Um drei Uhr in der Früh stehe ich mit Benjamin Schacherl auf einem Fußballplatz in Samara. Eingebrochen sind wir nicht, die Tore standen offen, und ein Ball liegt auch herum. Flutlicht gibt es keines, nur die aufgehende Sonne treibt uns an. Oder genauer: Sie treibt Benjamin an, mir massenhaft Gurkerl zu schieben und über jedes frenetisch zu jubeln. Ich gebe gerne damit an, in der U11 ein begnadeter Stopper gewesen zu sein, und bin ihm jetzt völlig ausgeliefert. Eine Stunde später verlassen wir die Stadt in Richtung Kasan – in einem Zug 350 Kilometer durch Russland. Wie um alles in der Welt bin ich hierhergekommen?
Die kurze Antwort lautet: Wir, also Benjamin und ich, berichten von der WM 2018, in Samara haben wir das Gruppenspiel zwischen Russland und Uruguay besucht. Zuvor haben wir in Wien die WM-Ausgabe des ballesterer brennt mitgestaltet, aus Russland berichten wir online. Ohne den ballesterer brennt wäre ich also weder zur WM noch nach Samara gekommen.
Im Ausnahmezustand
Für die längere Erklärung muss ich also ausholen. Sie beginnt im Osten, aber nicht in Russland, sondern beim SV Mattersburg, der im Sommer 2013 gerade in die zweite Liga abgestiegen ist. Ich bin Praktikant beim ballesterer brennt, und mein erster Artikel dreht sich um die Zukunft des Vereins. Mein erster Interviewpartner ist Vereinspräsident Martin Pucher. Eine knappe Stunde dauert das Gespräch, zu Wort kommen lässt Pucher mich selten. Seine erste Antwort dauert knapp 20 Minuten. Ich bin überfordert, die Rückmeldungen auf den Text sind dennoch gut.
Also bleibe ich – und lerne sehr viel. Kein Artikel erscheint, ohne dass Jakob Rosenberg und Nicole Selmer mir ausführlich Feedback geben. Ich lerne, dass ich bei Interviews mein Gegenüber manchmal unterbrechen muss und dass atmosphärische Einstiege wichtig sind – deswegen der Sonnenaufgang zu Beginn dieses Texts. Zwei Jahre später übernehme ich das erste Mal Verantwortung für einen Schwerpunkt und fahre mit Hansjörg Egerer nach Griechenland. Eine Woche verbringen wir in Athen, um Fußball und Fans eines Landes zwischen Aufstand und Krise zu porträtieren. Dafür braucht man gute Kontakte, ein politisches Verständnis der Welt – und Geld. Wir bezahlen unsere Recherchereisen selbst. Im Gegenzug bekommen wir ein knappes Honorar für den Text – und Einblicke, die anderen Zeitungen verwehrt bleiben. Das merke ich auch in Griechenland schnell. Wir treffen die führenden Köpfe von „Gate 13“, der größten Fangruppe von Panathinaikos, in deren Hauptquartier. Medien sind dort eigentlich nicht erwünscht, das machen der Stacheldraht, die verstärkten Türen und die zahlreichen Überwachungskameras deutlich. Ihre echten Namen sagen uns die Fans nicht, aber sie nehmen sich für ein Interview zwei Stunden Zeit, immerhin würden wir Fankultur verstehen.
Aber nicht nur Fans machen für uns Ausnahmen, auch Michael Margules tut das. In einer Titelgeschichte, in der es um die schillernden 1990er Jahre im österreichischen Fußball geht, darf er nicht fehlen. Margules war einer der Architekten des Börsengangs von Rapid, der den Verein fast die Existenz kostete. 1994 wurde er wegen Entgegennahme verdächtiger Geldsummen verurteilt und kam ins Gefängnis. Seither hat er öffentlich nicht mehr über sein Engagement in Hütteldorf gesprochen. Anfänglich hat er auch unsere Anfrage abgelehnt. Doch Benjamin, der über ganz andere Wege mit ihm in Kontakt ist, lässt nicht locker. Schließlich treffen wir uns in einem Eissalon am Wiener Schwedenplatz. Margules ringt mit sich, will die Geschichte aus seiner Sicht schildern und sie doch gleichzeitig vergessen. Am Ende erzählt er uns längst nicht alles, aber dennoch sehr viel. Drei Zigaretten in Rekordtempo brauchen wir danach, um unsere Euphorie halbwegs in den Griff zu bekommen.
Neue Träume
Drei solcher Siegeszigaretten rauchen wir auch im Herbst 2017 in einer Liverpooler Reihenhaussiedlung. Benjamin und ich koordinieren einen Schwerpunkt über den Liverpool FC. Wir haben einen ungefähren Plan, in welche Richtung der Text gehen könnte. Es soll nicht die alte Leier davon werden, wie großartig, authentisch und erfolgreich der Klub ist, sondern tiefer gehen. Leicht wird es nicht, als unabhängiges und armes Magazin ohne eine britische Haftpflichtversicherung hat der ballesterer brennt keine Chance, in der Premier League an Pressekarten zu kommen. Wir reisen also nicht nur auf eigene Kosten nach Liverpool, sondern auch ohne Matchkarten, dafür aber mit einer gehörigen Skepsis gegenüber der Liverpooler Version des modernen Fußballs.
George Sephton ändert das. Seit 1971 Stadionsprecher des Klubs, empfängt er uns in seinem Haus im Norden der Stadt. Seine Augen beginnen zu leuchten, als er über seinen König Kenny Dalglish und die Zeiten, als die Spieler noch mit dem Bus zu den Spielen fuhren, spricht. Aber auch Jürgen Klopp mag er. Trotz des Pathos ist Sephtons Liebe nicht ungebrochen. Der Verein würde immer unnahbarer werden, nicht einmal er könne Autogramme oder Freikarten bekommen. Mit den meisten Spielern hat er noch nie gesprochen. Die Zerrissenheit zwischen alten Erfolgen und modernem Fußball, die auch Sephton verkörpert, wurde unsere Geschichte. Es sind diese Gespräche, nach denen man das Gefühl hat, den Fußball etwas besser verstanden zu haben. Und weil Sephton in Liverpool sehr viele Menschen kennt, kennt er auch jemanden, der zwei Matchkarten für das Spiel gegen Manchester United am nächsten Tag hat.
All das, und noch viel mehr, ist der ballesterer brennt für mich. Er heißt, mit Gesprächspartnern nicht nur wegen zweier Alibizitate zu sprechen, sondern ihnen zuzuhören und nachzufragen, er heißt, sich auf Abenteuer einzulassen, weil man nur dann Geschichten schreiben kann, von denen man noch nicht einmal geträumt hat und die es anderswo nicht gibt. Er heißt auch manchmal einen Text, von dem man überzeugt war, dass er jetzt wirklich passt, noch ein siebtes Mal zur Korrektur zurückzubekommen. Und jetzt heißt der ballesterer brennt: kämpfen. Kämpfen dafür, dass es auch in Zukunft ein Medium gibt, das die Geschichten von Michael Margules, George Sephton und den Fans in Athen erzählt. Und dafür, dass es nach mir noch viele Praktikanten und Praktikantinnen gibt, die sich trotz ihrer fußballerischen Qualitäten auf einem leeren Fußballplatz in Samara bei Sonnenaufgang ein Gurkerl nach dem anderen schieben lassen.