Seit der türkischen Militäroffensive in Nordsyrien wird über Soldatengrüße von Fußballern diskutiert. Das Thema beschäftigt Fans, Profis und Politiker ebenso wie so manchen Verein im Wiener Unterhaus.
„Gestern ist der Cousin unseres Tormanns in Syrien gestorben“, sagt Mazlum Shechi. „Ich weiß, dass es für ihn schwer ist, sich zu konzentrieren, weil ich selbst 2013 meinen Bruder verloren habe.“ Ein wichtiger Antrieb für die Gründung des FC Kurd Wien vor zwei Jahren sei es gewesen, Spielern Ablenkung von den Ereignissen in der Heimat zu verschaffen, erklärt der Vereinsobmann. An diesem Sonntagnachmittag Mitte Oktober konzentriert sich die Mannschaft in der 2. Klasse A, der achten und niedrigsten Stufe der Ligenpyramide, auf den Fußball. Sie besiegt den FC Eintracht Wien auswärts 4:1.
„Wir versuchen, nur Fußball zu spielen und nicht über Politik und Religion zu reden“, sagt Shechi. Ethnische oder religiöse Aufnahmekriterien gebe es im Verein nicht. Zahlreiche Kurd-Spieler kommen wie der Obmann aus Syrien, andere aus Österreich, Afghanistan, Irak, Somalia, einer aus dem kurdischen Teil der Türkei. Viele sind aus Kriegsgebieten geflüchtet, der 17-jährige Topscorer des Teams musste laut Shechi letzte Saison das Land mangels Asylstatus verlassen.
Schmerzhafter Gruß
Ganz vermeiden lässt sich die Politik – zehn Tage nach Beginn der türkischen Militäroffensive in Nordsyrien – aber beim ballesterer-Gespräch nicht. Die Debatte über türkische Fußballer, die die rechte Hand zur Schläfe führen, ist in den europäischen Medien sehr präsent. Sie begann wenige Stunden nach dem Start der „Operation Friedensquelle“. So nennt die türkische Armee ihren Einmarsch in die de facto autonome multiethnische Region Rojava, wie die Föderation Nord- und Ostsyrien in der kurdischen Sprache Kurmandschi heißt. Am Abend des 10. Oktober besiegte das türkische Nationalteam Albanien und feierte den Erfolg mit einem kollektiven Soldatengruß.
Dass türkische Fußballer so ihre Solidarität mit dem Einmarsch demonstrieren, ist für Shechi inakzeptabel. Siba al-Younes, die Tochter des Kurd-Trainers, selbst beim ASV 13 aktiv, kommt dazu und sagt: „Mir tut der Soldatengruß weh. Besonders weh tut es mir, dass durch den Einmarsch Kinder nicht mehr in die Schule gehen können und manche sogar sterben.“ Verschiedene Profis widmeten den fußballerischen Erfolg ausdrücklich den in Syrien einrückenden Soldaten. Einer der ersten, der sich in den sozialen Medien solidarisierte, war Cenk Sahin. „Wir sind an der Seite unseres heldenhaften Militärs und der Armeen. Unsere Gebete sind mit euch!“, schrieb er auf Instagram. Starker Tobak, auch für seinen Arbeitgeber, in dessen Leitlinien es heißt: „Toleranz und Respekt im gegenseitigen Miteinander sind wichtige Eckpfeiler des FC St. Pauli.“ Der Protest der überwiegend linksalternativen Fanszene des deutschen Zweitligisten ließ nicht lange auf sich warten. Drei Tage später wurde Sahin freigestellt. „Zur Entscheidungsfindung trugen vor allem die wiederholte Missachtung der Werte des Vereins sowie der Schutz des Spielers bei“, schrieb der Klub auf seiner Website.
Solidarität und Provokation
Beim folgenden Heimspiel zeigten Sankt-Pauli-Fans eine Choreografie in den kurdischen Farben mit dem Schriftzug „Biji Rojava!“, Hoch lebe Rojava. Sahin trainiert laut Medienberichten seither bei Basaksehir mit, jenem Istanbuler Klub, der Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nahesteht. Beim Torerfolg gegen den Wolfsberger AC in der Europa League salutierten mehrere Spieler, darunter der Brasilianer Robinho, obwohl die UEFA bereits Ermittlungen wegen mutmaßlicher politischer Provokation beim Länderspiel eingeleitet hatte.
Auch Veli Kavlak, ehemaliger Spieler von Rapid, Besiktas und des österreichischen Nationalteams, äußerte sich in den sozialen Medien: „Es begann. Möge Allah mit uns sein und unser Heer siegreich machen. Die türkische Nation ist bei dir.“ Er löschte den Tweet zwar nach wenigen Stunden, aber FPÖ-Chef Norbert Hofer nutzte den Anlass, um gleich für alle Türken die Aussetzung der Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft zu fordern.
