Andrea Agnelli hält an diesem Donnerstag Anfang Juni keine Brandrede. Knapp 17 Minuten dauert sein Vortrag vor der außerordentlichen Hauptversammlung der europäischen Klubvereinigung ECA in Malta. Vertreter von Real Madrid, Manchester City und dem FC Barcelona sitzen ebenso im Publikum wie ihre Kollegen vom SK Rapid, Roter Stern Belgrad und Celtic Glasgow. Agnelli ist Präsident von Juventus und Vorsitzender der ECA. Immer wieder betont er, wie wichtig es sei, geschlossen aufzutreten. „Wir müssen alle gemeinsam die Antwort finden, wie es mit dem europäischen Fußball weitergehen soll“, sagt er am Ende seine Rede. Danach lässt er keine Zeit für Applaus. Seine Brille in der rechten, die Unterlagen in der linken Hand verlässt er die Bühne.
Vielleicht hat sich Andrea Agnelli das alles etwas leichter vorgestellt. Seit er 2017 zum Chef der ECA gewählt wurde, arbeitet er an der Reform des Europacup – vor allem der Champions League. Seine derzeitigen Pläne erinnern an das Schreckgespenst vieler Fans und Vereine: eine europäische Super League, also eine geschlossene Liga der Topklubs des Kontinents. Im Herbst 2018 berichtete der Spiegel unter Berufung auf die ihm zugespielten „Football Leaks“-Dokumente, wie konkret die Pläne für eine solche Liga schon waren. Der FC Bayern etwa habe die Konsequenzen eines Wechsels aus der deutschen Bundesliga in einen solchen Bewerb bereits prüfen lassen. Eine Super League wäre kein europäischer Cupbewerb mehr, sondern eine kontinentale Meisterschaft – mit Fixstartern. Offiziell waren die Pläne dafür nach den Veröffentlichungen schnell vom Tisch oder genauer: Die Vereine betonten, bis zu einer Tischvorlage hätte es die Idee gar nicht geschafft. Was bleibt, ist Agnellis Reform der Champions League. Sie wäre ein großer Schritt in diese Richtung. Auch deswegen werden diese Pläne so kontrovers diskutiert wie selten.
Zauberformel 4 × 8
In Österreich beschäftigt sich der Großteil der Bundesligisten erst gar nicht mehr mit der Eliteliga. Die Teilnahme an der Champions League ist derzeit nur für einen Klub ein realistisches Thema: Red Bull Salzburg wird in dieser Saison zum ersten Mal in die Gruppenphase einsteigen. Zuvor waren sie zehnmal in der Qualifikation gescheitert. Die Salzburger sind damit der erste österreichische Teilnehmer seit der Wiener Austria. Am 11. Dezember 2013 verabschiedete sie sich mit einem sportlich bedeutungslosen 4:1-Sieg im Ernst-Happel-Stadion über Zenit Sankt Petersburg aus dem Bewerb.
Doch die Reformpläne würden auch für den Serienmeister der Bundesliga die Champions League in weitere Ferne rücken. Denn geht es nach Agnelli und der ECA, qualifizieren sich nur noch vier von 32 Teams über die Platzierung in den Ligen für die Champions League. Der Plan sieht vor, dass es künftig vier Achtergruppen geben soll. Jeweils die ersten Fünf sollen sich automatisch für den Bewerb im nächsten Jahr qualifizieren, zwischen dem Sechsten und dem Siebten soll es Entscheidungsspiele geben. Der Sieger bleibt in der Liga, der Verlierer und die Gruppenletzten scheiden aus dem Bewerb aus. Nachbesetzt werden die Plätze mit den vier Halbfinalisten der Europa League und vier Vertretern aus den Ligen. Diese Internationalisierung des Fußballs bringt die nationalen Ligen immer mehr in Bedrängnis.
„Medial wird das falsch dargestellt“, sagt Charlie Marshall. „Dieses Gerede von der Super League ist nicht angebracht.“ Der Brite ist Geschäftsführer der ECA, er arbeitet hauptamtlich in deren Büro in Nyon, einen Steinwurf von der UEFA-Zentrale entfernt. Im Telefonat mit dem ballesterer ärgert er sich wieder und wieder über die Berichterstattung. „Es geht uns nicht nur um die Champions League“, sagt er. „Wir wollen eine gemeinsame Stimme für alle Klubs sein.“ Die ECA verhandelt beispielsweise die Entschädigung für die Klubs nach Welt- und Europameisterschaften. Die Vereine erhalten Geld, wenn sie ihre Spieler den Nationalmannschaften zur Verfügung gestellt haben. Zudem gestaltet die ECA gemeinsam mit der UEFA den Rahmen für das Financial Fair Play. Doch ordentliches Mitglied der Organisation können nur Vereine werden, die in den letzten fünf Jahren an einem europäischen Wettbewerb teilgenommen haben. Schafft ein Klub das nicht, wird er zum außerordentlichen Mitglied ohne Stimme degradiert.
Europa ist alles
„Die ECA ist garantiert nicht der Vertreter aller Klubs“, sagt Georg Pangl. „Dort geschieht nichts gegen den Willen der Großen.“ Er braucht nicht lange, um in Fahrt zu kommen, wenn er über die Pläne Agnellis und die ECA spricht. Der Burgenländer ist seit 2015 Generalsekretär der European Leagues. Der Ligenverband versteht sich zunehmend als Gegenspieler zur Klubvereinigung. „Die ECA hat 105 Mitglieder, wir vertreten fast 1.000“, sagt Pangl. „Das sagt fast alles.“ Teil der European Leagues sind 27 der wichtigsten europäischen Ligen und damit auch ihre Klubs. Pangl ist momentan damit beschäftigt, gegen die Reform der Champions League zu mobilisieren. Er telefoniert viel und gibt Interviews, um vor den Gefahren zu warnen. Allein mit dem Kurier hat er im letzten halben Jahr dreimal gesprochen.
Im Gespräch mit dem ballesterer schwärmt er von der guten alten Zeit. Von 1996 bis 2002 war er als Venue Director der UEFA für die Kontrolle der Rahmenbedingungen in Stadien und die Infrastruktur vor Ort zuständig. „„Mittlerweile ist die Champions League mit den extrem hohen Erträgen, die daraus zu lukrieren sind, das wichtigste Ziel für die Klubs“, sagt er. „Als ich noch aktiv war, war es ein schönes Extra.“ Das merkt man auch in den nationalen Meisterschaften, besonders in denen der tonangebenden Länder. Seit der abgelaufenen Saison stellen die vier topgereihten Ligen – Spanien, England, Italien und Deutschland – die Hälfte der Champions-League-Teilnehmer. Ihre Vertreter haben vier Fixplätze in der Gruppenphase. Aus dem Rennen um diese finanziell bedeutsamen Plätze haben die Ligen im Finish in den letzten Jahren Spannung geschöpft, erst recht, wenn die Meisterschaft bereits lang entschieden war. Die jüngsten Pläne der ECA würden die nationalen Ligen entwerten. Pangl schöpft deswegen Hoffnung, die Reform stoppen zu können. „Sollte diese de facto geschlossene Champions League beschlossen werden, wird es einen Aufstand geben.“
Den gesamten Artikel gibt es in der Printausgabe des ballesterer (Nr. 143 August 2019) zu lesen. Die Ausgabe könnt ihr hier bestellen.