Die Sprechchöre der Fans sind an diesem bewölkten Aprilnachmittag bereits aus der Ferne nicht zu überhören – „Siamo tutti antifascisti“ und „Fuck the Premier League“ hallt es durch Walthamstow im Nordosten von London. Der Weg von der Busstation zur Sportanlage führt vorbei an kleinen Feldern und wildwuchernden Wiesen. Vor der über die Jahre schon etwas rostig gewordenen Drehkreuzanlage bildet sich wenige Minuten vor Anpfiff eine kleine Schlange; aus dem angrenzenden, zur Bar umfunktionierten Wellblechcontainer wird fleißig Bier ausgeschenkt. Es ist Spieltag in der Essex Senior League, der neunthöchsten Leistungsklasse im englischen Fußball. Der Clapton FC, der derzeit im Tabellenmittelfeld liegt, gastiert beim Abstiegskandidaten Wadham Lodge.
Boykott der Ultras
Wären da nicht die von den „Clapton Ultras“ mitgebrachten Banner, würde nur wenig auf die aktuelle Krise beim 1877 gegründeten Verein hinweisen. Doch die Botschaften „Der Clapton FC gehört seinen Fans“ und „Fuck McBean Football“ sprechen eine deutliche Sprache: Das Tuch zwischen den aktiven Fans und der Klubführung unter Präsident Vince McBean ist zerschnitten. Schon ein Jahr zuvor hatten die Ultras in einem Spendenaufruf gewarnt: „Die Zukunft des Clapton FC ist ernsthaft in Gefahr.“ Mit Beginn der Saison 2017/18 startete die Fanszene der „Tons“ einen Heimspielboykott. Den Auslöser lieferte ein Streit um das Stadion des Vereins, den Old Spotted Dog Ground. Seit mehr als einem Jahr versucht McBean, die gemeinnützige Stiftung, die das Stadion verwaltet, aufzulösen. Angeblich habe sie Schulden in Höhe von etwa 200.000 Pfund angehäuft. Die organisierten Fans vermuten hinter den Liquidationsbestrebungen allerdings den Versuch McBeans, die alleinige Kontrolle über das Grundstück zu erlangen. Das könnte den Verkauf des Geländes an Immobilienspekulanten ermöglichen und damit das Ende des Sportbetriebs auf dem ältesten Fußballplatz Londons bedeuten.
Du Wei hat seit zweieinhalb Jahren kaum ein Spiel des Clapton FC versäumt, der 33-Jährige ist bei den Ultras für Pressekontakte verantwortlich. „Die Situation ist paradox“, sagt er in der Halbzeitpause. „Das ist unsere bisher größte Herausforderung: Wir wissen nicht, ob und wie wir wieder auf unseren Platz zurückkehren werden. Andererseits können wir stolz auf uns sein. Wir haben viele gemeinnützige Aktivitäten gesetzt und sind auswärts stets mit einer Rekordzahl an Fans unterwegs.“ Mit 248 Zuschauern brechen die Clapton-Fans heute auch den Saisonrekord auf der Anlage des Gastgebers Wadham Lodge. Im Oktober waren es sogar 785 zahlende Fans, die das Derby mit dem Hackney Wick FC verfolgten – eine historische Bestmarke für den Ligarivalen. Gleichzeitig verzeichnete der Clapton FC bei Heimspielen aufgrund des Fanboykotts einen Rückgang der Zuschauerzahlen um 88 Prozent. „Warum sollten wir jemandem Einnahmen verschaffen, der unser Stadion verkaufen möchte?“, fragt Du Wei.
Organisierter Widerstand
Der aktuelle Konflikt stellt den Höhepunkt im angespannten Verhältnis zu Vereinsboss McBean dar. Das Vertrauen in die Klubführung hatten die Fans allerdings schon vor längerer Zeit verloren. Die „Clapton Ultras“ wurden 2012 gegründet, sie suchten im kommerzialisierten englischen Profifußball nach einer leistbaren und weniger reglementierten Alternative – „einen lokalen Klub mit Stehplätzen, wo du zum Beispiel auch ein Bier trinken und gemeinsam mit den Fans der Gegner feiern kannst“, wie Du Wei sagt. Mit dem im Ostlondoner Bezirk Newham beheimateten Clapton FC fiel die Wahl auf einen Verein, der zwar auf eine lange Tradition zurückblickt, jedoch nur ein paar dutzend Zuschauer zu seinen Spielen locken konnte. Ein Jahr nach der Gründung der „Clapton Ultras“ kamen erstmals wieder mehr als 100 Fans zu einem Heimspiel.
