Zentrales Element der offensiven Politik von Upsolut ist der Totenkopf, der den Hamburgbesuchern in allen möglichen Facetten entgegenlacht.
Etablierte Piraten
Es ist kein normaler Montagnachmittag auf St. Pauli. Braunweiße Fahnen flattern aus den Fenstern, aus allen Himmelsrichtungen grinsen Totenköpfe. Das Schlagerspiel der Zweiten Bundesliga zwischen dem FC St. Pauli und dem FC Augsburg sorgt für Aufregung im abseits der Reeperbahn so beschaulichen Kiez. Im direkten Duell zwischen dem Zweit- und Drittplatzierten könnte fünf Runden vor Schluss eine Vorentscheidung im Rennen um den Aufstieg fallen. St. Pauli steht unter Druck. Nach einer 0:1-Niederlage in Düsseldorf liegen die Hamburger noch einen Punkt vor Augsburg, und nur Platz zwei hinter dem souveränen Tabellenführer Kaiserslautern würde dem Klub zum 100. Geburtstag eine Aufstiegsgarantie bescheren.
Punk beim Friseur
Rund um den Paulinenplatz, wo sonst Eltern ihre Kinderwägen vor sich herschieben oder mit den Kleinen zum Eisgeschäft radeln, bestimmen Fußballfans das Stadtbild. Vor dem Fanladen in der Brigittenstraße, dem Infozentrum der St.-Pauli-Fans und Sitz des Fanprojekts, stauen sich die Leute bis auf die Straße hinaus. Die letzten reservierten Karten werden abgeholt, zahlreiche Schals und T-Shirts der eigenen Modelinie gehen über den Fanladen-Tisch. Viele sind aber auch nur gekommen, um bei einer Flasche Astra die Nervosität zu ertränken und die letzten Infos zu Spiel und Aufstellung auszutauschen.
Zwei Ecken weiter im Friseursalon „Zuzalex“ sind Scheren und Rasierer längst eingepackt. Statt „Cut & Clothes“ gibt es auch hier eine billige Astra-Knolle und Fußball als Gesprächsthema. Das punkig gestylte Geschäftslokal ist voll mit fiebernden St.- Pauli-Fans. Thomas, Dauerkartenbesitzer auf der Gegengerade, ist zweieinhalb Stunden vor Spielbeginn schon am Sprung zum nahe gelegenen Millerntor. Schließlich will er seinen Stammplatz direkt an der Mittelauflage besetzen, sobald sich die Stadiontore öffnen. „An so ein Nervenkostüm kann ich mich in über 20 Jahren Fangeschichte nur vier- bis fünfmal erinnern“, sagt der Anfangfünfziger, der von seinem über 100 Kilometer entfernten Wohnort Rendsburg aus zum Heiligengeistfeld pilgert. Schließlich setzt sich aber auch bei ihm die Zuversicht durch. „Mein Gefühl sagt mir, wir gewinnen 3:1. Auf der Hintour haben wir noch nie ein Spiel verloren „. Was heißen soll, dass sich ein St. Paulianer niemals vor Anpfiff geschlagen gibt.
„Wir steigen auf, du Fotze“, schallt es wie zur Untermauerung der Aussage lautstark aus der anderen Ecke des Salons. Der Spruch kommt von Dirk „Dicken“ Jora, Sänger der Hamburger Punk-Band Slime, der sich ebenfalls beim Friseur auf das Spiel einstimmt. Begleitet wird die Ansage von einem heftigen Schulterklopfen für den männlichen Gesprächspartner. Vom gut aufgelegten Krakeeler schweift der Blick weiter aufs Schaufenster. Der Slogan eines der dort zum Verkauf angebotenen T-Shirts könnte kaum passender sein: „Punk, du Arschloch!“ Die Atmosphäre im „Zuzalex“ entspricht den gängigen Klischees über St. Pauli, schlecht ist sie deshalb noch lange nicht.
