Unter den Dingen, die einem in den entscheidenden Minuten eines Spiels durch den Kopf gehen, nimmt das Budget in der Regel keinen prominenten Platz ein. Als die Wiener Austria im August 2013 den Einzug in die Champions League fixierte, träumten aber wohl ungewöhnlich viele Fans im alten Franz-Horr-Stadion schon davon, dank der Einnahmen aus der Millionenliga zum ersten Rivalen von Red Bull Salzburg aufzusteigen. Die Hoffnung schien nicht unbegründet. In der Gruppenphase sollte die Austria mit rund 15 Millionen Euro ein halbes Jahresbudget verdienen.Sieben Jahre später sind diese Träume längst geplatzt. Im Herbst 2019 musste der Verein einen verbesserten Liquiditätsplan nachreichen, um die Lizenzauflagen der Bundesliga für die laufende Saison zu erfüllen. Fehlende Einnahmen aus Europacup und Transfers rissen ein Loch ins Budget und machten Investitionen in die Mannschaft unmöglich. „Da sind wir in einem gewissen Teufelskreis gefangen“, gab Finanzvorstand Markus Kraetschmer bei 90minuten.at zu Protokoll. Am Ende konnte der Verein einen umfassenden Geschäftsbericht vorlegen. Ein wasserdicht überarbeitetes Budget will die Bundesliga aber auch im Herbst 2020 wieder sehen – diesmal aufgrund von Covid-19.
EUROPÄISCHE SICHERHEIT
„Die Austria würde einen Saisonabbruch nicht überleben“, wurde Kraetschmer im April in der Kronen Zeitung zitiert. Damit habe er bewusst provokant auf die Probleme der Profiklubs aufmerksam machen wollen, sagt er heute. „Red Bull Salzburg und der LASK sind auch aufgrund der Europacupteilnahmen liquide. Alle anderen sind auf die Einnahmen aus Fernsehen und Sponsoring angewiesen.“ Mit Wiederbeginn der Saison konnten die Vereine ein Stück Sicherheit zurückgewinnen. Denn tatsächlich braucht der Profifußball die mediale Präsenz wie einen Bissen Brot. Bei der Austria machten die Übertragungsrechte 2018/19 zwar nur acht Prozent des Umsatzes von 32 Millionen Euro aus. Weil zwei Drittel aber durch Sponsoring und Werbung verdient werden, hätte ein Abbruch trotzdem zu massiven Verlusten geführt.
„Rein sportlich ist der Europacup unser absolutes Ziel, wir können seriöserweise aber keine Einnahmen budgetieren.“
Markus Kraetschmer, Austria-Vorstand
Auch die Bedeutung des Europacups lässt sich in Zahlen illustrieren: Als die Wiener 2017 letztmals die Gruppenphase der Europa League erreichten, nahmen sie nicht nur fünf Millionen an UEFA-Geldern ein. In den Spielen gegen AEK, Milan und Rijeka kamen knapp 1,4 Millionen Euro durch Ticketverkäufe hinzu, und die internationalen TV-Gelder übertrafen die nationalen um das Dreifache. Das alles sind Einnahmen, auf die der Klub seither verzichten muss. Es ist fraglich, ob die nach dem Grunddurchgang siebtplatzierte Austria den Europacup heuer noch erreicht – allerdings auch, ob dieser überhaupt ausgetragen wird. „Ich kann es mir zum jetzigen Zeitpunkt in der gewohnten Form nicht vorstellen“, sagt Markus Kraetschmer. „Rein sportlich ist der Europacup unser absolutes Ziel, wir können seriöserweise aber keine Einnahmen budgetieren.“
TEURES PRESTIGE
Die Chancen auf eine violette Einkaufstour im Sommer sind also gering – wieder einmal. Seitdem der Klub 2016 das S.T.A.R.-Projekt in Angriff nahm, muss er sich am Transfermarkt nach der Decke strecken. Hinter der Abkürzung verbergen sich das erneuerte Stadion samt Trainingsplätzen, die Akademie und das regionale Nachwuchszentrum, ein 48 Millionen Euro schweres Prestigeprojekt. Auch aufgrund der Einnahmen aus der Champions League konnte die Austria 23 Prozent davon aus eigener Tasche zahlen, 73 Prozent per Bankkredit. Den Rest nahm der Verein durch eine Crowdfundingaktion ein. Diese Investitionen schlagen sich entsprechend auf die Finanzen nieder, 2016 bilanzierte der Verein sogar negativ. Doch das Stadion soll sich lohnen und jährlich drei Millionen Euro mehr in die Vereinskasse spülen.
