Willibald Ruttensteiner hat als Sportdirektor in Israel ambitionierte Ziele: Er will sein Team unter die Top 30 der FIFA-Weltrangliste bringen, die Nachwuchsförderung verbessern und den Breitensport ankurbeln. Helfen sollen dabei motivierte Spieler, internationale Experten und die richtige Philosophie.
Das Jahr 2019 hat für Willibald Ruttensteiner nicht gerade einfach begonnen. Im Jänner ist Moshe Zuaretz nach wenigen Monaten im Amt als Vorsitzender des israelischen Fußballverbands zurückgetreten. Der Sportdirektor muss jetzt ohne den Mann weiterarbeiten, der sich für seine Verpflichtung stark gemacht hatte. „Ich kann die Gründe seines Rücktritts nachvollziehen, da ist es um politische Kämpfe gegangen“, sagt Ruttensteiner. „Trotzdem bin ich traurig. Wir haben große Veränderungen angestoßen, die ersten Früchte davon sind schon sichtbar.“ Ruttensteiner nimmt sich beim Treffen in der Verbandszentrale in Schefajim Zeit für das ballesterer-Interview. Er dreht sein Handy lautlos und wirkt trotz der hektischen Stunden im Verband ruhig. Dass sein Förderer nun nicht mehr im Verband ist, bereite ihm keine Zukunftsängste, sagt er.
Seit Juni ist Ruttensteiner als Sportdirektor im Amt, und er hatte schon einige Stürme zu überstehen. Die Medien haben seine Bestellung mit Skepsis und seine ersten Entscheidungen mit heftiger Kritik begleitet. Doch der Wind hat sich gedreht. Das Nationalteam hat in der Nations League überrascht und dadurch eine neue Begeisterung entfacht. Obwohl Israel den Gruppensieg knapp verpasst hat, ist der Wandel nicht zu übersehen. Arabische Spieler sind ins Team gestoßen, und israelische Kicker haben zuletzt auch bei ihren Klubs im Ausland aufgezeigt. Die Auslosung der EM-Qualifikation in eine Gruppe mit Polen, Österreich, Slowenien, Mazedonien und Lettland gibt Hoffnung: Es scheint nicht unmöglich, dass Israel wieder einmal an einem großen Turnier teilnimmt.
Bis die Qualifikation im März startet, scheint es für Ruttensteiner kaum Atempausen zu geben. Ein Urlaub in der Heimat ist in der Winterpause nicht vorgesehen. Derzeit führt er Bewerbungsgespräche für die Besetzung des U21-Teamchefs. Wenn er nicht in seinem Büro auf dem Gelände des Trainingszentrums in Schefajim nördlich von Tel Aviv ist, reist er durchs Land. Er trifft Trainer, führt Gespräche und inspiziert die Infrastruktur. Und er lernt Israel kennen. „Mir ist wichtig, die Mentalität des Landes zu verstehen, in dem ich arbeite“, sagt er. „Ich genieße jeden Moment. In Israel sind Religion und Geschichte so nahe, das hat mich sofort begeistert.“
ballesterer: Welche Erkenntnisse haben Sie über den Fußball in Israel gewonnen?
Willibald Ruttensteiner: Es gibt großartige Talente, die in der Vergangenheit vielleicht nicht genug beachtet worden sind. Ich habe den Stand der Dinge eingehend analysiert, Akademien besucht und mit vielen Trainern, aktuellen und ehemaligen Spielern gesprochen. Es ist wichtig zu wissen, wo wir stehen, um realistische Ziele formulieren zu können. Mittlerweile habe ich einen guten Überblick gewonnen, und weiß, was ich zu tun habe.
Was muss sich verändern?
Wir müssen ganz grundlegende Dinge wie die Infrastruktur verbessern, aber auch die Trainerausbildung und den Kinder- und Jugendbereich. Zudem müssen wir Spieldaten detaillierter erfassen und auswerten. Nur wenn wir hier den Hebel ansetzen, können wir in den nächsten Jahren nachhaltig besser werden.