Das Prunkstück im Süden
Vor dem Stadion herrscht eine gute Stunde vor Anpfiff dichtes Gedränge. Im Schatten der aufeinandergestapelten Schiffscontainer, die ab Juni die 100-Jahre-Ausstellung des Vereins beherbergen werden, bahnen sich zahlreiche Kartensuchende den Weg durch die Menge. Sie werden genauso draußen bleiben müssen wie einige Schiedsrichterausweisbesitzer, die sich vor dem Büro der Abteilung Fördernder Mitglieder (AFM) anstellen – auch das für sie reservierte Kartenkontingent ist längst erschöpft. Das Millerntor fasst in seiner aktuellen Umbauphase nur 19.900 Besucher, das Match gegen Augsburg ist seit Wochen ausverkauft. Auch hinter der Gegengerade steigen sich die Fans auf die Zehen. Im AFM-Container zapfen die Mitglieder des Fanklubs „Wer hat die Fahne?“ ein Bier nach dem anderen. Dieser Ausschank wechselt Spieltag für Spieltag ihre Wirte, die Einnahmen kommen dem Verein zugute.
Das Millerntor besteht jedoch längst nicht mehr nur aus Containern, bröckelnden Betonstufen und knarrenden Tribünenverschlägen. Stolz des Vereins ist die in den Jahren 2007 und 2008 für kolportierte zwölf Millionen Euro errichtete Südtribüne, Teil eins des kompletten Stadionumbaus, an dessen Ende eine Arena für knapp 28.000 Zuschauer am Heiligengeistfeld stehen soll. Die mit einer schicken Glasfassade ausgestattete Hintertortribüne beherbergt den Vereinssitz, das Projekt „Fanräume“, den Fanshop sowie Medienräumlichkeiten und bietet an Spieltagen Platz für mehr als 5.500 Zuschauer – aufgeteilt auf 3.000 Stehplätze, 1.364 Sitzplätze, 1.002 Businesssitze und elf Logen. Eingeweiht wurde sie mit einem Spiel des FC gegen die kubanische Nationalmannschaft im Juli 2008.
Bei einem Tribünenrundgang mit Sicherheitschef Sven Brux wird klar, was das neue Stadion für den Klub bedeutet. „Wir waren immer ein klammer Verein, weil wir für den Unterhalt unseres alten Stadions selber aufkommen mussten“, sagt der frühere Fanladen- Mitarbeiter. „Das Geld ist regelrecht versickert. Der Asphalt wird aufgeworfen, die Wurzeln der Pappeln fressen sich in die Abflussrinnen und verstopfen die Toiletten. Dauernd muss etwas repariert werden.“ Ende der 1980er Jahre hatte sich Brux mit den Hausbesetzern aus der Hafenstraße am Millerntor breitgemacht, jetzt sieht er sich in der Situation, exklusive Sky-Boxen rechtfertigen zu müssen, die von den Inhabern individuell auf Rotlichtbar, Kapelle oder Hafenkneipe getrimmt wurden. „Die Logen unterm Dach merkt man fast nicht“, meint der Stadionchef zum ballesterer. Auf der in Bau befindlichen Haupttribüne ist eine Doppeletage mit weiteren Logen vorgesehen. So manchen Fan ist dies ein Dorn im Auge. „Allerdings muss man auch sehen, dass die Leute auf den Business-Seats und in den Lo- gen das Geld bringen, mit dem wir uns die 15.000 Stehplätze im neuen Millerntor leisten können“, so Brux. Die neue Haupttribüne soll im Sommer fertiggestellt sein. Aktuell klafft noch eine Baulücke am Millerntor, vor die ein 120 Meter langes Banner mit Fotos der St.-Pauli-Jahrhundertelf gespannt wurde. Überdimensionale Porträts von Klublegenden wie Klaus Thomforde, Thomas Meggle und des jetzigen Co-Trainers Andre Trulsen verdecken die Sicht auf die Fertigbetonteile, die am Tag mit Kränen in Position gebracht werden.
Rette sich, wer kann
Der Stadionumbau ist das plakativste Zeichen der Veränderung, die beim FC St. Pauli in den vergangenen Jahren Einzug gehalten hat – aber bei weitem nicht das einzige. Der Klub steht finanziell so gut da wie selten zuvor in seiner 100-jährigen Geschichte. Im vergangenen Geschäftsjahr erwirtschaftete der FC St. Pauli 1,1 Millionen Euro Gewinn und erhielt die Lizenz zum ersten Mal seit Jahren im ersten Anlauf. Verbunden wird dieser Aufschwung gemeinhin mit einem Namen: Cornelius „Corny“ Littmann.
