Die Wolken hatten sich verzogen über dem Stadion, als die Luftballone nach oben stiegen und über den Atlantik wehten. Auf jedem von ihnen war der Name des Kapitäns geschrieben, Ryan McBride, gestorben im Alter von 27 Jahren, am 19. März 2017, keine 24 Stunden nach einem Sieg seines Teams Derry City in der irischen Liga. Der Abschied vom Kapitän fand zwei Wochen später statt, und es passt zu dem Klub, dass McBride nicht im heimischen Brandywell-Stadion gedacht wurde, von dem er nur einen Steinwurf entfernt gewohnt hatte, sondern über der Grenze, in der Republik Irland, in Derrys Ausweichstadion in Buncrana, am Rande der Insel.Und der Applaus an diesem Abend galt nicht einzig dem kürzlich Verstorbenen: In den vorangegangenen Monaten war der ehemalige Stürmer Mark Farren einem Gehirntumor erlegen, der 20-jährige Stürmer Josh Daniels hatte bei einem Autounfall Mutter, Schwester, Schwager und zwei Neffen verloren, der prominenteste Fan des Klubs, der frühere nordirische Ministerpräsident Martin McGuinness, war verstorben und in derselben Woche wie Ryan McBride auch die Frau des Präsidenten.Einer, der diese dramatische Zeit bei Derry City als Spieler erlebt hat, ist Lukas Schubert. Der 28-jährige Salzburger kam 2016 von Grödig nach Nordirland. „Hier gehen die Leute ganz anders mit dem Tod um als in Österreich”, sagt er. „An dem Sonntag, an dem Ryan gestorben ist, waren wir um elf Uhr am Abend bei seinem Vater im Haus, er hat uns zum Bett geführt, und da ist er gelegen, ich habe ihn noch gesehen. Am nächsten Tag war er mit dem Trikot im offenen Sarg aufgebahrt. Die Freunde und Verwandten sind zusammengebrochen und wollten ihn wieder aufwecken, bis die Vereinsoffiziellen dazwischengegangen sind. Das waren Szenen, die ich nie vergessen werde.“
Ausgestoßen
Die Geschichte des Vereins Derry City ist nicht gerade arm an drastischen Vorfällen. Wie sollte es auch anders sein bei einer Mannschaft, die sich 1928 in dem überwiegend von Katholiken bewohnten Gebiet der Bogside in Derry gründete und schon mit der Wahl des Namens ihre Distanz von den britischen Herrschern über Nordirland festmachte, die die Stadt seit jeher „Londonderry“ nennen. Dennoch spielte City über mehrere Jahrzehnte in der nordirischen Liga, mehr gelitten als gewollt vom protestantisch dominierten Verband IFA. Das fragile Verhältnis zerbrach vollends, als mit den Auseinandersetzungen Ende der 1960er Jahre britische Truppen auch in Derry einmarschierten und die Gegend um das Stadion zu einem der prominentesten Orte der „Troubles“ wurde. Die Bewohner des Viertels proklamierten mit „Free Derry“ ein von Polizei und Militär freies Gebiet, doch im Jänner 1972 erschoss am „Bloody Sunday“ eine Abteilung der britischen Armee bei einer friedlichen Demonstration 14 Zivilisten, nur wenige hundert Meter vom Stadion entfernt.
Zu dieser Zeit war Derry City bereits seit einigen Monaten von der Polizei und dem Verband dazu gezwungen worden, seine Heimspiele im 50 Kilometer entfernten Coleraine auszutragen. Doch die Fans hatten wenig Lust, Woche für Woche in politisches Feindesland zu reisen. So stellte Derry vor Beginn der Meisterschaft 1972 den Antrag, wieder in sein angestammtes Viertel zurückzukehren. Der Verband hielt an seiner Entscheidung fest. Der Klub weigerte sich daraufhin, weiter an der Liga teilzunehmen, in der nun nur noch ein Team aus einer überwiegend von Katholiken bewohnten Gegend übriggeblieben war. Auf die Frage, ob ihm bei seiner Ankunft in Derry die Funktionäre von diesen Spannungen berichtet hätten, sagt Lukas Schubert: „Das braucht dir nicht vermittelt werden, das bekommst du einfach mit. Man hört auch nie jemanden das Wort ‚Londonderry‘ sagen. Und wenn du jemanden im Verein oder von den Fans fragst, zu welchem Nationalteam sie halten, kommt nie die Antwort ‚Nordirland‘ oder ‚England‘.“
Es sollte 13 Jahre dauern, bis eines der beliebtesten Teams Nordirlands wieder an einem Ligabetrieb teilnehmen konnte. Nachdem die IFA Jahr für Jahr Derrys Wunsch nach einer Teilnahme im eigenen Stadion abgelehnt hatte, wandte sich der Verein 1985 an den Verband der Republik Irland, der den Klub in die dortige zweite Liga aufnahm. Der positive Nebenaspekt: Die den Bewohnern der Gegend um das Brandywell-Stadion verhasste nordirische Polizei RUC blieb den Spielen fern, ein Umstand, den sogar die UEFA bei Europacupspielen akzeptiert.
Alleine gelassen
Die irische Liga wird im Ganzjahresmodus ausgetragen, bis zu jenem 19. März 2017 hatte Derry alle seine vier Partien gewonnen. Doch nach McBrides Tod, über dessen Ursache nicht in der Presse geschrieben wurde, geriet die Mannschaft völlig außer Tritt – in keinem der nächsten sechs Spiele ging sie als Siegerin vom Platz. „Ryan war als Abwehrchef ein Leader of Men. Dafür hat er nicht viel reden müssen. Er war stark und groß, es gibt in Österreich und selbst in Europa wenige dieser Klasse. In der Luft war er sicher der Stärkste, mit dem ich je gespielt habe. Ohne zu foulen, hat er die gegnerischen Stürmer um drei Meter versetzen können“, sagt Lukas Schubert. „Dann ist es passiert. Das war menschlich sehr schwer zu verarbeiten – und sportlich geht er uns auch wahnsinnig ab.“
Schubert ist in dieser Saison beim Verein geblieben, auch weil ein Auftritt in der Europa League bevorstand. Gegen den dänischen FC Midtjylland durfte er im Retourspiel Anfang Juli zum ersten Mal seit Langem 90 Minuten auf den Platz. 2:10 lautete das Gesamtergebnis des kurzen europäischen Ausflugs. Ob er in der nächsten Saison im neu renovierten Stadion Brandywell noch einmal auflaufen wird? „Derry ist eine zweite Heimat für mich. Ich kann mir einen Verbleib vorstellen.“ Beim Gespräch über die neue Heimstätte kommt Schubert auch wieder auf die Tragik dieser Saison zu sprechen: „Das Haus, in dem Ryan gewohnt hat, liegt direkt neben dem Stadion. Er hätte sicher gerne dort gespielt. Seine Mutter ist vor zwei Jahren an Krebs gestorben. Eine Woche nach seinem Tod war Muttertag – und der Vater ganz allein im Haus.“