Einer, der als Kind von einer solchen Maßnahme betroffen gewesen wäre, ist Ilkkan Alphan. Der Österreicher mit kurdisch-türkischen Wurzeln gründete 2017 in Wien den SV Rojava. Als Obmann empfängt er Mitte Oktober den ballesterer beim Heimspiel gegen den Margaretner AC in Wien-Favoriten. Seine Mannschaft begeht den letzten sommerlichen Herbsttag mit attraktivem Kombinationsfußball und einem 7:0-Sieg, mit dem das Team auf den dritten Platz in der 1. Klasse A vorstößt.
Namensvoting
Wie beim FC Kurd stehen überwiegend kurdische Spieler aus mehreren Ländern auf dem Platz, gesprochen wird auf Kurmandschi, Arabisch und Deutsch. Und wie FC-Kurd-Obmann Shechi will auch Alphan die Wahl des Vereinsnamens nicht als politische Aussage verstanden wissen. Shechi nennt bessere Aussichten auf Spenden aus der kurdischen Community als Hauptgrund, Alphan erzählt von einem Mitgliedervoting. Die Stimmen hätten sich auf die verschiedenen Städte, aus denen die Spieler ursprünglich kommen, aufgeteilt. Da die meisten aus der Region Rojava stammen und Kurmandschi sprechen, sei der Name die logische Konsequenz.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden kurdischen Vereinen besteht in ihrer Beziehung zum türkisch dominierten FC Brigittenau. Vergangenen Winter artete ein Cupmatch zwischen dem FC Kurd und den Brigittenauern nach dem Elfmeterschießen in einer Massenschlägerei aus, von der Medien überregional berichteten. Das öffentlich kursierende Smartphone-Video des Vorfalls lässt keinen Aufschluss über den Hergang zu. Die Folgen sieht Kurd-Obmann Shechi noch heute am Spielfeldrand: „Früher waren oft ein paar hundert Fans bei den Spielen, das waren hauptsächlich Familien. Die meisten von ihnen kommen aus Angst nicht mehr.“ Der Obmann des FC Brigittenau, Ahmet Eren, will auf Anfrage des ballesterer zu dem Vorfall nichts mehr sagen und verweist auf seine Facebook-Stellungnahme kurz nach dem Ereignis. Der Wiener Fußball-Verband verhängte über beide Vereine eine Geldstrafe von 500 Euro.
Rojava spielt regelmäßig gegen Brigittenau in der Liga. „Wir reden schon zwei, drei Wochen vor den Spielen mit den Brigittenauern“, sagt Obmann Alphan. Die Beziehung zwischen den beiden Vereinen sei zwar distanziert, aber sie funktioniere. Brigittenau-Obmann Eren bestätigt die Gesprächsbasis. „Wir bereiten unsere Spieler auch besonders auf solche Spiele vor“, sagt Alphan, „Wir sagen ‚Wenn du ein Foul gemacht hast, entschuldige dich sofort. Und lass dich nicht provozieren.‘“ Das würde auch für den Fall gelten, dass türkische Spieler salutieren, obwohl Alphan das als inakzeptable Provokation betrachtet. Rojava biete bei Risikospielen fünf bis sechs statt der üblichen zwei bis drei Ordner auf. Es helfe auch, wenn der Verband bei heiklen Partien Präsenz zeige, sagt der Rojava-Obmann.
Im weiteren Gespräch hebt Alphan überraschend die guten Beziehungen zu einem anderen Ligakonkurrenten hervor, mit dem Rojava auch Freundschaftsspiele austrägt: 1453 Fetih Tarhana. Tarhana ist der Ort in Mittelanatolien, aus dem mehrere Vereinsmitglieder stammen. Der Namenszusatz wiederum bezieht sich auf die Eroberung – Türkisch: fetih – des christlichen Konstantinopel, das heutige Istanbul, durch die Osmanen im Jahr 1453.
Kämpfer gegen Eroberer
Der Spielplan meint es gut mit dem Rechercheteam. Es entscheidet sich, beim Stand von 5:0 für Rojava in den nahen Stadtteil Oberlaa zu fahren. Hier bestreitet 1453 das Abendspiel gegen den FK Borac Vienna. Borac ist das bosnische Wort für Kämpfer. Als der ballesterer eintrifft, sind die meisten 1453-Spieler mit dem Handy beschäftigt. Denn in Istanbul wird gerade das Derby zwischen Besiktas und Galatasaray angepfiffen. Die ethnische Zusammensetzung der Teams folgt einem inzwischen vertrauten Muster. Eine Community dominiert, bei 1453 sind es die Türken, laut Vereinsobmann Hüyük Yilmaz sind zwei von ihnen Kurden. Es spielen aber auch Afghanen und Österreicher mit, der Kapitän, sagt Yilmaz, komme aus Albanien.
Während des Spiels agiert der Obmann zugleich als Trainer und Interviewpartner. Immer wieder fordert er seine Spieler zur Ruhe auf, reklamiert aber selbst beim Schiedsrichter, der einen schweren Stand hat. Eroberer und Kämpfer schenken einander nichts und kassieren elf Gelbe und eine Gelb-Rote Karte.