Spieler wie Larry Kayode und Jens Stryger-Larsen wurden nach erfolgreichen internationalen Auftritten um mehrere Millionen verkauft.
Der Vorstand wird nicht müde, die Nachhaltigkeit des Projekts zu betonen. „Schon in der ersten Saison haben sich die Besucherzahlen, das Sponsoring und die Einnahmen durch VIP und Hospitality erhöht“, sagt Kraetschmer. Die 6.300 Abonnements und ein Zuschauerschnitt von 10.200 im ersten Jahr der Austria Arena sind ein Rekordwert, dem die sportliche Leistung bis jetzt nicht gerecht werden konnte. Auch am Tabellenstand lässt sich ablesen, dass das S.T.A.R.-Projekt in den letzten Jahren mehr Mittel gebunden hat, als den Verantwortlichen lieb war. „Rund um das Stadion hat es Mehrkosten und Verzögerungen gegeben“, sagt Kraetschmer. „Wir haben zwar wie bei jedem Bauvorhaben eine gewisse Budgetüberschreitung einkalkuliert. Die wurde dann leider aus mehreren Gründen noch übertroffen.“ Behördliche Auflagen machten zum Beispiel größere Investitionen in die 20 Jahre alte Südtribüne nötig. Außerdem entschied sich der Verein, mehr Geld in Digitalisierung und Technik des Neubaus zu stecken. Davon erwartet man sich langfristig entsprechenden Zusatznutzen. Durch die Ablöse der Pachtrechte von Flächen für das Stadtentwicklungsprojekt Viola Park sollte Geld an den Verein zurückfließen, das für den Bau kalkuliert wurde. Doch der entsprechende Beschluss im Wiener Gemeinderat ließ auf sich warten. „Um die Fertigstellung mit Juli 2018 sicherzustellen, mussten zusätzliche Kredite aufgenommen werden. Diese haben in den Folgesaisonen Mehrkosten in der Finanzierung verursacht. Damit waren Mittel gebunden“, sagt der Finanzvorstand.
Als wäre der Gürtel nicht schon eng genug, kam es im vergangenen Jahr auch zu Problemen mit einem internationalen Großsponsor. Ein einstelliger Millionenbetrag ist verbucht, jedoch noch nicht ausbezahlt. „Wir haben Anspruch auf das Geld. Aber wir müssen Extrameter gehen“, sagt Kraetschmer. Um wen es sich handelt, darf er nicht verraten – nur, dass es nicht Gazprom ist. Der Einstieg des Energiekonzerns sorgt seit zwei Jahren für heiße Diskussionen unter Austria-Fans. Während die einen in Gazprom einen finanzkräftigen Sponsor sehen, orten andere einen weiteren Versuch, Russlands Image in Mittel- und Westeuropa aufzuhübschen. Doch bislang prangt der Schriftzug nur auf den Trikots der Zweitmannschaft und des Nachwuchses.
