Das Herz meines zwölfjährigen Ichs klopft an diesem Sommertag des Jahres 1996 bis zum Hals. In der einen Hand ein Rucksack, mit Handtuch, Duschzeug und Schienbeindeckel. Wer weiß, ob ich sie brauche. Der da gegenüber, in der Kabine, zieht sich gerade „Sechser“ an, die „Gschrauften“. Vielleicht werde ich die Deckel wirklich brauchen. Der Pichler Geri, mein Schulfreund und Goalie der U13 des SV Gaflenz, schüttelt den Kopf. Dann geht es raus, zum ersten Mal auf ein echtes Fußballfeld. Da stehen sie. Der Kapitän, der Lucic Moris, der Pürscher Stefan, der Reifberger Erwin, der Bichlbauer Sepp, genannt „Semmerl“, wegen des Bäckers gleichen Namens. Alle im Trainingsgewand, alle mit neuen Fußballschuhen. Ich trage ein altes Shirt, eine verwaschene Hose und die Schuhe meines Vaters. „Beckenbauer Star“, Baujahr irgendwas Ende der 1970er. Ein paar grinsen, als sie mich sehen. Das einzig Neue wären die Schienbeindeckel gewesen, aber die liegen im Rucksack in der Kabine. „Das ist der Clemens, der gehört ab sofort zu uns“, sagt Günther Kellnreitner, Vereinsgründer, Obmann, Hauptschullehrer, Bürgermeister, Respektsperson in der Region. Wenig später wird das meine zweite Familie sein.
SIEG GEGEN BARCELONA
Auf den ersten Blick ist der SV Gaflenz ein typischer Unterhausverein. Hier gibt es den Weißen Spritzer im Glas und wenn der Schiedsrichter nicht herschaut, kriegt man auch einmal ein Bier in der Flasche. Das Grillhendl und die Bratwurst liefert der örtliche Fleischhauer, neben dem Platz grasen Kühe und Schafe, und zweimal stündlich fährt die Kronprinz-Rudolf-Bahn von Amstetten nach Kastenraith vorbei. Seit dem 50-jährigen Jubiläum 2019 heißt der Platz der 2.000-Einwohner-Gemeinde Harreither-Arena. Der Gaflenzer Heizungshersteller Raimund Harreither ist seit mehr als 30 Jahren Sponsor des Klubs und Ehrenpräsident. „Ohne ihn gäbe es den Verein nicht mehr“, pflegt Obmann Günther Kellnreitner zu sagen. Genauso wenig wie es den Klub ohne ihn geben würde.
Sommer 1969. „Damals hat alles eine Gaudi sein müssen“, erinnert sich Kellnreitner. Die Matura geschafft, aber noch nicht bereit für den Ernst des Lebens. Oder den Fußball. Kellnreitner hat zweimal beim LASK mittrainiert, die Admira wollte ihn. „Schlampig, was das Training betrifft“, sagt er über sich selbst. Die Gaudi war wichtiger. Zur Gaudi gründet er den Verein. Mit Damensektion. Aus dem Gaudium wird Ernst, als aus dem Frauenteam das drittbeste Österreichs wird. Tourneen nach Holland, Großbritannien und Luxemburg folgen. 1981 besiegen die Gaflenzerinnen den FC Barcelona auswärts 1:0. Für Torfrau Christa Holzmüller bieten die Katalanen viel Geld. Und Kellnreitner lernt bei der Suche nach Spielerinnen seine Frau kennen. Im selben Jahr löst sich die Damensektion auf, dann dürfen es die Herren probieren. Bis dahin als Hobbyteam, ab 1981 im niederösterreichischen Ligabetrieb. Ja, was speien die Klubs von Schrems bis Sitzenberg-Reidling das Götz-Zitat aus, wenn sie nach Gaflenz fahren müssen. „Was macht ihr eigentlich hier? Ihr seid Oberösterreicher“, hört man. Das stimmt. Aber dank der Grenznähe und die fehlende, vom Landesverband jedoch vorgeschriebene Jugendmannschaft schließen sich die Gaflenzer den weniger paragrafenreitenden Niederösterreichern an.
