Zwischen Held und Pechvogel des Spiels lagen wenige Sekunden – und ein verschossener Elfmeter. Sonst hätte Martin Hinteregger mit der Frankfurter Eintracht im Mai womöglich das Finale der Europa League erreicht. Dass ihn danach die Ultras trösteten, zeigt, wie wichtig Hinteregger in den wenigen Monaten für den Verein und dessen Umfeld geworden ist. In nur zwei Pflichtspielen musste er verletzt pausieren, spielte sonst fast immer 90 Minuten durch – oder wie im Halbfinalrückspiel gegen Chelsea 120. Hinteregger verfügt über eine aggressive Zweikampfführung und eine riskante Spieleröffnung. Diese Fähigkeiten hat er über die Jahre perfektioniert, sodass er heute einer der außergewöhnlichsten Innenverteidiger Europas ist.
Von links in die Mitte
Im Oktober 2010 waren die Sorgenfalten bei Huub Stevens besonders tief. Der etatmäßige Linksverteidiger Andreas Ulmer von Red Bull Salzburg hatte sich verletzt, daraufhin verhalf der Trainer dem erst 18-jährigen Hinteregger zum Debüt. Das erste Rufzeichen setzte er beim Remis gegen Juventus. Es war jedoch von Beginn an klar, dass Hintereggers Stärke in der Abwehrzentrale lag. Auf der Außenbahn konnte er weder seine Fähigkeiten im Pressing noch sein überragendes Aufbauspiel zeigen.
Der große Durchbruch gelang ihm zwei Jahre später unter Roger Schmidt, der in Salzburg eine offensive Spielweise mit einem extremen Pressing entwickelte. In seinem 4-2-2-2 sollten sowohl die Stürmer als auch die Flügelspieler den Gegner weit vorne anlaufen und dabei versuchen, ihn in Richtung Außenbahn zu lenken. Dort konnte der Ball dann mithilfe der Außenverteidiger erobert werden. Das bedeutete wiederum, dass die Außenverteidiger weite Wege zurücklegen und dementsprechend viel Raum und oft einen Gegenspieler in ihrem Rücken freilassen mussten. Auf den ersten Blick wirkte diese Taktik leichtsinnig. Wer sollte die Lücken schließen, die aufgingen, wenn der Außenverteidiger dem Ball quer über das halbe Spielfeld nachlief? Die Antwort: Martin Hinteregger.
Der Innenverteidiger hatte als Vorgabe das Durchsichern: Verlässt der Außenverteidiger seine Position, muss der ballseitige Innenverteidiger diese quasi übernehmen. Was für viele eine unlösbare Anforderung dargestellt hätte, wirkte bei Hinteregger fast schon spielerisch einfach. Problemlos hielt er die Abwehr zusammen, während fast alle Teamkollegen vorne ins Pressing gingen. Und wenn das Pressing einmal schiefging, hatte er stets das richtige Timing, um aus der Abwehr hinauszulaufen und den Gegner rechtzeitig am Angriff zu hindern. Im Juli 2014 ging Schmidt zu Bayer Leverkusen, ihm folgte Adi Hütter und eine Saison später Peter Zeidler. Ein halbes Jahr darauf ging Hintereggers Zeit in Salzburg zu Ende, er wechselte leihweise zu Borussia Mönchengladbach.
Missverständnis und Erlösung
„Wir verteidigen sehr viel höher, wir attackieren sehr viel früher.“ – So beschrieb Mönchengladbach-Trainer André Schubert im Jänner 2016 die Spielweise seines Teams. Das hätte Hinteregger entgegenkommen müssen. Doch Schubert ruderte wenige Wochen später zurück. „Er ist grundsätzlich ein Spieler, der sehr hoch verteidigen kann“, sagte der Trainer über den Österreicher. „So wie er es bei seinem bisherigen Verein gemacht hat, ist es mir aber zu wild und zu viel.“ In seiner Zeit bei Gladbach konnte Hinteregger sich nicht wirklich integrieren – oder dem Verein gelang es nicht, Hinteregger und seine Stärken in das Team zu integrieren. Immer wieder musste er als linker Außenspieler agieren. In zehn Spielen unterliefen ihm zwei Eigentore. Das Kapitel Mönchengladbach war nach wenigen Monaten beendet.
Ab Sommer 2016 spielte Hinteregger beim FC Augsburg, er avancierte dank souveräner Leistungen und provokanter Aussagen gegen Red Bull schnell zum Publikumsliebling. Gegen den Ball agierte die Mannschaft von Martin Baum zwar oft mit einem tiefen Mittelfeldpressing und einer überwiegenden Orientierung am Mann, doch mit dem Ball konnte Hinteregger immer wieder seine Qualitäten im Spielaufbau zeigen. Dennoch wirkte es stets so, als würde er in Augsburg sein Potenzial nicht voll ausschöpfen können. Im Jänner 2019 kritisierte er nach dem zehnten sieglosen Spiel in Folge die Spielweise seines Trainers: „Wenn man sich nur hinten reinstellt und nur bettelt, ein Tor zu bekommen, sieht ein Spiel so aus“, sagte er der Presse. Es kam zum Bruch. Drei Tage später wechselte er leihweise zu Eintracht Frankfurt. Der Trainer dort war mit Adi Hütter ein alter Bekannter.
In Frankfurt blühte Hinteregger auf. Hütter wusste, wie er ihn richtig einsetzt. Gegen den Ball zelebrierte die Eintracht Pressing wie zu Salzburger Zeiten. In der halbrechten Verteidigerposition musste Hinteregger kreuz und quer hinausrücken, um Pressingläufe seiner Kollegen durchzusichern. So manches Mal rückte er weit an die Seitenlinie und hielt damit Danny da Costa den Rücken frei, dann wieder machte er den Weg durch das Zentrum zu. Später stellte ihn Hütter ins Zentrum der Dreierkette. Von dort aus konnte Hinteregger seine Qualitäten im Spielaufbau noch einmal auf eine neue Stufe heben. Seine scharfen und präzisen Flachpässe durchschneiden die Abwehrlinien der Gegner und bringen seine Mitspieler in erfolgversprechende Situationen. Mit fünf Toren in 13 Spielen hat sich Hinteregger in der aktuellen Saison zudem zum torgefährlichsten Verteidiger der fünf europäischen Topligen entwickelt. Elfmeter sind allerdings keine dabei.