Der frühere Verbandschef Zuaretz hat über Sie gesagt: „Er will den Fußball aufbauen, und der Aufbau fängt ganz unten an.“ Was bedeutet das?
Ich will dem Fußball in Israel ein neues Gesicht geben. Ein großes Thema ist dabei eine einheitliche Spielphilosophie für alle Jahrgänge des Nationalteams – dazu bin ich mit den Verbandstrainern gerade in einem engen Austausch. Mein Traum wäre es, diese Ideen auch auf die Vereine zu übertragen. Nicht als Vorschrift, sondern als Anregung. Es ist wichtig, immer das große Ganze im Blick zu haben. Das Nationalteam steht an erster Stelle, die Ausbildungsstrukturen und der Nachwuchs sind aber ebenfalls wichtig. Die Kunst besteht darin, mit mehreren Bällen gleichzeitig zu jonglieren.
Einer dieser Bälle ist der Breitensport. Derzeit gebe es rund 40.000 aktive Fußballer in Israel. Im vergleichbar großen Österreich sei die Zahl gut dreimal so hoch, sagt Ruttensteiner. Es gibt also noch gehöriges Wachstumspotenzial, ansetzen möchte der Sportdirektor bei den Schulkindern. Denn dort könnten die großen Talente von morgen auf die richtige Förderung warten. Der Sportdirektor will eine Datenbank anlegen und vielversprechende Spieler bereits ab einem Alter von zehn Jahren erfassen. Ein Netzwerk von Scouts und Trainern soll die Nachwuchsarbeit ebenso stärken wie eine bessere Förderung in den regionalen Leistungszentren des Verbands.
Das sind Pläne für die Zukunft, in der Gegenwart hat Ruttensteiner im Nationalteam schon für kleine Revolutionen gesorgt. Im Betreuerstab setzte er auf internationale Expertise: Der Tormanntrainer und ein Scout kamen aus Österreich, eine Deutsche und ein Italiener wurden zur Verstärkung der medizinischen Betreuung geholt. Ein rundum professionelles Umfeld ist das erklärte Ziel. Wenn Ruttensteiner über seine Pläne spricht, scheut er sich nicht vor großen Worten. Eine seiner Powerpoint-Präsentationen zur Zukunft des israelischen Fußballs endete mit den Sätzen: „Die Aufgabe des Trainers ist es, das nächste Spiel zu gewinnen. Die Aufgabe des Sportdirektors ist es, das nächste Jahrzehnt zu gewinnen.“
Den Mann, der die nächsten Spiele gewinnen soll, hat Ruttensteiner in den ersten Wochen seiner Amtszeit gefunden. Der Sportdirektor habe klare Vorstellungen über die Rolle des Teamchefs gehabt, sagt einer derjenigen, die sich vergeblich um den Job bemüht haben, namentlich aber nicht im ballesterer genannt werden will. „Ruttensteiner wollte jemanden, der seine Ideen umsetzt und sich ständig mit ihm abstimmt“, sagt der Mitbewerber. „Einen Ja-Sager und keinen Trainer, der selbst Autorität hat.“ Landsmann Andreas Herzog sei da die bequeme Wahl gewesen. Ruttensteiner will das so nicht stehen lassen. „Natürlich habe ich den Andi Herzog schon gekannt, das war für seine Anstellung aber nicht ausschlaggebend“, sagt er.
„In Österreich hat sich das Nationalteam während meiner Amtszeit vom 101. auf den 20. Platz verbessert. Das können wir hier auch erreichen.“
Sind Sie zufrieden mit Ihrer Teamchefwahl?
