Am Eingang kontrolliert das Sicherheitspersonal sogar mittels Metalldetektoren. Der Zugang zum „Studio 44“, einer Eventlocation im dritten Bezirk Wiens, wird genau überwacht. Neben Spielern und deren Begleitungen haben ohnehin nur Verantwortliche und Medienvertreter Zutritt. Interessierte können den virtuellen Bundesliga-Kick auf dem Streaming-Portal „Twitch“ und „Sky Sports Austria“ verfolgen. Die multimediale Inszenierung ist hochprofessionell, unzählige Kameras filmen jeden Winkel des Saals und sorgen für Bilder aus allen Perspektiven. Zum zweiten Mal wird der Finaltag einer österreichischen „eBundesliga“-Saison begangen. 15.000 Euro Preisgeld sind ausgelobt.
Alle zwölf Bundesligisten stellen virtuell ein Team. Die eBundesliga ist damit der erste offizielle eSports-Bewerb eines Sportverbandes in Österreich. Um als Spieler seinen Verein vertreten zu können, muss man sich zunächst in einer Online-Qualifikation beweisen. Danach qualifizieren sich die besten Spieler bei den internen Klubwettbewerben für das Finale der eBundesliga. Gespielt wird im „85er-Modus“: Die Werte der einzelnen Teams werden gleichgesetzt und alle Spieler haben die gleichen Fähigkeiten. In der eBundesliga ist die Admira damit genauso so stark wie Red Bull Salzburg. Doch es nicht alles anders als im echten Fußball. Red Bull Salzburg ist der große Favorit auf die Meisterschaft, vor der Saison verpflichteten die Salzburger gleich mehrere Topspieler. Und Vorjahressieger Sturm Graz verlor mit Filip Babic einen wichtigen Spieler an die AS Roma. Babic ist dennoch auch beim Finale der eBundesliga in Wien, um für „Sky“ seine Einschätzungen zum Geschehen auf den Bildschirmen abzugeben.
Die Frage der Sportlichkeit
Seit Jahren kämpft die Gaming-Szene dafür, dass eSports als Sport anerkannt wird. Es geht um die Reputation der Spiele und um ihre Wertigkeit. In einem Interview mit „Brutkasten“ sagte Manuel Haselberger, Pressesprecher des österreichischen eSport-Verbandes ESVÖ: „Für die Anerkennung des eSports allgemein und der Vereine im Speziellen, würde es der Szene in jedem Fall einen großen Aufschwung bringen.“ Es geht um staatliche Förderungen, rechtliche Absicherungen und die Außendarstellung. Der ESVÖ und die eBundesliga sind bemüht, nicht als „nerdig“ wahrgenommen zu werden. „Schon lange dem Hardcore-Segment entwachsen, ist eSport im Bereich der Casual-Games ein fixer Bestandteil der alltäglichen Entertainment-Kultur geworden“, schreibt der Verband auf seiner Webseite.
Doch auch die Spieler selbst fühlen sich zum Teil nicht als Sportler. „Ich sehe es keinesfalls als Sport. Es ist ein Wettkampf, aber es hat nichts mit Sport zu tun, denn da gehört für mich körperliche Betätigung dazu“, sagt Gregor Zuntermann, der beim Finale der eBundesliga für die Admira an der Konsole sitzt. Er sei aber wohl einer der wenigen Spieler, die das so sehen, sagt er. Der 29-Jährige ist einer der erfahrensten Spieler im Bewerb und trat bereits vor zehn Jahren bei Turnieren an. „Die meisten Leute sind nicht dabei geblieben, weil es keine Aussicht gegeben hat, dass man damit etwas erreichen kann“, sagt Zuntermann.
Mittlerweile versuchen die Klubs, dem Trend gerecht zu werden. „eSports ist ein sehr spannender Bereich, mit dem Rapid eine junge Zielgruppe erreicht“, sagt Lorenz Kirchschlager. Er ist stellvertretender Marketingdirektor und gleichzeitig für den Aufbau des Thema eSports beim SK Rapid verantwortlich. Der Verein legt großen Wert darauf, dass die Bindung zum Verein und zum Fußball auch im Rahmen der virtuellen FIFA-Spiele gefördert wird. Kostenlose Stadion- und Museumsführungen für Spieler und Besucher des Klubevents sind ein Teil dieser Bemühungen. „Man reagiert mit relativ geringem Aufwand auf das große Interesse und kann den Verein noch breiter aufstellen“, sagt Kirchschlager. Obendrein schafft man ein weiteres Feld für Sponsoren und profitiert letztlich auch finanziell. Am Trikot des eSports-Teams der Hütteldorfer prangt der Name eines Elektronikkonzerns. In den Vereinbarungen mit den eSportlern sind Werbeauftritte für die Sponsoren geregelt. Auch beim Finalevent sind die Partner und Sponsoren der virtuellen Bundesliga gut im Bild, die Kameras fangen ihre Namen ständig ein.
