Manchester Uniteds rechter Außenverteidiger Ashley Young gelangt beim eigenen Strafraum an den Ball und schlägt einen weiten, hohen Pass auf den flinken Mittelstürmer Marcus Rashford. Der weicht auf die rechte Seite aus und kann den Ball behaupten. Nach einem Doppelpass mit Juan Mata flankt er von der Strafraumgrenze vor das Tor, findet dort aber keinen Abnehmer. Die Szene aus dem Champions-League-Achtelfinalhinspiel vom 12. Februar gegen Paris Saint-Germain zeigt einen der vertikalen Spielzüge, wie sie unter Trainer Ole Gunnar Solskjaer forciert werden. Damit erinnert die Mannschaft des Norwegers wieder ein wenig an das United seines Vorbilds und ehemaligen Trainers Alex Ferguson.
Pragmatismus
Unter Jose Mourinho, Solskjaers Vorgänger, waren solche Charakteristika nur schwer zu erkennen. Er legte seinen Schwerpunkt stärker auf die taktische Anpassung an den Gegner als auf die Entwicklung eines eigenen Spielkonzepts und das Training der dafür notwendigen Automatismen. Seinen extremen Pragmatismus legte Mourinho defensiv aus: Die Abwehrreihe stand tief, und nur wenige Spieler rückten bei Ballgewinn auf.
Solskjaers Ausrichtung der Mannschaft entspricht schon eher den offensiven Ansprüchen des Traditionsvereins: United agiert nun mit einer Raute im 4-4-2 oder wie im Match gegen PSG in einem 4-3-3. Sowohl bei Ballverlust als auch bei Ballgewinn bewegt sich das Team schnell hinter oder vor den Ball und sucht oft den diagonalen oder vertikalen Pass auf die Flügel, um von dort mit Dribblings in den Strafraum vorzudringen oder Flanken zu schlagen. In der beschriebenen Szene fehlten wie in der gesamten Partie die Torgefahr und der nötige Stoßstürmer, um die Flanke zu verwerten. Der dafür geeignete Romelu Lukaku wurde erst später eingewechselt. Einen solchen Mittelstürmer hatte Ferguson beispielsweise mit Ruud van Nistelrooy jahrelang zur Verfügung. An ihn und seine Stärke bei Direktabnahmen passte Ferguson Uniteds Spielweise an.
Mut
Auch die Arbeit von Solskjaers Team gegen den Ball erinnert an Fergusons Stil: In der Partie gegen PSG betrieb United ein aggressives mannorientiertes Angriffspressing und unterband vor allem in der ersten Hälfte den gegnerischen Aufbau und kontrollierte damit das Spiel. Nach dem Rückstand riskierte United mehr und verlor zunehmend die Kontrolle: In der 60. Minute rückten die beiden zentralen Mittelfeldspieler Ander Herrera und Paul Pogba beim Gegenpressing weit auf und rissen ein Loch vor der Abwehr auf, das Kylian Mbappe zum 2:0 für PSG nutzte.
Auch Ferguson hatte diesen Mut zum Risiko und trat gegen schwächere Gegner teils mit einem 4-2-4 an. Solskjaer hat hier angeknüpft: Seiner Mannschaft fehlt zwar auf internationalem Niveau die Durchschlagskraft früherer United-Teams, allerdings versteht er es, Spieler wie Marcus Rashford und Paul Pogba in seinem vertikalen Offensivspiel wieder besser zur Geltung kommen zu lassen.