Der schwule Comedian und Besitzer des Hamburger „Schmidt Theater“ übernahm im Februar 2003 mit markigen Sprüchen („So untreu ich meinen Sexualpartnern bin, so treu bin ich meinem Verein“) das Kapitänsamt auf dem maroden Fischkutter, um ihn an neue Ufer zu steuern. Zunächst musste der FC St. Pauli jedoch vor dem Lizenzverlust und dem damit verbundenen Abstieg in die sportliche Bedeutungslosigkeit gerettet werden. Der DFB forderte vom Drittligisten im Mai 2003 innerhalb von drei Monaten einen Liquiditätsnachweis in der Höhe von 1,95 Millionen Euro. Littmann und die Fans legten sich gehörig ins Zeug, um diese Summe aufzubringen: In einer beispiellosen Aktion wurden über 100.000 „Retter“-T-Shirts verkauft, trotz der ungewissen Zukunft fanden 11.700 Dauerkarten für die kommende Saison Abnehmer, womit St. Pauli fünf Erstligisten hinter sich ließ. Kiez-Wirte schlugen bei der Aktion „Saufen für St. Pauli“ einen Soliaufschlag von 50 Cent auf jedes verkaufte Bier, ein Nachwuchszentrum wurde für 720.000 Euro an die Stadt Hamburg veräußert. Littmann scheute bei all dem nicht davor zurück, Tabus zu brechen. Dass er die „Retter“-Leiberl auch bei McDonald’s verkaufen ließ, der Hamburger CDU-Bürgermeister Ole von Beust mit an Bord geholt und der FC Bayern zum „Retter-Spiel“ eingeladen wurde, sorgte bei vielen Anhängern für Unmut. Hendrik Lüttmer, langjähriger Fan und Upsolut-Mitarbeiter, schreibt im Buch „St. Pauli ist die einzige Möglichkeit“, den Verein hätte nicht Littmann, sondern „zigtausende bekloppte Fans“ vor dem Untergang bewahrt: „Was sich Littmann dagegen sicher ans Revers heften kann, ist der charme-, scham- und stillose Ausverkauf einer Fankultur, die von ganz vielen engagierten Menschen über 15 Jahre mühsam aufgebaut worden war.“ Dem Präsidenten war das egal: Am Ende standen Einnahmen von deutlich über zwei Millionen Euro zu Buche, und er konnte sich als der große Sieger fühlen.
Von der Öffentlichkeit gefeiert, war Corny Littmann im Verein und bei Teilen der Anhänger stets umstritten. 2007 stand er kurz vor dem Abgang, nachdem ihn der Aufsichtsrat wegen Ungereimtheiten beim Stadionbau und bei Spielerverträgen seines Amts enthoben hatte. Ein Gerichtsbeschluss machte die Entscheidung jedoch rückgängig, und Littmann wurde von der Jahreshauptversammlung wiedergewählt, weil er den Mitgliedern verdeutlichte, dass das Stadionprojekt an seine Präsidentschaft gekoppelt sei. Mit den Fans gab es Krach, weil er Stadionverbote aussprechen ließ, ohne die Betroffenen anzuhören und Choreografien an Werbepartner verkaufen wollte.
Upsolut Totenkopf trifft Kalte Muschi
Für viele steht Littmann sinnbildlich für den Ausverkauf, den der Verein in den letzten Jahren verstärkt betrieben hat. Angesichts von Studien, die dem FC St. Pauli allein in Deutschland 19 Millionen Sympathisanten bescheinigen, begann die Vereinsspitze das Vermarktungspotenzial auszureizen. Als Hemmschuh erwies sich, dass das Merchandise- Geschäft im Zuge der finanziellen Schwierigkeiten für 30 Jahre an die Upsolut Sports AG abgetreten werden musste. Der FC St. Pauli sieht von den Einnahmen nur 20 Prozent plus eine festgeschriebene Gewinnbeteiligung.