Absolut. Herzog ist ein talentierter Trainer mit großer Erfahrung im Nationalteambereich, er hat mit österreichischen Nachwuchsteams und in den USA mit Jürgen Klinsmann gearbeitet. Unser Auswahlprozess war sehr professionell. Wir haben ein Profil entwickelt, dann habe ich den Auftrag gehabt, den Markt zu sichten und Vorschläge zu machen. Herzog hat unserem Profil entsprochen und sich schon bei der ersten Anfrage sehr interessiert gezeigt, Geld war da übrigens noch überhaupt kein Thema.
Wie sehen Sie die Stimmung im Land? Viele Fans sind durch die Misserfolge der vergangenen Jahre resigniert.
Nach der erfolgreichen Zeit zu Beginn der 2000er Jahre hat es keine Kontinuität gegeben. Deswegen haben manche wohl den Glauben an das Nationalteam verloren. Ich nicht. Ich bin ein Optimist. In Österreich hat sich das Nationalteam während meiner Amtszeit vom 101. auf den 20. Platz verbessert. Das können wir hier auch erreichen.
Ist das Ihre Zielsetzung?
Wir wollen unter die Top 30 der FIFA-Weltrangliste kommen und dort bleiben. Gleichzeitig ist es wichtig, dass sich die israelischen Klubs wieder für die europäischen Bewerbe qualifizieren. Auch wenn die aktuelle Platzierung in der FIFA-Weltrangliste nicht gut ist, gibt es auch jetzt schon viele positive Dinge – im Kader des Nationalteams stehen viele starke Spieler.
In der Nations League hat Israel den Aufstieg in die zweite Division verpasst. Wie groß ist Ihre Enttäuschung?
Es war sehr knapp, insofern war es schon schade. Aber wenn ich auf die Entwicklung der letzten Monate schaue, bin ich sehr zufrieden. Die Einstellung stimmt, wir haben nicht aufgegeben und bis zur letzten Minute gekämpft. Beim Spiel im November gegen Schottland hat es am Ende leider nicht gereicht. Wir haben gute Fußballer, und vielleicht können wir das Team in Zukunft noch mit ein, zwei Spielern verstärken.
Sie haben das Spiel gegen Schottland angesprochen. Solche Niederlagen, wenn es darauf ankommt, haben Tradition in Israel. Wie lässt sich so ein Muster durchbrechen?
Die positive Seite ist doch, dass alle motiviert sind. Sie wollen besser werden und für das Team alles geben. Wenn ich die Stimmung mit jener bei meinem ersten Treffen mit der Mannschaft vergleiche, ist es ein großer Schritt nach vorne. Das führe ich auch auf die Arbeit der letzten Monate zurück – nicht nur bei den Trainings mit dem Nationalteam, sondern auch bei den Vereinen. Wenn die Spieler weiter so an sich arbeiten, werden wir das im März in der Qualifikation sehen.
Dann spielt Israel auch gegen Österreich. Das ist für Sie ein sehr persönliches Spiel, auch weil Sie den ÖFB nicht im Guten verlassen haben.
Mein Abschied vom ÖFB war nicht schön, obwohl ich dort sehr viel erreicht habe. Die Ergebnisse sprechen für sich, wir haben den österreichischen Fußball revolutioniert. Mir ist aber auch viel Gegenwind entgegengekommen – vor allem von Trainern, die zu diesen Veränderungen nicht bereit waren. Aber so hätte es nicht zu Ende gehen sollen.
Am 24. März spielt Israel in Haifa gegen Österreich. Wie wichtig wäre Ihnen ein Sieg?
Ich freue mich schon sehr auf die Begegnung, möchte im Moment aber noch gar nicht zu viel darüber nachdenken. Drei Tage vorher spielen wir gegen Slowenien, das ist jetzt einmal wichtiger.
Willibald Ruttensteiner (56) ist seit Juni 2018 Sportdirektor des israelischen Fußballverbands. Zwischen 1999 und 2017 war der Steyrer in unterschiedlichen Positionen beim ÖFB tätig, darunter zweimal als Interimsteamchef, zumeist aber als Sportdirektor.
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