Deutschland ohne Bayern
Im internationalen Vergleich hat die österreichische Bundesliga mit der eBundesliga jedoch etwas erreicht, was viele andere Ligen nicht geschafft haben. Zwar gibt es in den meisten Ländern eSports-Ligen, in denen das Konsolenspiel FIFA gespielt wird, ein vollständiges, virtuelles Abbild der jeweiligen Liga ist bisher jedoch selten. Als am vergangenen Wochenende der erste Spieltag der deutschen Fifa-Meisterschaft, der VBL Club Championship stieg, fehlten neben dem VfL Wolfsburg, der Fortuna aus Düsseldorf und dem SC Freiburg auch Dortmund und Bayern München. Und das, obwohl die Deutschen Fußball-Liga (DFL) das Format unterstützt. Der BVB kooperiert zwar seit Sommer 2018 mit einer eSports-Plattform, ein Fifa-Team haben die Dortmunder allerdings nicht. Noch 2016 sagte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke über den virtuellen Sport: „Das ist vielleicht modern. Ich finde das komplett scheiße.“
Bei den Bayern gab es bereits Pläne für einen Einstieg in den eSport, bis Präsident Uli Hoeneß sich letztlich doch querlegte. Er reagierte damit auf einstige Pläne der deutschen Regierung, eSports als Sport anzuerkennen. „Es wäre totaler Schwachsinn, wenn der Staat nur einen Euro dazugeben würde. Junge Leute sollen Sport auf dem Trainingsplatz treiben“, sagte Hoeneß auf einer CSU-Veranstaltung.
Schweizer Skepsis
In der Schweiz kommt der Großteil der Kritik hingegen aus den aktiven Fanszenen. Unter dem Motto „eSport dr Stegger zieh“ („eSport den Stecker ziehen“) protestierte die Basler Muttenzerkurve gegen das eSports-Engagement ihres Vereins. Im Spitzenspiel zwischen Young Boys Bern und dem FC Basel sorgten die rivalisierenden Fans mit einer gemeinsamen Protestaktion für eine Spielunterbrechung. Aus dem Berner Fansektor wurden Tennisbälle und Konsolencontroller auf das Spielfeld geworfen, dazu gab es Kritik auf Spruchbändern. In einem Facebook-Eintrag der „Ostkurve Bern“ äußerten sich die Fans zu den Gründen des Protests: „Ein Sportverein soll die Menschen zu mehr Bewegung und sportlicher Betätigung anregen. Fußball ist ein Mannschaftssport und kein Einzelsport.“
Die Abwesenheit von Frauen
Beim Finale der österreichischen eBundesliga spielte mit Katarina Vukoja, die für den SCR Altach antrat, auch erstmals eine Frau. Die 26-Jährige ging sogar als Teamkapitänin ins Turnier. Wie bei der eBundesliga sind Frauen im gesamten eSports-Bereich stark unterrepräsentiert. Insgesamt liegt der Frauenanteil bei unter fünf Prozent – bei FIFA ist der Frauenanteil nochmal deutlich niedriger. Zudem sind Gamerinnen online oft derben Beschimpfungen ausgesetzt. Yvonne Scheer will mehr Mädchen für das kompetitive Gaming begeistern. Sie ist Genderbeauftragte des ESVÖ und beim Finalturnier als Schiedsrichterin, im schwarz-weiß gestreiften Trikot, im Einsatz. In Österreich bekommt man nach Lehrgängen und Schulungen eine Lizenz, um eSports Veranstaltungen leiten zu dürfen. „Die Referees sind eigentlich mehr für die Turnierleitung zuständig“, sagt Scheer. Ebenso unterstützen sie die Spieler bei Problemen mit den Konsolen und achten auf einen fairen Umgang unter den Spielern.
Meister Salzburg
Bei der Bundesliga ist man mit der Entwickung des eSports-Bereichs sehr zufrieden. „Ich bin sehr froh, dass wir diesen Bewerb jetzt zum zweiten Mal durchgeführt haben. Es ist ein wesentlicher Schritt, dass man die digitale Welt mit dem Fußballplatz am Rasen verbindet“, sagt Bundesliga-Vorstand Christian Ebenbauer. Am Ende der zweiten eBundesliga-Saison erinnert die virtuelle Tabelle an die „echte“ Bundesliga: Red Bull Salzburg hat den mit Abstand stärksten Kader und wird wie erwartet Meister.
Am 2. Februar wird beim Einzelbewerb noch der beste Einzelspieler gekürt. Auf den Sieger warten 5.000 Euro Preisgeld. Im internationalen eSports-Geschäft wird längst um vielfach höhere Summen gespielt. Bei der Weltmeisterschaft der FIFA-Spieler im Sommer 2018 ging es um 250.000 Euro, bei anderen Spielen bewegen sich die Beträge mittlerweile im siebenstelligen Bereich. Die österreichische eBundesliga will in diesem wachsenden Business auch in Zukunft mitspielen – und weiter dafür spielen, anerkannt zu werden. „Das wäre natürlich auch aus marketingtechnischer Sicht eine große Aufwertung für eSports“, sagt Zuntermann, der als bester Spieler seines Teams ins Einzelfinale einzieht und mit der Admira den fünften Platz erreicht. Noch gibt es dafür keinen Europacup als Belohnung.