Livespiele sind ab dieser Saison fast ausschließlich im Pay-TV zu sehen, eine Fernsehliga werde die Bundesliga deswegen aber nicht, sagt Christian Ebenbauer. der Bundesliga-Vorstand spricht im Interview über Fernsehmillionen, Kollektivstrafen und seinen Traum von vollen Stadien.
In Russland hat gerade die WM begonnen, die Bundesliga-Spieler sind noch im Urlaub, und der Transfermarkt ist noch nicht in der heißen Phase. Man könnte also meinen, dass die Bundesliga Mitte Juni ruhigere Zeiten erlebt, wären da nicht die Vorbereitungen auf das neue Ligaformat und die Rechtsstreitigkeiten über die Zugehörigkeit zur reformierten Liga. Zunächst erhielt der TSV Hartberg erst nach dem Spruch des Schiedsgerichts die Lizenz für die höchste Spielklasse, nun hat auch der SC Wiener Neustadt gegen die Wertung der Relegationsspiele Protest eingelegt. Sechs Wochen vor Saisonbeginn ist noch nicht definitiv geklärt, wer an der höchsten Liga teilnehmen wird. Bundesliga-Vorstand Christian Ebenbauer bemüht sich um Gelassenheit. „Wir leben in einem Rechtsstaat, die Klubs haben die Möglichkeit, diese Rechtswege zu bestreiten“, sagt er. „Ich kann das auch nachvollziehen, es geht im Fußball um sehr viel.“ Das trifft vor allem für die höchste Spielklasse zu, denn ab der kommenden Saison werden unter den zwölf Klubs so viel Fernsehgelder verteilt wie noch nie. 34 Millionen soll dem Pay-TV-Sender Sky das Rechtepaket pro Jahr wert sein.
ballesterer: Ab der kommenden Saison ändert sich die TV-Vermarktung der Bundesliga. Sky besitzt die Rechte exklusiv, die Liga bekommt wesentlich mehr Geld. Ist das neue Format eine Fernsehliga?
Christian Ebenbauer: Eine Fernsehliga? Das hoffe und will ich auch nicht. Um ehrlich zu sein, wundert mich die Frage auch. Davor sind die Spiele ja auch schon im Fernsehen gelaufen. Man könnte genauso gut argumentieren: Nachdem es kaum noch Bundesliga-Spiele im Free-TV gibt, müssen die Leute wieder mehr ins Stadion gehen.
Mit den Play-offs und den Entscheidungsspielen gibt es aber einen Modus, der sehr fernsehkompatibel ist.
Natürlich ist es für Sky angenehm, das in dieser Art vermarkten zu können. Der Aufbau der Finalphase, also Qualifikationsgruppe am Samstag, Meistergruppe am Sonntag, ist für die Medien klarerweise wünschenswert.
Der Fernsehvertrag hat eine substanzielle Steigerung der Erträge gebracht. Den von Ihnen gewünschten Wettbewerb zwischen verschiedenen Anbietern hat es aber nicht gegeben. Sind Sie darüber enttäuscht?
Definitiv, ja. Wir haben viel vorgearbeitet und versucht, den Wettbewerb zu forcieren. Den hat es schlussendlich nicht gegeben. Vor diesem Hintergrund bin ich mit dem Ergebnis, das wir erzielt haben, sehr zufrieden.
Warum gibt es den Wettbewerb nicht?
Das hat verschiedene Gründe. Einerseits ist in Österreich die Bereitschaft, für Content zu bezahlen sehr niedrig. Das gilt nicht nur für den Sport, sondern auch bei Paywalls von Zeitungen. Als Bundesliga ist uns aber auch bewusst, dass es größere Ligen am Markt gibt, bei denen die internationalen Player ein Wettbieten veranstalten. Amazon hat gerade 20 Spiele der Premier League gekauft. Es überrascht mich nicht, dass die nicht auch bei uns investieren. Bei DAZN hat mich das aber schon gewundert. Die sind im deutschen Sprachraum sehr aktiv, haben sich aber nicht um unsere Rechte bemüht.
„In Dänemark sind die Erträge höher, aber dafür ist dort kein einziges Spiel parallel angesetzt. Klar brauchen wir mehr Wettbewerb, aber wenn die Anbieter dann derartige Dinge verlangen, bin ich froh über das, was wir hier geschafft haben.“
In Österreich ist der Anteil der TV-Einnahmen an den Klubbudgets im europaweiten Vergleich relativ niedrig. Ändert sich das jetzt?
Ich schätze, der Anteil wird von 13 auf 20 Prozent anwachsen. Aber damit liegen wir bei Weitem noch nicht im Spitzenfeld. Wir müssen uns auch die Frage stellen, ob wir das überhaupt wollen. In Dänemark sind die Erträge aus den Vermarktungsrechten höher, aber dafür ist dort kein einziges Spiel parallel angesetzt. Klar brauchen wir mehr Wettbewerb, aber wenn die Anbieter dann derartige Dinge verlangen, bin ich froh über das, was wir hier geschafft haben. Die Anstoßzeiten sind sogar fanfreundlicher geworden. Es wird nur Samstag und Sonntag gespielt. Im Sommer wird durchwegs um 17.00 Uhr angepfiffen, ab Mitte September wird es am Sonntag zwei Partien um 14.30 Uhr geben. Dieser Regelbetrieb ist uns wichtig. Es kann nicht sein, dass immer wieder kurzfristig an den Anspielzeiten herumgedoktert wird.
Aber statt einem gibt es jetzt drei Spiele am Sonntag.
