Als der 36-jährige Alexander Matthew „Matt“ Busby im Oktober 1945 das Traineramt bei Manchester United übernahm, waren die Tribünen des Stadions Old Trafford zerbombt und der Rasen von Kratern übersät. Bald wuchsen überall Büsche und angeblich sogar der eine oder andere Baum. Das Old Trafford war eine Ruine und Manchester United ein Verein wie viele andere auch. Der letzte nennenswerte Erfolg war der Meistertitel von 1911.
Erfahrung als Trainer auf Profiniveau hatte Busby nicht, dafür aber eine Bedingung: totale Machtfülle. Training, Aufstellung, Transfermarkt. Diese Bedingung hatte er einige Wochen zuvor auch dem Liverpool FC gestellt, jenem Verein, bei dem er selbst gespielt und die Kapitänsschleife getragen hatte. Dort lehnten die Bosse ab, bei United ließen sie sich auf die ungewöhnliche Forderung ein. Es sollte die richtige Entscheidung sein. 25 Jahre trainierte Busby den Klub, holte 13 Titel und hatte entscheidenden Anteil daran, dass United zu dem wurde, was es heute ist: der beliebteste und erfolgreichste Klub Englands.
Manchester statt Amerika
Busby begann seine Arbeit mit der größten Machtfülle, die ein britischer Trainer je innehatte. Und im legersten Outfit, das je einer trug. An seinem ersten Arbeitstag soll er in einem Trainingsanzug und mit Stollenschuhen erschienen sein. Üblich waren damals Trainer, die Anzug trugen, im Büro saßen und mit der Arbeit auf dem Platz wenig zu tun hatten. Busby hatte andere Vorstellungen, sein Trainingsanzug war der äußerliche Beweis dafür. Als die BBC Jahre später einen Film über ihn drehte, kritisierte Busbys Sohn Sandy die Kleidungswahl des Protagonisten: „Er trägt immer Schurwollmantel und Filzhut. Im ganzen Film ist er kein einziges Mal im Trainingsanzug zu sehen.“
Busby war kein distanzierter Herrscher, sondern suchte die Nähe und den Austausch mit seinen Spielern. Jeden Montag ging er mit ihnen golfen oder Billard spielen. Er überließ die Trainingsplanung nicht Assistenten, sondern kümmerte sich selbst darum. „Er hat sogar mittrainiert und uns vorgemacht, was er erwartet und wie man es umsetzen kann“, sagte der damalige Spieler Johnny Carey später. „Er war seiner Zeit voraus.“
Busby war der erste Vertreter der tracksuit manager, und seine neuartigen Ansätze griffen sofort. In der ersten nach dem Krieg ausgetragenen Saison 1946/47 wurde United Zweiter. In der folgenden erneut, außerdem gelang Busby der Sieg im FA Cup. 1949 unterschrieb er einen neuen Vertrag, der ihm jährlich 3.250 Pfund einbrachte. Diese Summe überstieg das damalige Höchstgehalt eines Spielers um das Fünffache und machte ihn zum bestbezahlten Angestellten eines englischen Fußballvereins.
Im gleichen Jahr kehrte der Klub ins renovierte Old Trafford zurück. Wegen der Kriegsschäden hatte United seine Spiele zuvor an der Maine Road des Stadtrivalen Manchester City austragen müssen. Jenes Klubs, der dafür verantwortlich war, dass der Schotte Busby überhaupt im englischen Fußball arbeitete. Er wurde 1909 in einer Bergbausiedlung nahe Glasgows geboren. Der Vater fiel im Ersten Weltkrieg, bald musste Busby unter Tage Geld für die Familie verdienen. Gerade als seine Mutter 1928 den Plan fasste, nach Amerika auszuwandern, entdeckte City Busbys fußballerisches Talent und verpflichtete ihn. Der 17-Jährige zog nach Manchester, dorthin, wo er knapp 20 Jahre später den Trainerjob revolutionieren sollte.
Cool und selbstbewusst
Wie bei seiner Ankunft angekündigt, widmete sich Bubsy allen Aspekten des Vereins. Er vergrößerte den Mitarbeiterstab und professionalisierte die Nachwuchs- und Scoutingabteilungen. Seine Mitarbeiter bereisten das Land, um nach der Zukunft zu suchen. Und sie wurden fündig, immer und immer wieder. 1951 debütierten die Nachwuchsspieler Jackie Blanchflower und Roger Byrne gegen Liverpool. „Uniteds Babes waren cool und selbstbewusst“, schrieben die Manchester Evening News. Es war die Geburt der ersten „Busby Babes“.
1952 gewann United schließlich seinen ersten Meistertitel unter Busby. Doch die damalige Stammelf war in die Jahre gekommen. Statt teure Transfers zu tätigen, ersetzte Busby die Routiniers durch Nachwuchsspieler. Etwa Duncan Edwards, der als größtes Talent seiner Zeit galt und in der Saison 1952/53 mit der U18 die Erstaustragung des FA Youth Cup gewonnen hatte. Dieser Wettbewerb entwickelte sich schnell zum renommiertesten Nachwuchsturnier des Landes – und zur idealen Plattform für Uniteds Talente. Die ersten fünf Ausgaben gewann United, bei drei davon wirkte auch der spätere Kapitän Bobby Charlton mit. Trainiert wurde die U18-Mannschaft von Busbys Assistenten James Murphy.