Mit dem Zuschauerinteresse wuchs auch die Zahl der kritischen Fragen an das Klubmanagement. Die Fans beklagten, dass die Ticketeinnahmen – in der Saison 2015/16 immerhin umgerechnet rund 45.000 Euro – nur unzureichend in den Verein investiert wurden. „Der Zustand des Platzes war unverändert schlecht“, sagt Du Wei. „In den Duschen für die Auswärtsteams hat es lange nicht einmal heißes Wasser gegeben.“ Zudem verhinderte Eigentümer McBean die Versuche der Fans, dem Verein als Mitglieder beizutreten. Dies führte dazu, dass die Faninitiative „Friends of Clapton“ 2013 damit begann, Diskussionen um die Neugründung eines offenen, demokratisch geführten Klubs anzustoßen. Gemeinsam mit den Vereinsmitgliedern auf Lebenszeit, – der älteste ist 84 Jahre alt –, wurden in Form des „Real Clapton FC“ Strukturen für eine Wiedergeburt des Traditionsvereins geschaffen. Das Ziel war ein Klub, in dem Mitglieder wieder aktiv an der Vereinspolitik und Entscheidungsprozessen teilhaben können, wie die Initiative in einem Statement schreibt.
Im November 2016 eskalierte der Konflikt erstmals. McBean hatte die Eintrittspreise für den Old Spotted Dog ohne Vorankündigung um ein Pfund erhöht. Die Fans sahen sich zudem mit neu engagiertem Sicherheitspersonal und Leibesvisitationen konfrontiert. Die Maßnahmen, so der Klubchef, seien eine notwendige Reaktion auf Fehlverhalten von Fans: Wegen des Zündens von Pyrotechnik waren Strafen gegen Clapton ausgesprochen worden. Die „Clapton Ultras“ antworteten mit einem ersten Boykott der Heimspiele. „Newham ist eine recht arme Gegend. Für arbeitslose und auf Sozialhilfe angewiesene Fans war die Preiserhöhung ein echtes Problem“, sagt Du Wei. „Für viele Menschen hier ist der Matchbesuch die einzige Unterhaltung unter der Woche. Außerdem wollten wir den arroganten, völlig respektlosen Umgang von McBean nicht mehr akzeptieren.“ Der Boykott war von Erfolg gekrönt: Nach mehreren Monaten willigte die Vereinsführung ein, die Preise nur um die Hälfte anzuheben und faire Ermäßigungen anzubieten.
Bedrohte Heimstätte
Doch die Entspannung war nur kurz, das Hauptproblem blieb. Als im März 2017 die gemeinnützige Stadionverwaltung die freiwillige Liquidation beantragte, sahen die Fans dahinter die Hand des Stiftungsvorsitzenden Vince McBean. Wird die Stiftung aufgelöst, könnten einige Vermögenswerte für die Schuldenbegleichung verkauft und der Rest – inklusive des Fußballplatzes – an McBean übertragen werden. Damit droht der Verlust des Old Spotted Dog. Das Grundstück ist zwar als Sportstätte gewidmet, doch Erfahrungen zeigen, dass Immobilienfirmen einfach so lange zuwarten, bis die lokale Verwaltung einer Umwidmung zustimmt und bauen lässt.
Dagegen kämpfen die aktiven Fans seither an, mit Zwischenerfolgen aber auch Rückschlägen: Im April 2017 konnte das eingeleitete Liquidationsverfahren per einstweiliger Verfügung gestoppt werden. Die für gemeinnützige Einrichtungen zuständige Aufsichtsbehörde müsse erst einen Tätigkeitsbericht über die Stiftung vorlegen, hieß es vom Gericht. Im Mai 2017 gelang es den Fans, die Sportanlage als Asset of Community Value, also als Grundstück mit besonderem Wert für die Gemeinde, eintragen zu lassen. Damit verfügt die Kommune über ein Vorkaufsrecht und hätte sechs Monate Zeit, um genügend finanzielle Mittel aufzustellen, bevor ein Verkauf an Dritte vollzogen werden kann. Im Oktober 2017 wurde von einem Kreditgeber jedoch ein weiteres Liquidationsverfahren beantragt und von den zuständigen Gerichten genehmigt. Die Zukunft des Old Spotted Dog ist vom Ausgang dieses Verfahrens sowie den Ergebnissen des bisher unveröffentlichten Untersuchungsberichts der Aufsichtsbehörde abhängig.