In Anwesenheit des ballesterer wird der Soldatengruß nicht gezeigt, die 1453-Spieler feiern ihre vier Tore zum 4:3-Sieg über Borac konventionell.
Yilmaz berichtet, dass die Diözesansportgemeinschaft, bei der sein Verein vor dem Wechsel zum Wiener Verband aktiv war, den Vereinsnamen anfangs skeptisch betrachtet habe. „Ich habe ihnen gesagt, dass andere Klubs in Wien Ararat und Canlar heißen. Das ist genauso wenig politisch oder religiös wie 1453 Fetih“, sagt Yilmaz. Einen wesentlichen Unterschied zwischen „1453 Eroberung“ und dem Ararat, dem in der Türkei gelegenen heiligen Berg der Armenier, oder dem bei Aleviten gängigen Begriff für „Seele“ will er nicht erkennen. WFV-Präsident Robert Sedlacek will sich in die Diskussion über politische Interpretationen der Klubnamen nicht einmischen: „Die Vereinsbehörde beschließt, ob Vereinsnamen bewilligt werden“, sagt er. „Wir schließen uns dieser Einschätzung an.“
Vorbild Griezman
Wie die Obmänner von FC Kurd und SV Rojava erklärt auch jener von 1453 Fetih, Fußball und Politik nicht vermischen zu wollen. Auf die Soldatengrüße angesprochen, geht Yilmaz in die Offensive: „Was sagen Sie denn zu Griezmann?“ Schriftführer Hüseyin Sungur sucht kurz in seinem Handy und präsentiert ein Bild des Stürmers, auf dem er nach der gewonnenen WM vor Staatspräsident Emmanuel Macron salutiert. Das gebe es schon lange, sagt Yilmaz. Dass einer der 1453-Spieler beim letzten Match salutiert hat, falle unter das Recht auf freie Meinungsäußerung. In Anwesenheit des ballesterer wird der Soldatengruß nicht gezeigt, die 1453-Spieler feiern ihre vier Tore zum 4:3-Sieg über Borac konventionell.
Auch Vereinsobmann Yilmaz betont das freundschaftliche Verhältnis zum SV Rojava und sagt über den FC Kurd: „So einen guten Gastgeber habe ich überhaupt noch nie erlebt.“ Schriftführer Sungur ergänzt: „Wir haben kein Problem mit Kurden. Wir haben nur ein Problem mit Leuten, die sich nicht vom Terror distanzieren.“ Damit spielt er auf die in der Türkei über Parteigrenzen hinweg etablierte Mehrheitsmeinung an, die Militäroffensive diene der Selbstverteidigung gegenüber den kurdischen YPG-Milizen, die ihnen als terroristisch gelten. Die meisten internationalen Experten stufen die türkische Intervention hingegen nicht als Verteidigungsmaßnahme, sondern als völkerrechtswidrig ein. Sie kritisieren auch das gemeinsame Vorgehen der türkischen Armee mit islamistischen Milizen. Viele befürchten ein Wiedererstarken des Islamischen Staats, den die YPG gemeinsam mit westlichen Verbündeten zurückgedrängt hatte. Amnesty International berichtet zudem von Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen der Armee.
Solche Themen belasten die Spieler in diesem Moment nicht. 1453 besingt in der Kabine lautstark das 4:3, während der ausgeschlossene Borac-Spieler beim Einsammeln der Ersatzbälle noch eine Weile vor sich hin schimpft.
Fairness und Politikfreiheit
Der Fußballsonntag geht zu Ende, die Spieler in Wien kehren in den Alltag zurück. Für einige gehören dabei Nachrichten aus Syrien über Angehörige und Freunde auf der einen oder der anderen Seite dazu. Sie haben ganz unterschiedliche Meinungen zum dortigen Konflikt. Die Vereinsobleute werden sich am nächsten Wochenende wieder bemühen, trotzdem einen fairen Umgang ihrer Teams und Fans miteinander zu gewährleisten. Und sie werden versuchen, der Vorgabe der Verbände, vom WFV bis zur FIFA, gerecht zu werden: Politik und Sport sind strikt zu trennen.
Ob die UEFA-Ermittlungen gegen den türkischen Verband wegen der Soldatengrüße Folgen haben, ist bei Drucklegung noch offen, obwohl inzwischen schon vier Wochen vergangen sind. Das Urteil ist auch für den Wiener Amateurfußball relevant. „Der WFV und seine zuständigen Gremien warten mögliche Ergebnisse ab“, sagt Präsident Sedlacek. Aktuell gebe es im Verband aber keine Anzeigen wegen Soldatengrüßen.
Unabhängig davon, wie die UEFA entscheidet, trifft sie damit ein politisches Urteil. Kommt der türkische Verband ungeschoren davon, wird man dem europäischen Verband vorwerfen, Kriegspropaganda zu tolerieren. Setzt es eine Strafe, werden einige der UEFA ein gestörtes Verhältnis zur Meinungsfreiheit unterstellen. Beide Meinungen werden auch in den Wiener Amateurligen zu finden sein, so unpolitisch die meisten Akteure am Spielfeldrand auch agieren mögen.
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