Als Busby 1956 seinen zweiten Ligatitel gewann, betrug das Durchschnittsalter seines Teams knapp 22 Jahre. Es war die bis dahin jüngste Meistermannschaft der Ligageschichte. Nur drei Spieler kamen nicht aus der eigenen Nachwuchsabteilung, von den Meistern von 1952 waren nur noch zwei Spieler übriggeblieben. „Es ist der Traum eines jeden Trainers, eine Mannschaft mit Spielern von einem jungen Alter an aufzubauen. Diese Spieler geben dir Loyalität und Kontinuität“, sagte Busby. Diese Worte waren so wahr wie herzzerreißend falsch. Denn die „Busby Babes“, die Mannschaft, die er aufgebaut hatte, sollte keine Kontinuität haben. Im Februar 1958 hörte sie auf zu existieren und das lag an technischem Versagen, schlechtem Wetter und großem sportlichen Ehrgeiz.
Der Meistertitel von 1956 war das Tor nach Europa. Als erster englischer Verein nahm United am 1955 eingeführten Europacup der Landesmeister teil – gegen den Willen von Verband und Liga. Aus Angst vor Terminproblemen und Zuschauerschwund für die nationalen Wettbewerbe lobbyierten die Funktionäre gegen den Bewerb. Alan Hardaker, Geschäftsführer der Liga, sagte einem Journalisten der Times: „Da ist mir zu viel Ausländerpack.“ Dem Meister von 1955, Chelsea FC, hatten die Verbände eine Teilnahme noch ausgeredet, Busby aber blieb stur. „Alleine schon aus Gründen des Prestiges sollte die kontinentale Herausforderung angenommen und nicht vermieden werden“, sagte er.
Die Flammen in München
Seine erste Europacupreise führte United nach Belgien. Mit dem Schiff überquerte die Mannschaft den Ärmelkanal und gewann mit 2:0 gegen den RSC Anderlecht. Es folgten siegreiche Duelle mit Borussia Dortmund und Athletic Bilbao, ehe United im Halbfinale am späteren Sieger Real Madrid mit Raymond Kopa und Alfredo di Stefano scheiterte.
In der Liga verteidigte United seinen Titel und unternahm im Europacup einen neuerlichen Anlauf. Er führte über ein Viertelfinale gegen Roter Stern Belgrad und einen Tankstopp bei der Rückreise direkt in den Tod. Eisig kalt war es, als das Flugzeug am 6. Februar 1958 in München zwischenlandete. Ein Schneesturm tobte. Nach zwei misslungenen Startversuchen probierte es der Pilot erneut. Das Flugzeug war zu schnell zum Bremsen, aber nicht schnell genug zum Abheben. Es krachte gegen eine Scheune und ging in Flammen auf.
Sieben Spieler und 16 weitere Insassen starben. Zwei Wochen später erlag Edwards, das wohl größte Talent der Mannschaft, seinen Verletzungen. Dass es nicht noch mehr Tote gab, war Tormann Harry Gregg zu verdanken. Er blieb bei Bewusstsein, rettete sich schnell genug aus dem Flugzeug und dann unter anderem seine Mitspieler Charlton, Blanchflower und Dennis Viollet. Die Mannschaft aber, die gab es nicht mehr. Die „Busby Babes“ waren ausgelöscht – und wurden fortan zur Legende. „Manchester United wandelte sich wegen dieser Tragödie von einem Fußballklub in eine Institution“, sagte Gregg Jahre später in einer BBC-Dokumentation. Sein Mitspieler Charlton erklärte: „Vor 1958 waren wir ein Team für Manchester. Nach 1958 wollte die ganze Welt United-Fan sein.“
Der Fußballbetrieb gewährte jedoch nur eine kurze Pause. 13 Tage nach dem Absturz stand der FA Cup auf dem Programm, am 22. Februar das erste Ligaspiel. Bobby Charlton war einer der ersten, die nach der Tragödie wieder auf dem Platz standen. Er stemmte sich mit einer mit Leihspielern aufgefüllten Mannschaft gegen das Schicksal. Im Europacuphalbfinale scheiterte United am AC Milan, in der Liga fiel das Team zurück und wurde Neunter. Busby wurde unterdessen in einem Münchner Krankenhaus behandelt, wo er zweimal die letzte Ölung bekam. Er überlebte, mit dem Fußball wollte er jedoch abschließen. Seine Ehefrau Jean stimmte ihn aber um. Die verstorbenen Spieler hätten von ihm erwartet, dass er weitermacht, sagte sie immer wieder. Im FA Cup kämpfte sich United bis ins Finale, wo es gegen die Bolton Wanderers ging. Das Endspiel in Wembley war das erste Spiel, das Busby wieder besuchte. Auf der Bank saß jedoch sein Assistent Murphy, der eine 0:2-Niederlage seiner Mannschaft mitansehen musste.