Das war ein Kompromiss. Für die organisierten Fans ist der Samstag sicher optimal, da können sie stressfrei auswärtsfahren. Und aus ihrer Sicht ist auch unverständlich, warum es im Frühjahr noch immer drei Spiele am Sonntag braucht. Im Regelfall spielt keiner unserer Vereine so lange im Europacup. Aber es gibt eben unterschiedliche Interessen, und die gilt es, fair zu berücksichtigen. Das ist uns aus meiner Sicht gut gelungen.
In der deutschen Bundesliga gibt es seit der vergangenen Saison Montagsspiele. Sie haben sich immer dagegen ausgesprochen. Warum eigentlich?
Uns sind die Interessen der Stadionzuschauer wichtig. Am Sonntag kann man eine Auswärtsfahrt noch irgendwie organisieren, am Montag geht das nicht. In vielen Branchen ist der Montag außerdem der arbeitsreichste Tag der Woche, da würden wir uns auch schwer tun, die Längstribünenfans anzusprechen.
Die Fernsehgelder werden laut dem letzten UEFA-Benchmarking-Report nirgends so gerecht verteilt wie in Österreich. Wie stark wird sich das mit dem neuen Verteilungsschlüssel ändern?
Ich denke, dass wir immer noch unter den ersten drei sein werden. Unser Ziel ist es, dass der Letzte auch in Zukunft mindestens die Hälfte des Betrags bekommt, den der Klub hat, der das meiste Geld aus den zentralen Einnahmen lukriert.
20 Prozent werden künftig in Abhängigkeit von den Zuschauerzahlen verteilt. Läuft das nicht diesem Ziel entgegen?
Es gibt die Kritik, dass der Verteilungsschlüssel Rapid bevorzugt. Aber ich halte das für ein sehr wichtiges Anreizsystem. Die Klubs müssen sich überlegen, wie sie mehr Zuschauer ins Stadion bringen können. Wir können ohnehin nicht alles nivellieren. Unsere Topklubs können in einer guten Saison mit den europäischen Geldern so viel verdienen, dass wir das nicht ausgleichen können. Nehmen wir an, ein Verein wird dreimal in Serie Meister und spielt jedes Jahr Champions League. Selbst wenn der in der Gruppenphase sieglos ausscheidet, bekommt er immer noch 20 Millionen. Das ist das Vierfache vom Budget eines Nachzüglers. Da können wir nicht dagegenhalten.
„Wir können die Mittel, die uns zur Verfügung stehen, möglichst solidarisch verteilen.“
Was bleibt da der Liga noch?
Wir können die Mittel, die uns zur Verfügung stehen, möglichst solidarisch verteilen. Darüber hinaus können wir die Entwicklung von Klubs über Fördermöglichkeiten wie den Infrastruktur- und Sicherheitstopf unterstützen oder durch die Einführung des einheitlichen Ligaballs für die Bundesliga und die zweite Liga die sportliche Fairness erhöhen.
Wenn die Bundesliga nicht mehr im Free-TV zu sehen sein wird, bringt das mehr Geld, aber auch weniger Sichtbarkeit. Ganz unabhängig von den Einnahmen – ist es für den Fußball klug, solche Barrieren zu schaffen?
Diese Entwicklung ist fast unabwendbar gewesen. Wenn man Fußball als Wirtschaftsfaktor sieht, wenn man international wettbewerbsfähig sein will, muss man mit den medialen Rechten Geld verdienen. Free-TV-Partner haben bei Weitem nicht dieselben finanziellen Möglichkeiten wie Pay-TV-Partner. Ob wir gewollt hätten oder nicht, es hat auch gar keine Möglichkeit gegeben, über eine Fortführung des bestehenden Szenarios mit einem Livespiel im Free-TV pro Runde und allen weiteren im Pay-TV nachzudenken. Es hat kein adäquates Angebot gegeben.
Das war jetzt eine pragmatische Antwort, aber die Frage ist ja grundsätzlicher: Wann und für wen soll Fußball wie zugänglich sein?
Informationen und Highlights von allen Spielen müssen für alle zugänglich sein, aber nicht alle Livespiele. Das ist wirtschaftlich nicht mehr machbar. Dass alles automatisch frei verfügbar ist, wäre natürlich schön – in einer perfekten Welt.
Sie haben den Unmut über Bezahlschranken in Österreich schon erwähnt. Was kann Fans vom Kauf eines Abos überzeugen?
Das muss jeder nach seinen Interessen entscheiden. Will ich das Spiel live sehen, oder warte ich auf Montag, wenn es auf der Website meines Klubs gezeigt wird? Es ist ja nur in einem kleinen Zeitfenster nicht möglich, das Spiel zu sehen. Das ist in vielen anderen Bereichen auch so: Auch Liebhaber von klassischer Musik können ein kostenpflichtiges Portal mit Liveübertragungen von Opern buchen.
Sehen Sie für Sky und die Bundesliga einen Wettbewerbsnachteil gegenüber den Angeboten anderer Sender wie DAZN, die ums selbe oder weniger Geld europäische Topligen zeigen?
Wir haben mit Sky eine Vereinbarung geschlossen und darauf gepocht, dass wir in Konkurrenz mit anderen Anbietern zum Bundesliga-Start auf ein attraktives Preiskonzept hoffen. Nicht zuletzt auch wegen der Kundenzahlen, die Sky erreichen will. Es stimmt, dass DAZN sehr günstig ist. Mich wundert auch, wie sich das wirtschaftlich ausgeht.
Das vollständige Interview gibt es in der Printausgabe des ballesterer (Nr. 133 August 2018) zu lesen. Die Ausgabe könnt ihr hier bestellen.