An diesem Abend hätte Thierry Henry unsterblich werden können. Der Arsenal FC führt im Champions-League-Finale gegen den FC Barcelona 1:0, und das in Unterzahl, denn Tormann Jens Lehmann ist nach 18 Minuten im Stade de France vom Platz geflogen. In der 69. Minute bekommt Henry den Ball an der Seitenlinie. Mit seinem Antritt versetzt er Carles Puyol, der ins Leere rutscht. Henry nimmt Tempo auf, er überspielt auch den zweiten Innenverteidiger Rafael Marquez. Wie Schulbuben wirken die Stars der Katalanen. Henry zieht von halblinks aufs Tor. Doch dann passiert ihm etwas, das ihm sonst nie passiert. Er legt sich den Ball zu weit vor. Victor Valdes muss ihn nur noch aufheben. Sieben Minuten später gleicht Samuel Eto’o für Barcelona aus, in der 80. Minute legt abermals Henrik Larsson auf, diesmal trifft der eingewechselte Juliano Belletti zum 2:1. Statt im Nationalstadion seines Heimatlandes zu feiern, schleicht Henry nach dem Spiel minutenlang neben Arsene Wenger über das Feld.
Der Abend hätte die Krönung werden können. Es ist der erste Finaleinzug für Arsenal im wichtigsten europäischen Bewerb. Die Mannschaft rund um Henry, Robert Pires, Dennis Bergkamp und Fredrik Ljungberg hat in den letzten Jahren auf nationaler Ebene alles gewonnen – zwei Meisterschaften und drei Cuptitel. In der Saison 2004/05 haben sie in der Liga kein Spiel verloren und vielleicht einen Rekord für die Ewigkeit aufgestellt. Und Thierry Henry ist der Dreh- und Angelpunkt dieses Teams. Er ist in Wengers Kollektiv der Vollstrecker. Oft scheint er durch die gegnerische Hälfte zu schlendern, ohne große Eile und ohne Ball. Dann kommt der Pass, Henry beschleunigt und hat innerhalb weniger Sekunden eine halbe Mannschaft überspielt. Alleine vor dem Tor schießt er meistens unhaltbar ins lange Eck. Eiskalt, präzise und Teil eines funktionierenden Gefüges – das ist Henry bei Arsenal. Er bietet den Fans beste Unterhaltung und so viele Tore wie kein anderer Spieler in der 132-jährigen Geschichte des Klubs. Henry wirkt lässig, sein Spiel leicht, doch dahinter steckt nicht nur Talent, sondern viel Disziplin. „Ich bin kein geborener Stürmer“, sagte er kurz vor dem Ende seiner Spielerkarriere dem Magazin Blizzard. „Alles, was ich bin, habe ich mir hart erarbeitet.“
Der Neuner
Doch es hätte auch ganz anders kommen können. Im Frühjahr 1999 treffen sich Henry und Arsene Wenger – zufällig, wie es scheint. Henry hat mit Juventus gegen Udinese gespielt, sie sitzen danach beide im Flugzeug nach Paris. „Der Boss ist beim Spiel gewesen. Ich weiß nicht, wen er beobachtet hat, aber er war da“, sagt Henry später in einem Interview. Wenger ist seit 1996 bei Arsenal, Henry kennt er von früher. Am 31. August 1994 hat er ihm zu seinem Profidebüt bei der AS Monaco verholfen, rund zwei Wochen später wird Wenger entlassen. Henry spielt sich in die Stammelf, er wird mit Monaco 1997 Meister und sichert sich einen Platz im französischen WM-Kader von 1998.
Doch der Spieler, den Wenger 1999 trifft, hat nicht mehr viel mit dem dreifachen WM-Torschützen zu tun. Monaco will Henry – ebenso wie die zwei anderen Weltmeister Fabien Barthez und David Trezeguet – nach dem Turnier unbedingt halten, ein Angebot von Arsenal lehnt der Klub ab. Der Herbst 1999 ist ein Tiefpunkt in Henrys Karriere. Er überwirft sich mit Trainer Jean Tigana und verliert seinen Stammplatz. Das letzte Spiel für das Nationalteam absolviert er im September 1998, danach schickt ihn der neue Teamchef Roger Lemerre zur U21. Als Frankreich im Februar 1999 ein Testspiel in England 2:0 gewinnt, schießt ein anderer die Tore: Arsenal-Stürmer Nicolas Anelka.
Im Jänner 1999 verlässt Thierry Henry Frankreich und wechselt zu Juventus in die Serie A. Der 21-Jährige unterzeichnet einen Vertrag über viereinhalb Jahre, der Wechsel überrascht die Öffentlichkeit, auch Vater Tony soll erst in der letzten Minute davon erfahren haben. Es hätte ein Befreiungsschlag sein können, doch es funktioniert nicht. Juventus liegt auf Platz neun, der Meistertitel ist weit entfernt. Im Februar kommt Carlo Ancelotti für Trainer Marcello Lippi, an Henrys Grundproblem ändert das nichts: Er passt nicht ins System. „Ich werde am Flügel spielen wie in Monaco, entweder links oder rechts“, hat er vor dem Wechsel gesagt. „Aber die Leute sollten nicht jede Menge Tore von mir erwarten.“ Vielleicht hört Wenger in London diese Worte und schüttelt lächelnd den Kopf. Er weiß es besser.
Juventus ist Juventus, dort wird erwartet, dass Henry auch nach hinten arbeitet. Er bekommt seine Einsätze, trifft ab und zu, hinterlässt aber keinen bleibenden Eindruck. Sportdirektor Luciano Moggi plant bereits ein Leihgeschäft, doch dann kommt es zu dieser zufälligen Begegnung im Flugzeug. Auf dem Weg nach Paris bekommt Henry von seinem früheren Trainer drei Dinge: einen Rat, ein Versprechen und eine Telefonnummer. „Er hat mir gesagt: ‚Du verschwendest deine Zeit auf dem Flügel. Du bist ein Neuner‘“, erinnert sich Henry. „Und dann: ‚Wir sollten uns wieder treffen.‘ Der Rest ist Geschichte.“
Den gesamten Artikel gibt es in der Printausgabe des ballesterer (Nr. 136 November 2018) zu lesen. Die Ausgabe könnt ihr hier bestellen.