Die Krönung in Wembley
Zur neuen Saison kehrte Busby zurück, aber er hatte Angst. „Ich habe mich kaum ins Old Trafford getraut, weil ich gewusst habe, dass die Geister der ‚Babes‘ dort sind und es immer sein werden“, sagte er. Doch er hatte auch eine Mission. Jetzt erst recht. Busby und die überlebenden Spieler wollten den Bewerb gewinnen, der ihre Freunde das Leben gekostet hatte. Sportlich rutschte Manchester United in den folgenden Spielzeiten ins Tabellenmittelfeld ab. Währenddessen baute Busby eine neue Mannschaft auf. Erneut mit vielen Nachwuchsspielern, diesmal jedoch auch mit kostspieligen Transfers.
Für die damalige Rekordsumme von 115.000 Pfund verpflichtete der Klub 1962 den schottischen Stürmer Denis Law, der erst ein Jahr zuvor von Manchester City zur AC Torino gewechselt war. Es war ein Statement an die Konkurrenz. Ein Jahr später beförderte Busby den nordirischen Teenager George Best in die Profimannschaft. Ein weiteres Resultat der hervorragenden Scoutingarbeit des Vereins. „Ich glaube, ich habe ein Genie gefunden“, hatte Scout Bob Bishop an Busby geschrieben, als er den 15-Jährigen erstmals in Belfast spielen sehen hatte. Er sollte Recht behalten. Best entwickelte sich schnell zum anarchischen Zentrum des Spiels. Gemeinsam mit Law und Charlton bildete er die begeisterndste Offensivreihe des Landes, die „Holy Trinity“. Jeder von ihnen gewann einmal den Ballon d’Or: Law 1964, Charlton 1966 und Best 1968.
Gemeinsam sorgten sie für die Vollendung der Mission. 1965 gelang der erste Meistertitel seit dem Flugzeugunglück, in der folgenden Saison scheiterte United im Europacuphalbfinale an Partizan Belgrad. Erst auf den Meistertitel von 1967 sollte die Erfüllung des europäischen Traums folgen. Schon nach dem Halbfinalsieg gegen Real Madrid soll Busby in der Kabine vor Erleichterung geweint haben. Im Finale am 29. Mai 1968 ging es in Wembley gegen den zweimaligen Sieger Benfica Lissabon. Charlton traf zum 1:0, doch Benfica glich vor Ende der regulären Spielzeit aus. In der Verlängerung war United die fittere Mannschaft. Best, Brian Kidd und erneut Charlton sorgten nach Wiederanpfiff innerhalb von sechs Minuten für den Endstand von 4:1. United war somit nicht nur der erste englische Verein, der diesen Wettbewerb ernst nahm, sondern auch der erste, der ihn gewann. „Das ist die Erfüllung meines größten Traums“, sagte Busby. „Ich bin stolz auf das Team und besonders auf Bobby Charlton und Billy Foulkes, die die ganze Reise mit mir mitgemacht haben.“ Die Reise von den Flammen in München bis zur Krönung in Wembley. „Der Moment, als Bobby den Pokal in den Händen hielt, hat mich gereinigt“, sagte er. Seine Mission war vollendet.
Das Erbe
Diese Mission begründete den Mythos, von dem der Klub fortan profitierte und den er zu vermarkten begann − die Tragik des Flugzeugunglücks und die Erlösung zehn Jahre später. Es ist eine Geschichte, die auf Spieler wie Fans gleichermaßen wirkt. Vor dem Old Trafford hängt eine Uhr, die stets 15.04 zeigt. Die Uhrzeit, als die „Busby Babes“ zu existieren aufhörten. Einige Meter weiter steht eine Statue der „Holy Trinity“.
Beim Europacupsieg war Matt Busby 59 Jahre alt. Seine Zeit als United-Trainer ging zu Ende. Im Jänner 1969 kündigte er zum Ende der Saison seinen Rücktritt an. Doch so ganz sollte er nie gehen. Einige Monate später half er noch einmal interimistisch auf der Trainerbank aus, nachdem der überforderte Nachfolger Wilf McGuinness entlassen worden war. Busby schaffte es auch später nicht, sich zurückzuziehen, mischte als Funktionär stets im Hintergrund mit und versperrte den Weg für frische Ideen von frischen Trainern. Er sah, wie United immer tiefer in die Krise und kurz sogar in die Zweitklassigkeit abstürzte. Nach Jahren als Vereinspräsident verstarb er 1994, doch zu diesem Zeitpunkt gab es wieder Hoffnung. Eineinhalb Jahre zuvor hatte der Klub zum ersten Mal seit Busbys Trainertagen den FA Youth Cup und wenig später wieder einen Meistertitel gewonnen. Und United sammelte erste Erfahrungen in einem neuen europäischen Wettbewerb, der Champions League. Verantwortlich dafür war ein schottischer Trainer aus der Arbeiterklasse: Alex Ferguson.