Sein Verband habe aus der Not eine Tugend gemacht, sagte UEFA-Präsident Aleksander Ceferin bei seiner Bilanz der Europacupsaison. Nachdem Champions League und Europa League nach Ausbruch der Coronapandemie unterbrochen worden waren, holte der Verband die entscheidende Phase Mitte August in Deutschland und Portugal nach. Statt in Hin- und Rückspielen einen Aufsteiger zu ermitteln, musste ab dem Viertelfinale ein Entscheidungsspiel herhalten, die Bewerbe konnten so in wenigen Tagen in einer begrenzten Region zu Ende gespielt werden.
Ceferin ist von diesen Final-Eight-Turnieren begeistert. Sie brächten weniger Taktik, dafür mehr Abwechslung und Spannung. Die UEFA werde darüber nachdenken, das Format auch in Zukunft anzuwenden, sagte der Verbandspräsident, ehe ihm Gründe einfielen, die dagegen sprechen. Der Terminplan im globalen Fußball sei eng, und sollten wieder Zuschauer zugelassen werden, würden sich bei einer Konzentration der Fans auf eine Stadt Sicherheitsfragen ergeben. Außerdem könnten durch die Reduzierung der Spiele TV-Einnahmen verloren gehen. Also schloss er: „Es ist zu früh, um darüber nachzudenken.“
Tatsächlich ließe sich über das Format aber sehr gut nachdenken. Die Sorge, dass die UEFA um Spiele und Fernsehgelder umfallen könnte, scheint weit hergeholt. Der Verband war schon oft kreativ darin, die Anzahl der Spiele zu erhöhen, statt sie zu senken. Es ist schwer vorstellbar, dass ein Final-Eight-Turnier den derzeitigen Modus ab dem Viertelfinale ersetzt. Viel wahrscheinlicher ist, dass es als Höhepunkt auf eine weiter in die Länge gezogene Europacupsaison folgen könnte. Statt der früheren K.-o.-Phase könnte es dann zum Beispiel eine zweite Gruppenphase geben, um die Teilnehmer am Finalturnier zu ermitteln. Das wäre auch in Einklang mit den Wünschen der Großklubs, die sich sowieso schon längst eine europäische Super League wünschen.
Ceferin hat einen Punkt, wenn er die Attraktivität der Turniere betont. Statt sich aufgrund der zerstückelten Anstoßzeiten über Wochen hinweg Termine und Hinspielergebnisse merken zu müssen, schafft das Final-Eight-Turnier niedrige Eintrittsschwellen. Man lernt die Mannschaften schnell kennen, kann sie einfach verfolgen und kommt fast in so etwas wie eine WM- und EM-Stimmung. Der Europacup wird damit noch mehr zum Event. Auch das spricht für eine gute wirtschaftliche Verwertbarkeit.
Fernsehsender würden um die Übertragungsrechte wettbieten, Städte und Regionen Schlange stehen, um solche Turniere auszurichten. Und damit scheint auch Ceferins dritte Sorge unbegründet. Ein Eventturnier wird andere Fans ansprechen als bisher. Es wird Zuschauer anlocken, die sich zehn Tage Urlaub für ein Turnier nehmen können, die über ausreichend finanzielle Mittel verfügen, um sich eine solche Reise mitsamt Übernachtungen leisten zu können, und die nach dem Überstehen der komplizierten Ticketlotterie auch situationselastisch genug sind, die Spiele einer anderen Mannschaft zu besuchen, wenn die ihre ausgeschieden ist. Ein solcher Event-Europacup wäre einfach der logische nächste Kommerzialisierungsschritt im modernen Fußball. Hoffentlich denkt Ceferin möglichst lange nicht weiter darüber nach.