Lokaler Support
Die „Clapton Ultras“, die neben Pyrotechnik auch antifaschistische Botschaften mit auf den Platz bringen, waren derweil nicht überall gern gesehene Gäste. Der Metropolitan Police FC etwa bescheinigte ihnen ein unakzeptables Verhalten bei Auswärtsfahrten und erwirkte im Dezember ein Anreiseverbot für das Spiel in East Molesey. „Mit der überwältigenden Mehrheit der Vereine in unserer Liga pflegen wir jedoch ein gutes Verhältnis“, sagt Du Wei.
Auch am heutigen Nachmittag sind die Ultras willkommen. Am Sportplatz des Wadham Lodge FC ist die sportliche Entscheidung gefallen. Die beiden Teams trennen sich 1:1, die Clapton-Spieler werden nach Schlusspfiff von den Fans ausgiebig gefeiert. Auf dem Rückweg kommen wir mit dem 59-jährigen Elias ins Gespräch. „Es ist eine Schweinerei“, sagt er über den aktuellen Konflikt. Gleichzeitig betont „Les“, wie ihn seine Freunde nennen, dass der drohende Verlust der Heimstätte als Teil einer breiteren Entwicklung gesehen werden muss. „Wo auch immer du ein unbebautes Grundstück findest, wird es jemanden geben, der damit Profit machen möchte“, sagt er. „Das ist London. Wir haben es hier mit sozialer Säuberung zu tun. Der Anteil an Sozialwohnungen ist drastisch reduziert worden. Die Menschen werden über die Mietpreise aus den Gegenden gedrängt, in denen sie aufgewachsen sind.“
Die große Bedeutung, die die lokale Bevölkerung der historischen Sportanlage beimisst, zeigt sich auch wenige Tage später im Stadtteilzentrum Durning Hall, unweit des Old Spotted Dog. Die Fans des Clapton FC haben zu einem öffentlichen Treffen eingeladen, um über die nächsten Maßnahmen zu diskutieren. Statt der erwarteten 30 sind mehr als 100 Menschen gekommen. Viele davon sind besorgte Anrainer. Auch Fans der Klubs Dulwich Hamlet und Leyton Orient, die in der Vergangenheit mit ähnlichen Problemen konfrontiert waren, zeigen ihre Solidarität. Die Stimmung ist vorsichtig optimistisch. Die Anwesenden entschließen sich, eine Petition für die Rettung des Platzes zu starten, um zusätzlichen Druck auf die Behörden auszuüben. In den kommenden Wochen wird sie von mehr als 1.700 Personen unterzeichnet werden.
Neustart in der elften Liga
Die breite Solidarität für die Erhaltung der Heimstätte ändert nichts an der autoritären Führung und unsicheren Zukunft des Vereins. Nach Saisonende erklären die Jugendteams des Clapton FC, den Klub zu verlassen. Auch die aktiven Fans entscheiden sich, die Reißleine zu ziehen. Im Juni 2018 geben sie den endgültigen Bruch mit McBean bekannt und verkünden die Gründung eines Fußballklubs, der das sein soll, was sie sich vom Clapton FC erhofft haben – ein Verein im Besitz seiner Fans und Mitglieder. Der Clapton Community Football Club getaufte und aus den Strukturen des „Real Clapton FC“ hervorgehende Klub, so heißt es im Gründungsstatement, soll das Erbe eines der ältesten Londoner Fußballklubs erhalten, offen für alle und mit Transparenz und Inklusivität als grundlegenden Werten.
Die Spiele des Clapton CFC, der im September in die elftklassige Middlesex Counties League einsteigt, werden vorübergehend in Walthamstow ausgetragen, auf der Anlage des Wadham Lodge FC. Als Spielertrainer konnte der ehemalige Clapton-Kapitän Geoff Ocran gewonnen werden, und auch die kürzlich neu gewählte Labour-Bürgermeisterin im Bezirk Newham hat ihre Unterstützung zugesichert. „Innerhalb eines Monats seit der Gründung hat es bereits mehr als 170 Mitgliedsanträge gegeben“, sagt Kevin Blowe, der 50-jährige Kassier des Clapton CFC. Bis zum Saisonbeginn sollen es knapp 400 Mitglieder werden, so seine Zielsetzung. Der Kampf um die Rettung des Old Spotted Dog, auf den der Klub zurückkehren möchte, ist damit zwar weiterhin keineswegs gewonnen. Doch die Clapton-Fans können in Zukunft wieder selber entscheiden, wie ihr Verein geführt wird.