Kigali, 17. Februar 2020, zwei Uhr in der Früh. Nach 17-stündiger Anreise werde ich von einem Mann in Schutzausrüstung zu meinem Gesundheitszustand und möglichen Krankheitssymptomen befragt. Coronaprophylaxe zu einem Zeitpunkt, an dem in Europa das Wort vielfach noch mit einem mexikanischen Bier assoziiert wird. Der kleine ostafrikanische Staat, der vor 26 Jahren als Schauplatz einer der schlimmsten Genozide der Menschheitsgeschichte traurige Berühmtheit erlangte, ist um Vorsicht bemüht.
Am nächsten Tag verfolge ich gemeinsam mit 30 Menschen in einer als Touristenunterkunft genutzten Ausbildungsstätte am Rande des Nyungwe-Nationalparks das Achtelfinalspiel der Champions League zwischen Liverpool und Atletico Madrid. „Zwei Drittel der Ruander mögen englischen Fußball“, sagt John, der mir den Sessel neben sich angeboten hat. Zu den Premier-League-Fans gehört auch Langzeitpräsident Paul Kagame. Seine Sympathie für Arsenal schlägt sich zum Beispiel in einem 30-Millionen-Pfund-Deal zwischen dem ruandischen Staat und dem Londoner Klub nieder. Den linken Ärmel der Arsenal-Trikots ziert seit dem Sommer 2018 der Schriftzug „Visit Rwanda“. So möchte sich Ruanda mit seinen Nationalparks, Vulkanen und Seen der Weltöffentlichkeit als Tourismusland präsentieren. 2016 verzeichnete der Staat, der aufgrund seiner Topografie auch als Land der 1.000 Hügel bezeichnet wird, mehr als eine Million Besucher. Das Land verfügt über eine gute Infrastruktur und befindet sich seit einigen Jahren im wirtschaftlichen Aufschwung.
Einheit auf den Rängen
So wie Ruanda bei Arsenal präsent ist, so ist es Liverpool in Ruanda. Übergroße Fotos von Sadio Mane und Co. prägen die Fassaden der gar nicht so wenigen Sportbars in der Hauptstadt Kigali. Spiele aus der Premier League und der Champions League sind teilweise echte Straßenfeger, Fußball ist vielfach ein TV-Sport, wie John im Gespräch bestätigt: „Warum sollte ich ins Stadion gehen? Hier kann ich mein Wasser trinken, spare mir das Geld für den Eintritt und außerdem ist der Fußball besser.“
In Kigali treffe ich Gerard Migambi, der im Management von Rayon Sports, dem populärsten Klub des Landes, tätig ist. Neun Meistertitel konnte die Mannschaft bereits einfahren, zuletzt in der abgelaufenen Saison. Der größte Rivale ist der Armee Patriotique Rwandaise FC, kurz APR FC, mit 17 Titeln. Der Verein trägt das Militär im Namen, weil er 1993 aus der Armee der Tutsi-Rebellen hervorging. Der APR FC wird von der heutigen Regierungspartei, der Ruandischen Patriotischen Front, unterstützt, deren Machtergreifung 1994 den Genozid an der Tutsi-Minderheit beendete. Die damaligen Geschehnisse haben das Land tief geprägt: In knapp 100 Tagen wurden Schätzungen zufolge rund eine Million Angehörige der Tutsi sowie oppositionelle Hutu durch die Hutu-Mehrheit umgebracht. Staatspräsident Kagame, der wegen der Unterdrückung der Opposition international in der Kritik steht, treibt den Versöhnungsprozess im Land voran – etwa durch den staatlich angeordneten Putztag „Umuganda“. Er soll nicht nur zur Müllbeseitigung dienen, sondern vor allem ein Zusammenkommen unterschiedlicher Menschen ermöglichen.
Ganz ähnlich funktioniert für Migambi auch der Fußball als Mittel der Verständigung, wenn bis zu 20.000 Zuschauer zu den Spitzenspielen ins Stadion kommen. „Es geht nicht um die Frage, welcher Gruppe wir angehören, wir alle sind Fans von Rayon Sports“, sagt der Sportfunktionär.
Warten auf die WM
Der Einheit zwischen Volksgruppen auf den Rängen steht auf dem Platz eine immer größer werdende Schere zwischen armen und reichen Vereinen gegenüber. „Die finanzielle Situation ist sehr herausfordernd, besonders für viele kleine Klubs“, sagt Migambi. Viele Spieler seien offiziell zwar Profis, doch Gehälter würden oft zu spät ausgezahlt. Nicht zuletzt deswegen verlassen Fußballer das Land, 13 Spieler des aktuellen Nationalteamkaders sind im afrikanischen und europäischen Ausland aktiv.
Ein Schlüssel zur Professionalisierung könnte die Nachwuchsarbeit sein. Jacques Kayisire betreibt in Kigali die Dream Team Football Academy für 150 Kinder und Jugendliche zwischen drei und 20 Jahren. Auch Kinder von Familien aus Europa und den USA sind dabei. Neben dem Training legt die Akademie Wert auf eine Ausbildung von Nachwuchstrainern und sieht den Sport als Vehikel für Werte und Fähigkeiten, die auch neben dem Platz von Bedeutung sind. „Die Kinder sollen sich durch den Sport Selbstvertrauen, Disziplin und Teamgeist aneignen“, sagt Kayisire, der selbst für Rayon Sports spielte, später in den Niederlanden und den Vereinigten Staaten studierte und 2010 die Akademie gründete. Zum zehnjährigen Jubiläum wünscht er sich die Etablierung von Frauenteams im Land. In der Akademie würden Mädchen zwar selbstverständlich mittrainieren, doch das sei eine Ausnahme. „Fußball für Frauen ist in unserer Kultur leider nicht verankert“, sagt er, „ganz im Gegensatz zu Basketball, Volleyball und Tennis.“
Sport ist ein wesentliches Instrument im Versöhnungsprozess, sagt auch Kayisire. Noch wirksamer könnte er durch internationale Erfolge angetrieben werden. Doch die sind rar. 2004 nahm das Land erstmals am Afrika-Cup teil, 2016 richtete es die Afrikanische Nationenmeisterschaft aus, bei der ausschließlich auf dem Kontinent tätige Spieler eingesetzt werden dürfen. Auch bei der diesjährigen Auflage in Kamerun hätte Ruanda teilgenommen, das Turnier wurde wegen der Coronapandemie allerdings abgesagt.
Für eine Weltmeisterschaft konnte sich Ruanda noch nie qualifizieren. „Die Qualifikation ist sehr schwierig“, sagt Gerard Migambi. Um 2022 in Katar dabei sein zu können, muss das Team nach dem Erstrundensieg über die Seychellen eine Gruppenphase und eine weitere K.-o.-Phase überstehen. Planmäßig soll die Qualifikation im Oktober fortgesetzt werden. Doch das ist ungewiss. Offiziell sind in Ruanda Stand Mitte April 138 Covid-19-Infektionen bestätigt. Das Land hat Mitte März als erster afrikanischer Staat einen Lockdown verordnet. Bis wieder Normalität einkehrt, sind sicher noch einige der 1.000 Hügel zu überqueren.