Die Autobahn zwischen Kabul und Jalalabad in Afghanistan gilt als gefährlichste Straße der Welt. „Angriffe der Taliban, Entführungen, Autobomben sind der Grund“, schreibt Franz Stefan Gady im Onlinemagazin The Diplomat darüber, „aber vor allem: rücksichtslose einheimische Autofahrer, die denken, dass auf der 160 Kilometer langen Straße die Gesetze der Physik für sie und ihre Autos nicht gelten.“ In Kabul endet die Autobahn am Busbahnhof. Von dort sind es nur zehn Minuten Fußweg zum Ghazi-Stadion, dem Nationalstadion Afghanistans mit 25.000 Sitzplätzen. „Bei Nacht wagen sich nur wenige Menschen in die Gegend rund um das Stadion“, sagt James Dorsey, Experte für Fußball im Nahen und Mittleren Osten. „Auch Security-Angestellte tauchen dort nur selten auf. Sie fürchten, dass sie von den Toten heimgesucht werden.“ Das klingt nach Aberglaube. Mit einem Körnchen Wahrheit.
Bin Ladens Liga
Im September 1996 marschierten die Taliban-Milizen nach vierjährigem Kampf in Kabul ein, töteten Staatspräsident Mohammed Nadschibullah und errichteten das Islamische Emirat Afghanistan. Das 1923 eröffnete Ghazi-Stadion diente ihnen als Gefangenenlager und Hinrichtungsstätte. Vor Fußballspielen, in der Halbzeit und danach. Ein Bild ging um die Welt: 1999 wurde eine Frau namens Zarmeena an der Strafraumgrenze von einem Taliban-Kämpfer mit zwei Schüssen hingerichtet. Sie soll ihren Ehemann umgebracht haben. Sayed Ali Kazemi war zwölf Jahre lang als Sportjournalist in Afghanistan tätig. Heute ist er Pressesprecher des Verbands. „Viele Spieler von damals sind noch heute traumatisiert“, sagt er dem ballesterer. Einer habe ihm Folgendes berichtet: „Vor einem Spiel bin ich in die Kabine gekommen, der Boden war in Blut getränkt. Ich erfuhr, dass die Taliban hier soeben zwei Dieben die Hände abgehackt haben. Ich wollte nicht spielen. Aber es waren hochrangige Taliban-Offiziere im Stadion. Wir hatten keine Wahl: ent¬ weder spielen oder bestraft werden.“ Favorisierte einer dieser Offiziere ein Team, war besondere Vorsicht geboten. „Meistens hat der Schiedsrichter dann zu ihren Gunsten gepfiffen. Und auch wir taten gut daran, das Spiel nicht zu gewinnen.“
Unter den Taliban war der Fußball nicht verboten, sondern nur gewissen Regeln unterworfen. „Man durfte keine Haut sehen. Also trugen alle lange Hosen, lange Leibchen“, sagt Sayed Ali Kazemi. Als ein pakistanisches Team in Kandahar in kurzen Hosen antrat, wurden die Spieler verhaftet. „Als Bestrafung wurden allen die Haare abrasiert“, berichtet der pakistanische Journalist Muhammad Wasim in Dorseys Buch „The Turbulent World of Middle East Soccer“.
Dass Fußball bei den Taliban akzeptiert war, führt Dorsey auch auf den mittlerweile getöteten Al-Kaida-Anführer Osama bin Laden zurück. „Fußball war perfekt, um eine kohärente, starke Gruppe zu kreieren“, schreibt er in seinem Blog mideastsoccer. „Die Attentäter von Madrid 2004 spielten gemeinsam Fußball. Als Jugendlicher organsierte bin Laden Fußballspiele in seinem verarmten Heimatort Jeddah.“ Später nutzte er diese Spiele, um zu predigen. Mehrere Quellen behaupten, dass bin Laden auch selbst gespielt habe und zu seinen Studienzeiten in London Anhänger von Arsenal gewesen sei. Als sich al-Kaida in den frühen 1990er Jahren im Sudan etablierte, veranstaltete bin Laden eine eigene Fußballliga für seine Kämpfer. Laut Dorsey soll er sogar Weltmeisterschafen austragen haben, unterteilt in die Herkunftsländer seiner Gefolgsleute. „Als die Taliban Afghanistan eroberten, haben sie den Menschen alles genommen“, sagt Verbandsfunktionär Ali Kazemi. „Ein Großteil der Leute war arbeitslos. Fußball spielen und schauen war ihr einziges Hobby“. Nur wenn der Adhan ertönte, der islamische Gebetsruf, mussten die Spiele unterbrochen werden.
Show und Spiele
2001 endete das Taliban-Regime mit dem Einmarsch der von den USA angeführten ISAF-Truppen. Bis 2002 durfte Afghanistan keine internationalen Bewerbsspiele austragen. Mittlerweile wird im Ghazi-Stadion wieder Fußball gespielt. Seit 2012 gibt es eine Liga, die Afghan Premier League. „In 31 Provinzen haben wir funktionierende Verbände“, sagt Ali Kazemi. Die Meisterschaft wird jedoch einmal jährlich über zwei Monate in Kabul ausgespielt. Zu unsicher ist die Lage in Provinzen wie Kundus. Die Nationalmannschaft muss ihre Heimspiele derzeit ohnehin noch im Ausland bestreiten, doch Ali Kazemi gibt sich optimistisch: „Fußball ist ein Ausdruck der Freude. Nach jeder Saison schreiben mehr und mehr Eltern ihre Kinder bei Vereinen ein. Kricket gilt als Sport der Paschtunen, aber Fußball wird von allen Bevölkerungsgruppen gespielt: Paschtunen, Tadschiken, Usbeken, Hasara.“
Inzwischen nimmt der Fußball sogar Eventcharakter nach westlichem Vorbild an. „Als wir 2012 mit der Liga starten wollten, brauchten die Vereine in erster Linie Spieler“, sagt Ali Kazemi. Dabei half eine Castingshow, Fußballer aus dem ganzen Land konnten sich per Video bewerben. Während der zweimonatigen Meisterschaft verdienen die Spieler umgerechnet 90 Euro, das entspricht in etwa dem Durchschnittseinkommen in Afghanistan. Beim Ligafinale 2015 trat die beliebte, in London lebende Popsängerin Aryana Sayeed in der Halbzeit im neuen AFF-Stadion auf. Es fasst 6.000 Zuschauer und wurde 2012 eröffnet. Finanziert hat die Anlage die FIFA. Internationale Bewerbsspiele werden nun dort ausgetragen. Das keine zehn Minuten entfernte Ghazi-Stadion erfüllt die Kriterien des Weltverbands nicht mehr.