Zentrales Element der offensiven Politik von Upsolut ist der Totenkopf, der den Hamburgbesuchern in allen möglichen Facetten am Flughafen, in der Innenstadt und am Fischmarkt entgegenlacht. Sven Brux sieht die Vermarktung des „zweiten St. Pauli-Wappens „ und einstigen Rebellensymbols auf Toastern, Hundenäpfen und Gummistiefeln nüchtern. „Der Totenkopf ist zu einer ganz normalen geschützten Marke geworden, das ist ein verkommerzialisiertes Symbol“, sagt der Vereinsangestellte. „Wenn du früher in einer anderen Stadt jemanden damit gesehen hast, war es ein Gleichgesinnter, bei dem du vielleicht sogar übernachten konntest. Heute würde ich mich nicht wundern, wenn Leute mit einem Totenkopf-Pulli beim Public Viewing in der ersten Reihe stehen und ›Deutschland!‹ brüllen.“ Ganz ähnlich sieht Brux die inflationäre Verwendung des Begriffs „Kult“ in Zusammenhang mit St. Pauli: „In welchen Zusammenhängen wird das denn verwendet? Der Kultklub vom Kiez, die Kultfans mit ihrem Kultgetränk und der Kultwurst. Dann gibt’s eine tolle Kultschlägerei in der Kult- Jolly-Roger-Fankneipe. Am besten könnte man den Begriff wahrscheinlich entwaffnen, indem man es auf die Spitze treibt und nur noch von Kult redet.“
Ein Experte in Sachen Kult ist auch Philipp Spaeth von der Agentur UFA Sports, die seit Juli 2009 mit den Marketing-Agenden des FC St. Pauli betraut ist. „Uns ist bewusst, dass wir hier keinen Turbokapitalismus starten können, weil das einfach nicht zum Verein passt“, sagt Spaeth zum ballesterer. „Gerade durch die wachsenden VIP-Bereiche werden wir aber vermehrt ein klassisches Sportpublikum bekommen, das mit den Wurzeln des Vereins nichts mehr zu tun hat.“ Der Marke St. Pauli tue das widerständige „Hells Bells“-Image aber sehr gut, meint der Vermarkter und bescheinigt ihr eine „extreme Strahlkraft“, die vor allem „die erfolgreichen Kämpfer“ unter den Werbekunden anziehe. Gemeint ist die zweite, aber immer noch sehr zahlungskräftige Reihe. Ein Unternehmen wie die Lufthansa werde im Zweifelsfall immer zum HSV gehen, so Spaeth, St. Pauli habe dafür gerade einen Deal mit Air Berlin abgeschlossen. „Die neuen Verträge mit Air Berlin und Hamburg Energie sind Zeichen der Kommerzialisierung, aber mit einer guten Botschaft und in der entsprechenden Dosis“, sagt der UFA-Mitarbeiter. Die entsprechende Dosis schlägt sich in den konkreten Fällen in einem Fansofa am Spielfeldrand und dem Einfärben der Ballfangnetze hinter den Toren nieder.
Wie Spaeths Aussagen unschwer erkennen lassen, hat innerhalb des Vereins ein reges Tauziehen eingesetzt, was vermarktet werden darf und was nicht. „Die Sensibilität gegenüber Kommerzialisierung ist bei St. Pauli wesentlich größer als bei anderen Klubs“, meint Sven Brux und verweist auf Etappensiege der Fans. So dürfe der Stadionname gemäß einem Beschluss der Jahreshauptversammlung nicht an einen Sponsor verkauft werden. Ebenso eine Errungenschaft des jährlich stattfindenden Fankongresses wie die Regelung, dass am Millerntor sieben Minuten vor Anpfiff mit der Beschallung durch Musik und Werbung Schluss ist, weil den Fans die Möglichkeit geboten werden soll, sich einzusingen. „Alles, was zu sehr ins Spiel eingreift, gibt es bei uns nicht. Der aktuelle Spielstand wird von niemandem präsentiert. Das würde viel Geld bringen, aber das nervt“, findet Brux.
Justus Peltzer vom Fanladen nervt noch etwas anderes. „Man muss immer im Gespräch bleiben. Viele Sachen, von denen man geglaubt hatte, sie seien tabu, sind es überhaupt nicht“, sagt der Mitarbeiter des Fanprojekts. Als aktuelles Beispiel nennt er den Werbevertrag mit „Kalte Muschi“, einem Mixgetränk aus Cola und Rotwein. Der Hersteller hat dem Verein eine sechsstellige Summe überwiesen, ist dafür auf den Banden im Stadion präsent und darf auch mit dem Totenkopf werben. „Ich halte das für blöden Sexismus oder zumindest sehr plumpen Spaß. Hier wurde in der Vorstandsetage ganz offensichtlich nicht daran gedacht, dass das vielen Leuten unangenehm aufstoßen könnte „, meint Justus. Vermarkter Spaeth kann die Ablehnung zwar nicht ganz nachvollziehen, kündigt aber an, der Verein werde aufgrund der Fanproteste mit „Kalte Muschi“ nicht weiter zusammenarbeiten.
