England hält seine lange Fußballgeschichte in Ehren. Vor den Stadien stehen häufig Statuen großer Spieler, Trainer und Funktionäre. Wer etwa ein Spiel in Wembley besucht, kann den drei Meter großen bronzenen Bobby Moore nicht übersehen. Die Statue einer Fußballerin gibt es nirgends.
Die Geschichte des Frauenfußballs ist in dem Land, das so viel auf die historischen Spuren des Spiels hält, noch immer weitgehend ungeschrieben. Genau genommen ist sie nicht nur ungeschrieben, sondern auch unbekannt. So unbekannt wie Emma Clarke – vermutlich die erste schwarze Fußballerin Großbritanniens. Sie wurde 2017 wiederentdeckt, und das per Zufall. Der Künstler Stuart Gibbs stieß in den South Wales Daily News auf ein Zitat über ein leichtfüßiges Mädchen auf dem rechten Flügel – und ging auf Spurensuche.
Platzsturm und Verbote
Die biografischen Informationen zu Emma Clarke sind auch zwei Jahre später spärlich. Sie wurde 1876 in Liverpool geboren, Vater William arbeitete auf Frachtern, die Mutter Wilhelmina brachte 14 Kinder zur Welt, von denen nur fünf bis ins Erwachsenenalter überlebten. Mit 15 begann Clarke in einer Konditorei zu arbeiten. Vermutlich spielte sie Fußball auf den Straßen am Hafen, vermutlich gemeinsam mit ihrer Schwester Jane, und vielleicht fielen die beiden dabei der schottischen Fußballerin Helen Matthews auf, die in der Nähe gelebt haben soll.
Im März 1881 hatte Matthews das Männerfußballspiel zwischen England und Schottland in London besucht und beschlossen, ein eigenes Team zu gründen. Schon zwei Monate später bestritt es unter dem Namen Mrs Graham’s XI erste Partien in Schottland gegen Frauen, die dafür aus England angereist waren. Es war – nach heutigem Stand – der Beginn des britischen Frauenfußballs. Und fast wäre es wieder das Ende gewesen, denn nach einem Platzsturm und Randalen unter den rund 5.000 Zuschauern bei einem Match in Glasgow verbot der schottische Verband weitere Spiele von Frauen. Graham verließ Schottland und trieb die Entwicklung des Fußballs in England voran. Clarke taucht fast 15 Jahre später in der Aufstellung des British Ladies FC auf. Auch dieses Team war in den 1880er Jahren gegründet worden, von Nettie Honeyball und mit finanzieller Unterstützung der schottischen Aristokratin Florence Dixie. „Ich bin fest entschlossen, der Welt zu beweisen, dass Frauen nicht nur schmückendes und nutzloses Beiwerk sind, wie Männer so gern behaupten“, sagte Honeyball der Zeitung The Sketch. Das erste offizielle Spiel des Vereins, bei dem auch Clarke antrat, fand im März 1895 in London vor 10.000 Zuschauern statt.
Kicken unter Pseudonym
Emma Clarke spielte – vermutlich gemeinsam mit Jane – mehrere Jahre für den British Ladies FC. 1896 tourte sie mit Mrs Graham’s XI durch Schottland. Denn für die Pionierinnen gab es keine Liga, sondern Reisen durchs Land mit Auftritten auf wenig professionellen Plätzen. Gibbs hat die Spuren der Clarke-Schwestern bis 1903 verfolgen können, er schätzt, dass sie auf den Touren zusätzlich zu Kost und Logis einen Schilling pro Woche verdienten – mehr als ihnen so mancher Job in der Fabrik eingebracht hätte.
Wie die Resonanz auf die kickenden Frauen war, ist schwer nachzuvollziehen. Über das Spiel im März 1895 finden sich geringschätzige Zitate des Korrespondenten des Manchester Guardian: „Wenn der Neuigkeitswert nachgelassen hat, wird Frauenfußball keine Massen mehr anziehen.“ Andere Zeitungen wie The Sportsman kommentierten positiv: „Die Lady-Fußballerin sollte nicht durch ein paar Artikel zerstört werden, die von alten Männern geschrieben sind, die weder Sympathie für den Fußball noch für die Ziele moderner junger Frauen haben.“ Zu diesen Zielen gehörte für viele Spielerinnen auch das Wahlrecht: Helen Matthews gehörte ebenso zur Suffragetten-Bewegung wie die Mäzenin Florence Dixie.
Und noch ein anderes revolutionäres Thema wird die Fußballerinnen beschäftigt haben: die Kleidung. Während die ersten von ihnen 1881 noch in Korsett und hochhackigen Schuhen spielten, ging es 1895 schon etwas entspannter zu: Die Frauen trugen Knickerbockerhosen und Männerfußballschuhe in passenden Größen. Was jedoch blieb, waren die Hauben, die ebenso wie die Haarnadeln bei Kopfbällen immer wieder im Weg waren oder verrutschten. „Ihre Kleidung wurde viel beachtet“, notierten die Manchester Evening News. In den Augen der zeitgenössischen Beobachter hatten die Spiele der Frauen offenbar einen Spektakelcharakter. Doch vermutlich hatten die Fußballerinnen auch Sorgen vor heftigeren Angriffen als bloßem Spott. Zumindest verwendeten die Teamgründerinnen Pseudonyme. Helen Matthews enthüllte erst einige Jahre später, dass sie die Gründerin der Graham-Elf war. Die Identität von Nettie Honeyball ist bis heute nicht geklärt.
Forschen und Erinnern
Wer als Frau um 1900 Fußball spielte, exponierte sich. „Als schwarze Frau warst du umso sichtbarer und musstest damit rechnen, angegriffen zu werden“, sagt die frühere Athletin und heutige Beraterin für Sport und Entwicklung, Michelle Moore, im Interview mit dem Telegraph. Sie organisierte im Herbst 2018 gemeinsam mit der Journalistin Anna Kessel eine Veranstaltung zu Ehren von Emma Clarke.
Was Clarke damals auf dem Fußballplatz doppelt auffällig machte – ihr Geschlecht und ihre Hautfarbe – hat sie in den mehr als 100 darauffolgenden Jahren in die Unsichtbarkeit verbannt. Ihre Spuren verlieren sich. Nach 1905 taucht sie nicht mehr in den Zensusunterlagen auf, vermutlich starb sie also im Alter von 30 Jahren. Vielleicht wird weitere Forschung neue Erkenntnisse zutage fördern. Bis dahin ist die Würdigung der ersten schwarzen britischen Fußballerin eine Aufgabe für die Gegenwart. „Schwarze Geschichte ist aus der Geschichte Großbritanniens verdrängt worden“, sagte Moore zur Eröffnung der Gedenkveranstaltung. „Das wollen wir ändern, und das tun wir, indem wir an Emma Clarke erinnern.“
Journalistin Kessel hat das Projekt „Blue Plaque Rebellion“ initiiert, um die Geschichten vergessener Sportlerinnen ins Gedächtnis zu rufen und sie mit Gedenktafeln und Statuen zu ehren. „Wenn ich mit meinen Nichten an der Statue von Bobby Moore in Wembley vorbeigehe, haben sie dazu keinen Bezug“, sagt Michelle Moore. „Aber mit einer Statue von Emma Clarke würden sie sich fotografieren.“