ACHILLES OHNE ABLÖSE
Wenn die Austria beim Geldverdienen Extrameter gehen muss, belastet sie unweigerlich ihre Achillessehne: den unausgewogenen Kader. Vor der Rückkehr nach Favoriten wurden Spieler wie Bright Edomwonyi, James Jeggo, Michael Madl und Max Sax bis zu vier Jahre gebunden. Die erhoffte Leistung konnten sie jedoch nicht bringen. Aus dem Umfeld des Vereins ist zu hören, dass eine Unterschrift für die Austria in den letzten Jahren mit einer überdurchschnittlich hohen Bezahlung honoriert wurde. Monatliche Grundgehälter von 20.000 Euro aufwärts dürften keine Seltenheit sein. Zwar besteht der Großteil des Gehalts aus Prämien, und mit Personalaufwendungen von 37 Prozent sticht die Austria im internationalen Vergleich nicht heraus. Langzeitverträge rechnen sich jedoch nur, wenn Spieler dadurch höhere Transfererlöse erzielen. Für die Austria, die auf solche Verkäufe setzt, ist das Chance und Hemmschuh zugleich. Und wieder schließt sich der Kreis zum Europacup: Spieler wie Larry Kayode und Jens Stryger-Larsen wurden nach erfolgreichen internationalen Auftritten um mehrere Millionen verkauft. Nun ist allein Christoph Monschein dank seiner guten Torquote ein Kandidat für einen lukrativen Wechsel.
„Hinter den Kulissen tut sich viel. Wir versuchen, den Verein breit aufzustellen und viele Klein- und Mittelbetriebe ins Boot zu holen.“
Raimund Harreither, Austria-Vizepräsident
„Es wird keinen Ausverkauf geben, aber auch keine Einkaufswelle. Sportvorstand Peter Stöger und ich sind ganz auf einer Linie, dass wir wie viele andere Klubs Vorsicht walten lassen werden“, sagt Kraetschmer. Dass die im August 2019 erfolgte Bestellung des ehemaligen Meistertrainers eine Art Alleinherrschaft des Finanzvorstands beendet habe, weist dieser von sich. „Das ist immer wieder kolportiert worden, stimmt aber nicht. Es ist kein Spieler geholt worden, nur weil ich mir das eingebildet habe. Letzten Endes hat die Unterschrift des Sportdirektors den Ausschlag gegeben, ob das nun Franz Wohlfahrt oder Ralf Muhr war“, sagt er. „Es ist aber wichtig, dass der sportlich Letztverantwortliche auch in den Geschäftsbetrieb eingebunden ist.“ So sei Stöger auch an der Zukunftsplanung des Vereins beteiligt.
KOALITION DER WILLIGEN
An ebenjener Planung wird deutlich, dass sich auch das Sponsoring gewandelt hat. Zahlten einst Firmen vor allem für die Präsenz auf den Trikots und Werbebanden, wird heute ein breiteres Feld beackert. „Es geht nicht darum, einen Aufkleber zu verkaufen, sondern die Sponsoren erfolgreicher zu machen. Das kann über Werbung, über Connections oder über Bildungsprogramme funktionieren, an denen sie beteiligt sind“, sagt Raimund Harreither. Der Heizungsunternehmer ist Vizepräsident des Klubs und seit 13 Jahren Sponsor. Zudem ist er Schirmherr des Bildungsprogramms Violafit und wesentlich daran beteiligt, neue Partner für die Austria zu begeistern. „Hinter den Kulissen tut sich viel. Wir versuchen, den Verein breit aufzustellen und viele Klein- und Mittelbetriebe ins Boot zu holen.“ Dass vor allem diese Betriebe von der Coronakrise getroffen sind, ist für Harreither kein Grund zur Sorge: „Ein Unternehmen muss für solche Fälle immer Eigenkapital zur Verfügung haben.“
Wir wollen zumindest 100.000 Euro lukrieren, damit wären wir unter den Top 20 bei den Sponsoren.“
Christian Gaiser, Austria-Fan
Gegenüber dem ballesterer signalisieren mehrere Sponsoren ihre Bereitschaft, im Geschäft zu bleiben. „Wir sehen beim FK Austria Wien derzeit keinen Handlungsbedarf, insbesondere, da nun auch der Ligabetrieb samt Medienpräsenz weitergeht“, bestätigt ein Sprecher eines staatlichen Glücksspielunternehmens. „Vorerst planen wir keine Kürzungen“, heißt es auch vonseiten eines Baukonzerns. Allerdings mit dem Zusatz: „Wir können dazu aber noch keine sichere Antwort geben, weil wir davon ausgehen, dass die Kriseneffekte die Bauwirtschaft verzögert treffen.“ Und ein Telekomunternehmen gibt zu Protokoll, dass aufgrund der Ausnahmesituation neue Kooperationsmodelle gefragt sein könnten. Laut Kraetschmer könnten diese in einer Staffelung oder Verschiebung der Sponsorleistung ins nächste Jahr oder einer Umschichtung auf andere Formate wie Social Media bestehen – doch auch gedrosselte Geldflüsse sind ein Thema.
