Im Familienbetrieb der Guttmanns war das Parkett aus Holz und nicht aus Rasen: Die Eltern Abraham und Esther betrieben in Budapest eine Tanzschule. Der am 27. Jänner 1899 geborene Bela lernt das Gewerbe, doch ihn und seinen drei Jahre älteren Bruder Armin zieht es zum Fußball. Zunächst spielt er beim Erstligisten Törekves SE, 1919 geht er zu MTK Budapest, einem Klub mit jüdischen Wurzeln und großer Spielkultur. „Der Fußball, den MTK Budapest zu dieser Zeit spielt, war elegant, intelligent, wissenschaftlich“, schreibt Guttmann-Biograf Detlev Claussen. Präsident Alfred Brüll hatte die Briten Jimmy Hogan und John Tait Robertson als Trainer nach Budapest geholt. Ihr gepflegtes Passspiel gepaart mit Fitness und schnellem Abschluss wird die Basis des Donaufußballs und einer der prägenden Einflüsse auf Bela Guttmann. „Wenn die Erfinder des Fußballspiels mehr Fokus auf das Kopfballspiel gewünscht hätten, hätten sie es Kopfball und nicht Fußball nennen sollen“, sagt er später. Guttmann ist Teil einer Mannschaft mit großen Namen wie György Orth, Alfred Schaffer und Imre Schlosser. Zweimal wird er mit MTK Meister.
Über die Donau
Ein Schwarzgeldskandal in der Liga des Scheinamateurismus und erste Pogrome unter der Regierung Miklos Horthys veranlassen viele MTK-Spieler in der Folge, Budapest zu verlassen. Wie Schaffer und Schlosser verschlägt es auch Guttmann 1922 nach Wien. Der Wechsel soll kein Nachteil sein, denn er kommt in eine der damals wichtigsten Fußballstädte des Kontinents. Und Wien will, anders als Budapest, auch offiziell professionell werden. 1924 wird die Profiliga ins Leben gerufen.
Der SC Hakoah Wien engagiert den Mittelläufer. Guttmanns Wechsel zum jüdischen Aushängeschild des Wiener Fußballs hat keine religiösen, sondern finanzielle Gründe. Er soll ein damaliges Ministergehalt verdient haben. Zudem hat er sportlich viele Freiheiten. „Er leitete alle Angriffe mit zentimetergenauen Pässen ein und war sich aber auch in der Defensive für nichts zu schade“, wird sein Trainer Arthur Baar später über ihn sagen. „Als Spieler hat er keinen Trainer gebraucht. Wenn er zum Training kam, lief er ein paar Runden, machte Sprints und andere Übungen, um seine Kondition hoch zu halten.“ Als Mittelläufer ist Guttmann das Bindeglied zwischen Defensive und Offensive in der damals üblichen Pyramide, dem 2-3-5-System. Er organisiert das Spiel und befindet sich hinter der Stürmerreihe in der perfekten Position, um das zu tun, was er später auch von seinen Schützlingen verlangen wird: zu schießen. Mehrmals ist in den zeitgenössischen Spielberichten von Weitschusstoren Bela Guttmanns zu lesen. Die Wiener Morgenzeitung schreibt über sein Debüt im März 1922 gegen den ASV Hertha, so eine Spielweise habe man in Wien noch nicht gesehen. „Sein taktisches Verständnis, sein Zuspiel und sein Stellungsvermögen machen ihn zu einem Mittelläufer der Sonderklasse.“
Nach dem Debüt gibt es jedoch nicht nur Lob, er wird auch strafrechtlich belangt – für ein Vergehen am Platz. Er soll Hertha-Spieler Max Reiterer bei einem Kopfballduell unterlaufen und dadurch schwer verletzt haben. Es ist nicht das einzige Mal, dass der Spieler sich solche Ausfälle leistet. „Ob der Trainer Guttmann einen Spieler wie Guttmann ertragen hätte?“, fragt Biograf David Bolchover im ballesterer-Gespräch, ehe er die Antwort gibt. „Wohl nicht, aber Guttmanns Disziplinlosigkeiten haben sich selten gegen seine Trainer gerichtet. Meist hat er sich einfach ungerecht behandelt gefühlt.“ Grund dazu hat er zumindest im Nationalteam. 1924 reist er als Teil des ungarischen Olympiateams zu den Spielen nach Paris. Auf 17 Spieler kommen 18 Funktionäre, die es sich dort gut gehen lassen, während die Spieler schlecht untergebracht und verpflegt werden. Guttmann begehrt auf und wird gemeinsam mit anderen Legionären als Schuldiger für das frühe Ausscheiden der Mannschaft ausgemacht. Da sie nicht mehr in Ungarn spielen würden, fehle es ihnen am nötigen Willen, alles für das Land zu geben, sagt Ferencvaros-Präsident Ernö Gschwindt. Guttmann bestreitet nur vier Spiele im Nationalteamdress.
Über den Atlantik
Sportlich ist die Hakoah in diesen Jahren einer der größten Klubs Europas. 1925 holt die Mannschaft den ersten Meistertitel der Profiliga, 1923 gewinnt sie als erstes Team vom Kontinent ein Spiel in England: 5:0 schlagen Guttmann, Alexander Neufeld, Egon Pollak und Kollegen West Ham United im Upton Park. Mit einem Schlag habe die Hakoah den Wiener Fußball in aller Welt bekannt gemacht, schreibt das Illustrierte Sportblatt. Die Wiener präsentieren sich mehrfach auf Tourneen, 1926 in den USA. Zehn Partien vor vollen Rängen spielt die Hakoah in New York und Chicago. Die Meistermannschaft zerbricht auf dieser Tournee, denn mehrere Spieler lassen sich von der Aussicht auf höhere Verdienstmöglichkeiten in Amerika begeistern. Auch Bela Guttmann. „Er wurde nach dem Spiel von Managern belagert“, erzählt Teamkollege Moritz Häusler später.
Guttmann unterschreibt in New York einen Vertrag, er bekommt 500 Dollar Handgeld und 350 Dollar monatlich – und die Erlaubnis, einen zweiten Beruf auszuüben. Guttmann spielt bei mehreren Teams – den Brooklyn Wanderers, den New York Giants, der New York Hakoah, dem New York Soccer Club und den Hakoah All-Stars. In den Roaring Twenties beteiligt er sich zudem an Bars und eröffnet eine Tanzschule. Später wird er erzählen, er habe über so große Rücklagen verfügt, dass er damit spekuliert habe, die Fußballschuhe an den Nagel zu hängen. Dieses Vorhaben zerstört der Börsencrash im Oktober 1929.
Guttmann verliert den Großteil seines Vermögens und kehrt 1932 nach Wien und zur Hakoah zurück. Doch als Spieler hat er seinen Zenit überschritten. Bei einem Match gegen Rapid am 19. März 1933 im neuen Praterstadion geht dem Fitnessfanatiker 15 Minuten vor Schluss die Puste aus. Zwar feiern ihn die Medien, doch Guttmann verkündet den Funktionären nach Abpfiff das Ende seiner aktiven Karriere. Ein Spiel noch gegen den WAC, eine letzte Tournee in Frankreich und Algerien, dann ist Schluss. Als Spieler wird Guttmann nie wieder am Fußballplatz stehen. Nicht einmal für ein Legendenmatch.