-Becken und der Bezirk Charkiw haben große russische Minderheiten, sie waren Schauplätze pro-russischer Demonstrationen und gewalttätiger Auseinandersetzungen.
Im Extremfall könnte die Entscheidung über die Krim-Klubs zu den größten strukturellen Veränderungen im osteuropäischen Fußball seit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 führen. Und auch kommerzielle Interessen spielen dabei eine Rolle: Laut Berichten der russischen Zeitungen Sport Express und Sowjetski Sport hegt der Energiekonzern Gazprom schon länger den Traum einer Liga mit Teilnehmern aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Die Ereignisse in der Ukraine könnten zum unfreiwilligen Wegbereiter einer solchen Entwicklung werden. Ob Gazprom damit glücklich wäre, ist allerdings eine andere Frage. Denn wichtige ukrainische Vereine wie Dynamo Kiew oder Dnipro Dnipropetrowsk würden in dieser Liga sicher nicht mitspielen.
David McArdle und Manuel Veth betreiben das Onlineportal futbolgrad.com, das sich mit dem Fußball in den ehemaligen Sowjetrepubliken beschäftigt. In ihren Blogbeiträgen und Hintergrundberichten knüpfen sie Querverbindungen zu historischen und politischen Entwicklungen in den jeweiligen Ländern.