Waffen, Zecken & Bastarde
Der Aufgang zur Südkurve des Millerntors wenige Minuten vor Ankick des Augsburg- Matches: Die letzten eintreffenden Stehplatzbesucher werden von Ordnern abgetastet. Auf den Stufen wirbt ein Teenager mit dem Spruch „Eine Spende für die Choreokasse holt die Ultras von der Straße“ um monetäre Unterstützung für die Ultrà Sankt Pauli (USP), die bestimmende Fangruppe der Südkurve. Seine Kollegen auf den Rängen halten derweil schon die Transparente gegen die Montagabendspiele des DSF, das heute erstmals als „Sport 1“ auf Sendung gegangen ist, in die Kameras. „Fernsehen macht blöd“, ist darauf zu lesen und: „Fahne statt Fernbedienung“. Der traditionelle 20-minütige Schweigeprotest gegen die fanfeindlichen Ankickzeiten wurde ad acta gelegt, weil „andere Protestformen eine bessere Wirkung entfalten können“, wie ein Flugblatt informiert.
Die Kurve gleicht einer vollen Zigarettenschachtel, die Fans stehen Schulter an Schulter. Bierholen bedeutet Platzverlust, dieses Risiko ist jedem bewusst. Um in der nächsten Saison eine Liga höher singen zu können, legt sich die Tribüne voll ins Zeug. Nach der Einlaufmusik von AC/DC und dem Konfettiregen stimmen die drei Vorsänger von USP den Wechselgesang „Aux Armes“ an, Gegengerade und Nordtribüne ziehen mit. Von Beginn an entwickelt sich eine mitreißende Stimmung, die der Bedeutung des Spiels gerecht wird.
Das Geschehen auf dem Feld entspricht dagegen zunächst nicht den Erwartungen der rund 19.000. Das Kurzpassspiel des FC St. Pauli kommt nicht zur Entfaltung, und die Braun-Weißen müssen sich bei Keeper Matthias Hain bedanken, der die gefährlicheren Augsburger mehrmals am erfolgreichen Torschuss hindert. Der Support gerät deshalb nicht ins Stocken. „Wir sind Zecken, asoziale Zecken, schlafen unter Brücken …“ und „Siege für uns, magisches St. Pauli“, intoniert das Millerntor, und auch das vermeintliche Dogma des Nichtbeschimpfens von Gegnern wird übergangen. „We hate the Volkspark- Bastards“ – „And beat the fucking Augsburg“ schallt es in einem weiteren Wechselgesang von Tribüne zu Tribüne.
Weitere Transparente deuten jedoch darauf hin, dass nicht alles eitel Wonne ist unter den Fans am Millerntor. „Das Porzellan ist zerschlagen – Aber Scherben bringen Glück!“, heißt es aufseiten von USP. Und auf der Gegengeraden ist zu lesen: „Neger? Schwuchtel? Fotze? Fickt euch!“ Beide Transpis spielen auf die Ereignisse im letzten Heimspiel gegen Hansa Rostock an, als eine Blockadeaktion von USP tiefe Gräben in den Beziehungen zwischen einzelnen Fangruppen offenbarte.