TALENTESCHMIEDE
Als sich der Klub Mitte der 2000er Jahre anschickt, als erster oberösterreichischer Verein niederösterreichischer Meister zu werden, streckt der damalige OÖFV-Präsident Leo Windtner zart die Fühler aus. Vergeblich. Der Familienbetrieb Kellnreitner läuft weiter. Hanni Kellnreitner, Siegestorschützin in Barcelona, leitet die Gastro am Platz, Sohn Max, selbst lange in der Kampfmannschaft, ist sportlicher Leiter, Tochter Sarah kickt mit den Buben, so lange es alte weiße Männer erlaubten, die Sektionsleitung hat Günthers Bruder Franz, der nach gewonnenen Spielen den Kickern ein Ohrenreiberl verpasst. Und dessen Sohn Sebastian schickt sich an, sein Nachfolger zu werden.
Bis zu 40 Wochenstunden rackert Günther Kellnreitner für den Klub. Anfangs holt er die Jugendspieler selbst zum Training ab, später organisiert er dafür einen Bus und Fahrer. Einzigartig in der Umgebung, ebenso wie die Nachwuchsarbeit. Alle zwei Jahre veranstaltet der Klub ein internationales Turnier. Die U-Mannschaften nehmen am Gothia-Cup in Schweden, dem Helsinki-Cup und dem Norway-Cup teil, den drei größten Jugendturnieren Europas. 2003 spielt die U16 bei der Copa Amistad in Peru.
Aus dieser Saat erntet der Klub ab Mitte der 2000er Jahre den Erfolg. Das Grundgerüst der Mannschaft, die von der Gebietsliga in die Regionalliga aufsteigt, entstammt dem Nachwuchs. Wenn am Sportplatz Renovierungsarbeiten anstehen, übernehmen das die Spieler ebenso wie das Rasenmähen vor den Matches. Der eingangs erwähnte Zwölfjährige hat nach Matura und Bundesheer seine Vorlesungen an der Uni Wien auf Montag bis Mittwoch gelegt, um zumindest beim Abschlusstraining dabei zu sein. Das Wintertraining mit Berg-, Wald- und Wiesenläufen im Schnee von „Schinder-Franz“ Schachinger hat jeder heute noch in den Beinen. Und nach dem Spiel wird bis in die Morgenstunden analysiert. Auf eine Gelbe Karte für Kritik steht als Strafe eine Kiste Bier. Und vorlaut, wie die Jugend nun mal ist, gibt es derer viele.
DERBYSIEGER
2009 steht die Regionalliga vor der Tür. „Da waren wir finanziell an der Kippe“, sagt Kellnreitner. Als sich der Aufstieg abzeichnet, fragt die Klubführung die Mannschaft: „Wollt ihr das? Verstärkungen wird es keine geben.“ Alle wollen. Zwar folgt der sofortige Abstieg, aber auch ein Highlight: ein 1:0-Derbysieg gegen den nur wenige Kilometer entfernt, auf der niederösterreichischen Seite gelegenen späteren Meister FC Waidhofen/Ybbs. Trainer der Waidhofner war Ivica Vastic. 1.500 Zuschauer strömen auf den Platz, nur einer fehlt: Günther Kellnreitner. „Das hätte mein Herz nicht ausgehalten“, sagt er heute. Er hört Funktionäre aus Waidhofen schon auf 5:0 und 6:0 wetten. Vor Anpfiff verlässt er den Platz, geht nach Hause, dreht das Handy ab und sieht sich ein Spiel der Premier League an. „Einmal habe ich geglaubt, etwas zu hören“, erzählt Kellnreitner. Es wird der Jubel nach dem Siegestor gewesen sein. Balsam auf die gute Seele, ohne die es den SV Gaflenz nicht geben würde. Heute ist der Klub eine feste Größe in der Niederösterreich-Liga. Ein klassischer Unterhausklub will Gaflenz nicht sein, alles ist professioneller geworden. Busfahrer, Platzwart, Masseur, Vereinsheim, Trainingslager. Nur den Gspritzten, den gibt es immer noch im Glas.