Auf Youtube gibt es ein Video, das Werder-Fans beim Sieg ihrer Mannschaft im Finale des DFB-Pokals am 30. Mai 2009 in Berlin aufgenommen haben. Es zeigt Mesut Özil und Sebastian Boenisch, die mit der Trophäe Richtung Fans laufen und sich feiern lassen. Für beide Spieler war es ein vorläufiger Höhepunkt in ihrer Karriere, die jeweils auf Schalke begann und sie während der Saison 2007/08 nach Bremen führte – Boenisch kam im Sommer, Özil folgte im Winter. Fast genau ein Monat nach dem Sieg im DFB-Pokal gewannen beide mit dem deutschen U21-Nationalteam die EM in Schweden.
2010 trennten sich ihre Wege. Özil ging zu Real Madrid, dann zum Arsenal FC und wurde 2014 Weltmeister. Boenisch blieb in Deutschland, spielte mit Bayer Leverkusen 2013 in der Champions League gegen Manchester United und drei Jahre später mit 1860 München gegen den Abstieg aus der zweiten Liga. Als der besiegelt war, wurde es ruhig um den großgewachsenen Verteidiger. Im Sommer hat er einen neuen Klub gefunden, den FAC. Statt 70.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion oder 40.000 im Bremer Weserstadion sind es nun gerade einmal 1.000, die ihm in Wien-Floridsdorf regelmäßig auf die Beine schauen.
Weltberühmt in Floridsdorf
„Das ist kein Problem. Wie viele Leute kommen, ist zweitrangig“, sagt Boenisch beim ballesterer-Gespräch. Er ist guter Stimmung und scherzt bei einem Espresso mit FAC-Teammanager Lukas Fischer über die Graffitiwand hinter der Gegengeraden. Dort sind neben Floridsdorfer Motiven auch Peter Pacult und Marko Arnautovic verewigt. Beide spielten in der Jugend beim FAC, bevor sie bei anderen Vereinen große Erfolge feierten. Das Gespräch findet im VIP-Bereich des Klubs statt – ein Raum mit einigen hohen Tischen, einem holzverschlagenen Tresen und einer Vitrine mit FAC-Utensilien. Boenischs frühere Klubs scheinen hier sehr weit weg. Doch das stört ihn nicht. „Die deutschen Bundesligisten sind keine Fußballvereine mehr. Das sind Firmen, die zusehen müssen, dass das Geld reinkommt.“ Das sei beim FAC und in der zweiten Liga in Österreich noch anders. Zu viel Bedeutung wolle er der Frage nach dem richtigen Fußball aber nicht geben. „Ich will spielen“, sagt er.
Teammanager Fischer ist einer von denen, die das ermöglicht haben. „Boenisch ist ein Glücksfall für uns“, sagt er. „So ein erfahrener Spieler kann dem ganzen Team helfen, sich zu entwickeln.“ Denn der Kader besteht zum Großteil aus jungen Spielern, das Durchschnittsalter beträgt 23 Jahre, Boenisch ist 32. Neben aufgerückten Jugendspielern wie Manuel Holzmann und Sean Ljevakovic setzt der FAC auch auf die Talente anderer Klubs, die hier Spielpraxis sammeln und sich präsentieren können. Mittelfeldspieler Elias Felber etwa kam im Sommer auf Leihbasis vom SK Rapid. Die Rahmenbedingungen skizziert Fischer so: „Wir arbeiten sportlich und wirtschaftlich hart, aber wir haben keinen Druck, aufsteigen zu müssen.“
Boenisch soll beim FAC eine Führungsrolle einnehmen. Er fühlt sich in der ihm zugedachten Rolle wohl, doch die Verantwortung, sagt er, müsse verteilt werden. „Ich darf nicht der Einzige sein, der am Platz Kommandos gibt. Einer reicht nicht, es ist wichtig, dass sich manche Spieler von uns in den nächsten Jahre dahin entwickeln.“ Die Gefahr, dass der Neuzugang die Hierarchien im Klub umwirft, weil er sofort eine wichtige Position einnimmt, sieht Fischer nicht. „Die Chemie in der Mannschaft stimmt“, sagt er. „Jeder kann von ihm etwas lernen – die Älteren genauso wie die Jüngeren, die seinen Namen vielleicht erst einmal googeln mussten.“
Wer das tut, findet dort neben dem Youtube-Video vom DFB-Pokal-Finale den Verweis auf zwei Vizemeistertitel, die Teilnahme am UEFA-Cup-Finale 2009, drei EM-Spiele des Doppelstaatsbürgers für Polen und sehr viele Verletztenmeldungen. „Ich bin an einem Knie viermal operiert worden“, sagt Boenisch. Aufgrund eines Knorpelschadens musste er bei Werder ab September 2010 mehr als ein Jahr aussetzen. „Wer weiß, wo es hingegangen wäre, wenn ich nicht verletzt gewesen wäre“, sagt er. „Unter diesen Umständen war meine Karriere Weltklasse – und ist es immer noch.“
Hauptsache ein Titel
Seine beste Saison spielte er wahrscheinlich 2008/09 mit Werder. Der Klub wurde in der Liga zwar nur Zehnter, erlebte aber im UEFA-Cup und dem DFB-Pokal Sternstunden. Dabei hatte es im Europapokal zunächst gar nicht gut ausgesehen. Werder musste in der Winterpause als Gruppendritter von der Champions League auf den UEFA-Cup umsatteln – und traf dort gleich auf Milan. Die Mailänder hatten zwei Jahre zuvor die Champions League gewonnen und gingen nach dem 1:1 in Bremen beim Heimspiel schnell 2:0 in Führung. Claudio Pizarro verkürzte den Rückstand nach der Pause, und dann landete der Ball in der 78. Minute nach einem schlecht hinausgespielten Corner bei Sebastian Boenisch. Aus dem Halbfeld schlug er einen hohen Ball in den Strafraum, Pizarro ließ Paolo Maldini aussteigen und köpfelte zum Ausgleich ein – Werder war aufgestiegen.