ENGAGIERTE FANS
Unter den 160 Partnern der Austria könnte sich demnächst auch eine Gruppe von Fans befinden, die per Crowdfunding für den Verein sammeln will. Noch in diesem Sommer soll der Austria Wien Supporters Club seine Tätigkeit aufnehmen. „Wir wollen zumindest 100.000 Euro lukrieren, damit wären wir unter den Top 20 bei den Sponsoren“, sagt Christian Gaiser, einer von vier Initiatoren. „Uns geht es um die Unterstützung des Vereins in einer schwierigen Situation. Wenn wir eine vierstellige Anzahl an Sympathisanten erreichen, wäre das ein großer Erfolg.“ Aus rechtlichen Gründen kann es für die spendenwilligen Fans nur symbolische Gegenleistungen geben, etwa Verlosungen von Trikots und Blicke hinter die Kulissen. „Ich will nicht, dass jemand beitritt und glaubt, er kann beim Verein mitreden“, sagt Gaiser.
Ganz anders sieht es hinkünftig eine Etage darüber aus. Im Februar erklärte Vereinspräsident Frank Hensel auf der Generalversammlung, nach zahlungskräftigen Investoren zu suchen. „Wir müssen neue Einnahmen gewinnen und neue Ideen entwickeln“, wird er in einer Aussendung zitiert. Nachdem die Gremien im Herbst ihre Zustimmung gegeben haben, darf die Austria Wien AG, deren einziger Gesellschafter der Verein ist, bis zu 49,9 Prozent der Kapitalanteile für eine strategische Partnerschaft in die Waagschale werfen. „Wir sind derzeit, also auch während der Coronakrise, mit mehreren Interessenten in Kontakt. Dabei geht es uns nicht einfach um das meiste Geld, sondern um eine geschäftliche und sportliche Perspektive“, sagt Markus Kraetschmer. Auch mit Gazprom wurde das Thema besprochen. Für den Konzern, der Haupteigentümer von Zenit Sankt Petersburg ist, käme ein Engagement als Aktionär im Profibereich auch wegen der Financial-Fairplay-Regelungen der UEFA nicht infrage, sagt Kraetschmer. Er erwartet keine rasche Entscheidung: „Wir sind auf einem guten Weg, aber noch weit von einer Unterschrift entfernt. Das Schöne ist aber, dass die Austria für internationale Partner interessant ist.“
Ende Mai hat sich die prekäre Situation in Favoriten etwas entspannt. Im Gemeinderat wurde die Abwicklung des Viola Parks beschlossen, der Verein kann nun über das gebundene Geld verfügen. Zwei Tage danach folgten die Vertragsverlängerungen mit Patrick Pentz und Manprit Sarkaria. Und schließlich nimmt man einen neuen Anlauf, um sich sportlich zu verbessern. In einer leeren Austria Arena sahen Vereinsvertreter und Journalisten am 2. Juni zu, wie der 20-jährige Eigenbauspieler Dominik Fitz gegen die Admira das einzige Tor im Spiel erzielte. Und wieder wird der Anteil derer, die dabei an das Vereinsbudget dachten, kein geringer gewesen sein.