Die North-Face-Blockade
Weil es in den vorhergegangenen Partien gegen Rostock stets gescheppert hatte, wollte das St.-Pauli-Präsidium das Spiel ohne Gästefans durchziehen. Der Plan ging zwar zunächst nicht auf, weil sich Rostock nicht darauf einlassen wollte, bei der Polizei trat der Verein aber offene Türen ein. Im Einvernehmen mit den Behörden verkündete Corny Littmann schließlich, dass nur 500 personalisierte Sitzplatzkarten an Auswärtsfans vergeben würden – ein Affront, der den Gastverein dazu bewegte, ganz auf die Tickets zu verzichten. Die beiden verfeindeten Fanseiten sahen sich massiv in ihren Rechten beschnitten, befürchteten einen Präzedenzfall und entschlossen sich zum gemeinsamen Protest. Im Auswärts- und Heimblock wurden gleichlautende Protestbotschaften („Stell dir vor, es ist Fußball und keiner darf hin“) angebracht. Rund 20 Fanklubs des FC St. Pauli verzichteten zudem auf einen organisierten Support und forderten die Anhänger in der Südkurve auf, die Tribüne erst fünf Minuten nach Anpfiff zu betreten. Bei der Blockade kam es dann jedoch zum Eklat: Mitglieder von USP hinderten Fans, die nicht an der Aktion teilnehmen wollten, am Betreten der Kur- ve und ernteten dafür Beschimpfungen wie „Wir sind St. Pauli, scheiß USP!“ und wurden gleichermaßen als „Nazis“, „Schwuchteln „ und „Nigger“ verunglimpft, vereinzelt kam es auch zu Handgreiflichkeiten. Zudem entstand ein Gedränge, das einige Tribünenbesucher als bedrohlich empfanden und zahlreichen Inhabern von Sitzplatzkarten den Zugang zu ihren Plätzen im Oberrang verwehrte. Die Blockade wurde nach dreieinhalb Minuten abgebrochen. Während des Spiels folgten weitere Anfeindungen der USP von Teilen der Südtribüne und der Gegengerade, die den 2:0-Sieg zur Randerscheinung werden ließen. In den folgenden Tagen füllte die Diskussion die Sportseiten großer deutscher Medien genauso wie die zahlreichen St. Pauli-Foren.
„Wenn jemand meint, rassistische oder homophobe Sachen schreien zu müssen, dann gibt’s einen Verweis.“
Sven Brux versteht die Aufregung. „Den Leuten wurde eine Meinung aufgezwungen. Das geht nicht“, sagt der Sicherheitschef zum ballesterer. „Wenn ich jemanden zu solidarischem Handeln bewegen will, muss er das freiwillig machen. Ich muss ihn dort abholen, wo er steht. Aber ich kann mich nicht mit North-Face-Jacke und Sonnenbrille hinstellen und sagen: ›Du kommst hier nicht rein!‹ Dazu kam, dass viele von vornherein einen langen Hals gegen die USP hatten.“ Justus vom Fanladen ist derselben Ansicht: „Gegen Rostock hat sich etwas entladen, was sich über lange Zeit aufgestaut hat. Die Kritik endet ja oft mit der Aussage: ›Und außerdem finde ich den Dauersupport scheiße‹, was mit der konkreten Sache nichts zu tun hat.“
Polarisierende Stehaufmanderln
Die Ultras zeigen sich selbstkritisch. In einer vor dem Augsburg-Match verbreiteten Erklärung gesteht USP eine „Fehleinschätzung des Solidaritätsgefühls in der Fankurve „ und ein Scheitern der Aktion ein und zeigt sich befremdet über die Heftigkeit und den Ton der Gegenreaktionen. „Das war mit großem Abstand der bitterste Moment meines Fanlebens“, erinnert sich Vorsänger Henning an die Szenen im Gang der Südtribüne. Nach den Gründen für die Eskalation befragt, meint er: „Die ständige Ignoranz gegenüber Fanthemen, diese krasse Repression, die im Rostock-Match durch uns – den Non-established-Verein – noch einmal einen Riesenschritt nach vorn gemacht hat, hat einigen Ultras, die sich für St. Pauli den Arsch aufreißen, den Kragen platzen lassen.“ Auf der anderen Seite sei auch bei den „normalen Leuten“ und Ultra-Gegnern das Fass übergelaufen.