In den nächsten Runden schaltete der Klub Saint-Etienne und Udinese aus, im Halbfinale wartete ein alter Bekannter: der HSV. Da die beiden Vereine auch in der Liga und im Cup aufeinandertrafen, standen innerhalb von 19 Tagen vier Nordderbys an. Werder setzte sich in allen drei Duellen durch. Dennoch fehlte nicht viel, und die Saison wäre ernüchternd geendet: In der letzten Runde verloren die Bremer gegen den Meister aus Wolfsburg 1:5, im UEFA-Cup-Finale verloren sie gegen Schachtjor Donezk nach Verlängerung 1:2, also blieb nur noch das DFB-Pokal-Finale gegen Bayer Leverkusen. „Wir haben einfach gewinnen müssen“, sagt Boenisch. „Torsten Frings hat vor dem Spiel sinngemäß gesagt: ,Jungs, wenn ich heute nochmal eine andere Mannschaft feiern sehe, bringe ich euch um.‘ Uns ist also gar keine andere Wahl geblieben, als zu gewinnen.“
Zurück am Platz
Von möglichen Titeln will der FAC gar nicht träumen. Sein bisher einziger Meisterschaftsgewinn liegt 101 Jahre zurück, um den Aufstieg werden die Floridsdorfer auch eher nicht mitspielen. Konsolidierung als drittstärkste Wiener Mannschaft heißt das Ziel seit dem Aufstieg in die zweite Liga vor fünf Jahren. Eine ruhige Kugel kurz vor dem Karriereende sei das Engagement in Floridsdorf für ihn nicht, sagt Boenisch. Das Niveau der Liga sei recht ausgeglichen, die Qualität der Teams beachtlich. „Ich muss bei jedem Spiel 100 Prozent geben, sonst habe ich hier keine Chance. Da werde ich aufgefressen.“
Das hat auch mit den letzten beiden Jahren zu tun, in denen Boenisch vereinslos war. Anfangs seien zwar immer wieder einmal Angebote gekommen, zumeist weit weg von der neuen Heimat in Wien. „Es waren nicht die richtigen dabei“, sagt er. „Wenn du zwei Kinder hast, überlegst du auch noch einmal anders.“ Mit fortschreitender Zeit kamen immer weniger Angebote, bis dann gar keine mehr eintrafen. Boenisch trainierte ab dem Frühjahr beim FAC mit, um sich fitzuhalten. Im Sommer unterschrieb er den Vertrag mit einer einjährigen Laufzeit.
Die fehlende Spielpraxis der letzten Jahre bleibt auch bei seinem Startelfdebüt am 21. September nicht unbemerkt. Der FAC empfängt an diesem lauen Spätsommerabend den Aufsteiger aus Dornbirn. Etwas mehr als 600 Zuschauer finden ihren Weg auf den FAC-Platz. Das Publikum ist durchmischt. Neben den Alteingesessenen sind auch Familien mit Kindern vor Ort. Auf der Tribüne hinter dem Tor unterstützt ein knappes Dutzend junger Fans ihren Klub mit Trommeln und vereinzelten Gesängen. Nur ein paar Meter weiter stehen die mitgereisten Anhänger aus Dornbirn, an zwei Händen abzählbar. Die Floridsdorfer sind nach dem guten Saisonstart klarer Favorit. Boenisch läuft als linker Innenverteidiger in der Dreierkette auf. Er wirkt sicher auf dem Platz, gibt lautstark Kommandos, seine Pässe kommen an, und ab und zu schaltet er sich ins Offensivspiel ein. Doch die Dornbirner spielen besser, zur Halbzeit liegt der FAC 0:1 zurück. Kurz nach Wiederanpfiff besiegelt Boenisch das Schicksal seiner Mannschaft. In der 56. Minute sieht er nach einem taktischen Foul Gelb, zwei Minuten später folgt nach einer Grätsche von hinten Gelb-Rot. Der FAC verliert die Partie 0:3.
„Die zweite Gelbe Karte war dumm von mir, da muss man nicht so hingehen“, sagt Boenisch beim ballesterer-Gespräch wenige Tage später. „Ich muss mich wieder daran gewöhnen, am Match teilzunehmen.“ Manager Fischer zeigt die dafür nötige Geduld. Mehrmals betont er, dass Boenisch ein Aushängeschild der Mannschaft sei. Und auch der Spieler gibt sich optimistisch. „Egal, was die Ärzte gesagt oder die Zeitungen geschrieben haben, ich bin immer wieder zurückgekommen“, sagt er. „Alles ist möglich, wenn man will.“