Der moderne Fußball kann ganz schön brutal sein. Der Teambus der Boca Juniors geriet wenige Stunden vor dem Copa-Libertadores-Finale bei River Plate in einen Hagel aus Wurfgeschossen und Pfefferspray. Spieler wurden verletzt, Kapitän Pablo Perez musste ins Krankenhaus, andere sollen mit Medikamenten behandelt worden sein, die auf der Dopingliste stehen – der südamerikanische Kontinentalverband musste eine Sondergenehmigung erteilen. Es sollte das einzige Zugeständnis der CONMEBOL bleiben.
Tatsächlich war sich der Verband an diesem 24. November nicht zu blöd, den Anpfiff während seiner Krisensitzungen immer nur ein Stückchen zu verschieben, bevor er sich schließlich zu einer Absage durchrang. Und das obwohl sich Vertreter beider Teams dafür stark gemacht hatten, nicht zu spielen. Den Verbandsfunktionären dürften die bereits abgeschlossenen Werbedeals und die Interessen der TV-Sender wichtiger gewesen sein.
Der Verband machte mit seinem Zögern klar, dass ihm die Gesundheit der Spieler völlig egal ist. Sie gelten ihm wohl als gut bezahlte Clowns einer Show, die nie ausfallen darf. Von ihnen wird auch Stunden nach einem traumatischen Erlebnis die höchste Leistung erwartet. Mit dieser Einschätzung unterscheidet sich die CONMEBOL nicht wesentlich von anderen Verbänden wie der UEFA und Ligen wie der deutschen Bundesliga. Auch die Spieler von Borussia Dortmund mussten nach dem Anschlag 2017 am folgenden Tag spielen, als wäre nichts passiert.
Alle, die geglaubt haben, die skandalerprobte CONMEBOL würde angesichts massiver öffentlicher Kritik in eine tiefe Imagekrise stürzen, haben sich ordentlich getäuscht. Stattdessen begann ein internationales Wettbieten um die Neuaustragung des Finalrückspiels. Genua bewarb sich mit dem romantischen Argument, die Wurzeln der beiden Klubs zu repräsentieren. Doha hätte der Welt zeigen wollen, dass sich Anfang Dezember in Katar hervorragend Fußball spielen lässt, Miami hätte den nordamerikanischen Markt ankurbeln können. Die CONMEBOL entschied sich für die konservativste Variante: Madrid. Ein bedeutenderes Stadion als das des erfolgreichsten Vereins der Welt gibt es schlicht nicht.
Dem Verband sind nicht nur die Spieler völlig egal, sondern auch die Anhänger. Denn durchschnittliche argentinische Fans können sich inmitten einer Wirtschaftskrise nicht so einfach einen Transatlantikflug leisten, nicht einmal, um das Spiel des Jahrhunderts zu sehen. Alles keine Sorgen für die CONMEBOL. Wenn das Schreckgespenst von gewalttätigen Horden durch die Presse wandert, lässt sich ein sozialer Ausschluss problemlos verkaufen.
Statt den Verband in die große Krise zu stürzen, dienten ihm die Ausschreitungen von Buenos Aires also als unverhoffter Marketingcoup. Die zwei Wochen zwischen dem ursprünglichen Spieltermin und der Partie in Madrid wurden nicht dafür genutzt, die Sinnhaftigkeit der Partie infrage zu stellen. Sie boten dem Verband enorme mediale Aufmerksamkeit und einen Fuß in der Tür eines von der internationalen Konkurrenz dominierten Markts. Die prominenten Marken River Plate und Boca Juniors bewiesen zur europäischen Primetime, dass sie weltweit funktionieren.