In Wien-Favoriten wird neuerdings Tacheles geredet. „Dass wir Mittelmaß sind, wollten viele nicht hören“, gab Sportvorstand Peter Stöger zu Protokoll, nachdem die Wiener Austria in Wattens hochkant aus dem Cup geflogen war. Dabei hat der Verein im Sommer vieles richtig gemacht. Unmittelbar nach Saisonende stand mit Christian Ilzer ein neuer, aufstrebender Trainer fest, auch der Kader wurde – günstig – verjüngt. Stögers Bestellung war das vorläufige Highlight einer ungewöhnlich mutigen Personalpolitik. Ein Jahr nach Eröffnung der neuen Austria Arena herrschte am Verteilerkreis so etwas wie Aufbruchsstimmung.
Heute ist davon nichts mehr zu spüren. Im Cup und in Europa spielen die Wiener nicht mehr mit, in der Liga gewinnt die Austria mit Ach und Krach gegen Nachzügler, verliert gegen Mittelständler und geht gegen Spitzenteams unter. Zwischen Mannschaft und Fans kriselt es. In diesem Jammertal wirkt der knallige Claim „Anspruch und Stil“ wie ein leerer Marketingschmäh. Die Austria offenbart ironischerweise gerade bei ihren traditionellen Stärken ihre größten Schwächen. Attraktiver Fußball, aufstrebende Eigenbauspieler und ein gut geöltes Transferkarussell sind rar geworden in Favoriten.
Dennoch wird im Verein am Scheiberlspiel festgehalten, Athletik und Zweikampfstärke sind verpönt. Das erweist sich immer öfter als Sackgasse – auch für den Nachwuchs, der zusehends stagniert. Dass Dribblanskis wie Dominik Fitz, Sascha Horvath und Dominik Prokop im körperlosen Jugendbereich für Aufsehen sorgen, täuscht über ihr tatsächliches Potenzial hinweg. Als Profis verlieren sie den Anschluss. Indes gelingen der Konkurrenz im Windschatten von Red Bull Salzburg regelmäßig profitable Verkäufe. Für Maximilian Wöber, Joao Victor, Peter Zulj, Sasa Kalajdzic und Co. waren Rapid, LASK, Sturm und die Admira das Sprungbrett, während die violetten Kicker die Perspektive verloren. Unter diesen Umständen sind regelmäßige Topplatzierungen Zukunftsmusik.
Auf dem Rasen der Austria Arena lässt sich diese Krise nicht lösen. Ihre Wurzel ist in den Büros darüber zu suchen. Dass Finanzvorstand Markus Kraetschmer vier Jahre lang auch sportlich der Letztverantwortliche war, hat dem Verein nicht gut getan. Denn die Sportdirektoren Franz Wohlfahrt und Ralf Muhr waren an seine Sparvorgaben gebunden. Dadurch erreichte der Verein zwar betriebswirtschaftlich alle Ziele, im sportlichen Bereich war jedoch keine Strategie zu erkennen. So erschüttert jeder Misserfolg am Platz die Austria bis ins Mark.
Es ist ein Irrglaube, dass es nur die richtige Philosophie und Kontinuität in der Personalauswahl bräuchte, um den Erfolg eines Fußballvereins zu sichern. Die Höhenflüge von Red Bull, LASK und dem WAC fußen auch auf Realismus. Sportliche Tiefs sind für einen der wichtigsten Klubs der Landes sicher nicht angenehm, sie sind aber auch eine Chance zur Weiterentwicklung. Eine Neubewertung der eigenen Stärken und Schwächen ist kein Stilbruch, sondern strategisch notwendig. Stögers Bekenntnis zum derzeitigen Mittelmaß war ein erster Schritt. Mit überzogenen Ansprüchen aufzuräumen, wäre der nächste.