Anfeindungen sind für Ultrà Sankt Pauli nichts Neues. 2002 gegründet, sahen sie sich ähnlichen Problemen schon auf ihrem ursprünglichen Platz, der Gegengerade, ausgesetzt. „Wir wurden beschimpft, bepöbelt und mit Bierbechern beworfen. Wir mussten Wände einreißen, bevor das Ganze gewachsen ist“, erzählt Sebastian von USP im Gespräch mit dem ballesterer. Hauptknackpunkt sei das Abgehen vom britischen Support gewesen. „Wir haben italienische Lieder ins Deutsche übersetzt und mit 25 Leuten gesungen. Da galt: machen, hinfallen, aufstehen und wieder machen. So haben wir angefangen, alles falsch zu machen“, sagt Henning. Von der Notwendigkeit des Prozesses, den die Ultras losgetreten haben, ist er überzeugt: „Die Gegengerade hatte den Anspruch, eine der lautesten Tribünen Deutschlands zu sein, was nicht mehr der Realität entsprach. Die älteren Fans sind nach 15 Jahren St. Pauli müde geworden, der ›Millerntor-Roar‹ in seiner ursprünglichen Form war nicht mehr existent.“
Trotz der Auffassungsunterschiede hinsichtlich des Supportstils wurde den Ultras in den vergangenen Jahren zunehmend Anerkennung der anderen Fans und auch des Vereins zuteil – nicht zuletzt wegen ihres sozialen Engagements. So arbeitet die USP mit zahlreichen Antirassismus-Initiativen zusammen und betreibt seit 2003 ein Projekt, in dessen Rahmen sie zu jedem Heimspiel Flüchtlinge ins Stadion begleiten. In politischer Hinsicht setzten die Ultras die linke Tradition auf St. Pauli fort. „Wenn jemand meint, rassistische oder homophobe Sachen schreien zu müssen, dann gibt’s einen Verweis“, sagt Henning. „Diese Grundsätze, die vor unserer Zeit gefestigt wurden, vereinen St. Pauli und definieren uns als Fans.“ Mit dem Stadionumbau übersiedelten die Ultras auf die Südtribüne und bekamen in Kooperation mit dem Fanladen den Dauerkartenverkauf für den dortigen Stehplatzbereich überantwortet. Ein Privileg, das nach den Vorfällen gegen Rostock der Vergangenheit angehören könnte, kündigte der Verein doch danach an, alle Sonderrechte für Fangruppen mit sofortiger Wirkung zu streichen.
„Hier ist Fußball noch echt. Wenn es regnet, krieg’ ich nasse Füße, wenn die Sonne scheint, muss ich eine Brille aufsetzen.“
Das Verhältnis der Ultras zum Präsidium war schon zuvor gespalten. „Littmann ist eine Person, die sehr stark polarisiert“, meint Henning. „Er macht viel für den Verein und scheut nicht davor zurück, Sachen falsch zu machen, wenn er davon überzeugt ist. Von daher ist er fast vergleichbar mit USP.“ Der Support der Südkurve passe optisch wie akustisch gut in Littmanns Konzept, meinen die Ultras. „Andererseits sind wir ihm ein Dorn im Auge, weil wir Sachen nicht unhinterfragt geschehen lassen. Wir sagen nicht: ›Cool, der baut uns ein Stadion, deswegen kann er auch eine Plastikwährung am Millerntor einführen.‹ Ohne uns wäre der Widerstand gegen ihn noch kleiner.“
Verständnis von den Alten
Auf dem Rasen ertönt der Pausenpfiff. St. Pauli hat sich mit Fortschreiten der Partie Feldvorteile erarbeitet und erntet dafür aufmunternden Applaus. Seitenwechsel auf die Gegengerade. Der Gang unter der Sitzplatztribüne ist ein Stadionerlebnis der besonderen Art: Das Konstrukt aus Brettern und Stahlrohren hat sich seit Jahren nicht verändert, durch die Holzbretter, die den Boden bilden, rinnt Bier. Zum Pinkeln müssen die Fans in Container, vor denen sich lange Warteschlangen bilden. Drinnen staut sich Urin zentimeterhoch in der Pissrinne, der Geruch ist entsprechend.
