Seit ich denken kann, empfinde ich eine tiefe Liebe für den Verein meiner Stadt. Dazu trägt auch meine Familienprägung bei, mein Vater war nämlich nicht nur Fotoreporter beim Mattino, sondern auch der Fotograf der SSC Napoli. Manchmal nahm er meinen großen Bruder Riccardo und mich mit, wenn er Spieler fotografieren sollte. Ich erinnere mich, dass wir oft bei Giuseppe Savoldi zu Gast waren. Während mein Vater mit dem Stürmer über Musik plauderte, spielte ich mit seinem Sohn Fußball. Natürlich war ich auch am 5. Juli 1984 dabei, um den neuen und letzten König Neapels zu begrüßen: Diego Armando Maradona. Unter den 70.000 Fans im Stadion beobachtete ich, wie er die Treppen hinaufstieg. Als er den Rasen betrat, betäubte das Getöse mein Trommelfell, mein Herz schlug wild wie die Trommeln in der Curva A. Die Fans strahlten eine so große Wärme aus, dass ich mir mein schweißtropfendes T-Shirt ausziehen musste. Wir sahen Diegos Augen nur aus der Distanz, sein Versprechen konnten wir daraus dennoch ablesen: Er würde die Liebe erwidern.
Am 20. Mai 1985 hing mir mein Vater die Nikon FM um den Hals und sagte: „Folge deinem Bruder, lerne so zu fotografieren wie er.“ Nicht einmal ein Jahr nach seiner Ankunft fand ich mich eine Handbreite vom Gott des Fußballs entfernt. Nun durfte ich meine Emotionen auf Film festhalten, ich fotografierte die tausend Gesichtsausdrücke Diegos und seine Tänzchen mit dem Ball. Am 28. August 1985 betrat ich erstmals den Rasen des San Paolo. Meine Beine zitterten, als ich die Treppen hochging, die Diego ein Jahr zuvor erstmals hinaufgestiegen war. Ich sollte Fotos von der Cuppartie gegen Salernitana machen: Napoli gewann 3:1, Maradona erzielte zwei Tore.
Ich ging oft zum Training, für die Zeitung, aber auch für mich. Die ersten Male versteckte ich mich mit meinem Objektiv in einer Ecke, langsam tastete ich mich immer näher heran, bis ich plötzlich inmitten der Spieler stand. Mit Ende des Trainings endete auch meine Arbeit. Aber wenn Diego blieb, blieb auch ich. Er war beim Training der Inbegriff der Schönheit. Vielleicht waren das die einzigen Momente, in denen er sich richtig frei fühlte. Manchmal streifte er sogar die Handschuhe von Claudio Garella über, um zwischen den Stangen zu fliegen. Wenn er gaberlte, schien die Zeit stehenzubleiben, alle beobachteten still das Schauspiel seines intimen, magischen Verhältnisses zum Ball. Nicht einmal der Regen konnte ihn stoppen, dann tobte er auf dem Trainingsplatz im Gatsch – genauso wie die Kinder in den Quartieri Spagnoli, dem Viertel, in dem ich aufgewachsen bin.
Übersetzung: Jakob Rosenberg
Die Fotos stammen aus dem Buch
Sergio Siano
„Maradona“
(Intra Moenia 2018)