Auf der Tribüne steht Thomas aus dem Friseursalon inmitten seiner Partie, einem bunten Haufen St.-Pauli-Fans fortgeschrittenen Alters, der sich seit Jahren auf den überfüllten Stufen der legendären Stehplatzterrasse auf die Zehen steigt. Die Erneuerung ihres Stammreviers sehnen sie trotzdem nicht herbei. „Wenn sie meine Gegengerade umbauen, werde ich weinen, weil damit ein Stück meines Fandaseins abgerissen wird“, meint Thomas. „Hier ist Fußball noch echt. Wenn es regnet, krieg’ ich nasse Füße, wenn die Sonne scheint, muss ich eine Brille aufsetzen.“ Von einer Anti-Ultra-Stimmung ist auf dem Stehplatz der alteingesessenen St.-Pauli-Fans nichts zu spüren. Thomas kann mit der Kritik an den jüngeren Anhängern wenig anfangen: „Früher war hier die Brutstätte, aber das ist 20 Jahre her, und damit ist es vorbei. Wenn ich es übertrieben ausdrücken möchte, wäre das, was St. Pauli ausmacht, ohne die USP schon tot.“ Die Drängerei bei der Blockade gegen Rostock sei zwar unnötig gewesen, meint er, inhaltlich stehe er aber voll hinter dem Protest: „Wenn in der Südkurve und im Rostock-Sektor derselbe Spruch steht, dann sagt das alles.“
Eine Lanze dafür, die Gräben zwischen den Fangenerationen zuzuschütten, bricht auch Sven Brux. „Leute aus meiner Generation, die sich heute über Ultras aufregen, sollten sich selbstkritisch fragen, wie sie vor 20 Jahren aufgetreten sind. Da gab es eine etablierte Fanszene, die von Rockern bestimmt wurde. Auf einmal kommen die Bunthaarigen aus der Hafenstraße an und machen sich breit. Und weil sie eine ganz dicke Fresse haben, rasant mehr werden, sehr aktiv sind, verdrängen sie zunehmend die Alten“, meint der heutige Sicherheitschef. „Früher wurde auch rumgepöbelt: ›Was wollt ihr denn? Ich bin schon hier gestanden, da wart ihr noch flüssig.‹ Heute gibt’s Ultras, und in 20 Jahren regen die sich über eine andere Gruppe auf.“
Herr Lehm ann und die Bierdusche
Rumpöbeln ist an diesem Abend genauso wenig angesagt wie Meckern über die nicht gerade berauschende Vorstellung des FC St. Pauli in der ersten Hälfte. Das Millerntor steht auch nach Wiederanpfiff vereint hinter der Mannschaft und wähnt sich glücklich, dass der Schiedsrichterassistent dem 0:1 durch Augsburg-Torjäger Michael Thurk wegen angeblichen Abseits die Anerkennung verweigert. Im Gegenzug nimmt sich Matthias Lehmann ein Herz und drischt den Ball von der Strafraumgrenze in die Maschen. Die Gegengerade liegt sich zu den Klängen von Blurs „Song 2“ in den Armen, vor der Bierdusche gibt es kein Entrinnen. Angetrieben von der „Singing Area“ in der oberen Etage läuft das Menschenmeer auf dem Stehplatz in der Folge zu wahrer Hochform auf, braun-weiße Fahnen und Totenköpfe flattern im Wind und die Südkurve übernimmt die Gesänge, als hätte es nie Auseinandersetzungen gegeben. Als Marius Ebbers nach einer guten Stunde im Stil eines echten Torjägers das 2:0 erzielt, geht die „Pauli- Party“ in ihre nächste Phase. Klassiker wie „1:0 St. Pauli vor“ und „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ lassen auch die Herzen der Anhänger der alten Hamburger Schule höher schlagen. Auch wenn einige Skeptiker immer noch zittern: Der Abend ist gelaufen. Ebbers darf sich nach dem 3:0 kurz vor Schluss zum „Fußballgott“ krönen lassen, und ein paar Spaßvögel schicken ein „Stani raus!“ in Richtung des St.-Pauli-Trainers Holger Stanislawski. Dann ist Schluss, und die Mannschaft feiert den frisch eroberten Vier-Punkte-Polster auf den Aufstiegskonkurrenten mit der Welle vor allen drei Tribünen. Morike Sako, nicht zum Einsatz gekommener Wechselspieler, tanzt mit einer kleinen Fackel über den Rasen, Sven Brux wird vermutlich ein Auge zudrücken.
Das Stadion leert sich erstaunlich rasch und gibt ein paar Alkoholleichen frei, die über die mit Bierbechern übersäten Stufen torkeln. Richtige Partystimmung will auch in den Lokalen am Kiez und im benachbarten Schanzenviertel nicht aufkommen. Die selbst ernannten „Zecken“ müssen morgen wieder arbeiten gehen. Gefeiert wird, wenn überhaupt, erst nach dem 34. Spieltag. Es ist eine ganz normale Montagnacht auf St. Pauli.
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